„70 Prozent der Menschen haben Interesse an Telemedizin“
Mavie ist eine Tochterfirma des Versicherungskonzerns Uniqa und größter Anbieter von Telemedizin in Österreich. Sie ist Partnerin der Apotheken beim gerade laufenden telemedizinischen Projekt in Wiens Apotheken: ApoDoc. Welche Trends es in der Privatmedizin gibt und was Mavie sonst noch macht, erklären die beiden Mavie-Manager, Lukas Mayrl und Gerald Lippert, im Interview.
Das Versicherungsunternehmen Uniqa ist der wichtigste Player in Österreich was private Gesundheitsversicherungen betrifft. Es hat mehrere Tochterunternehmen. Eines davon ist Mavie Next und mit rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der größte Anbieter von Telemedizin in Österreich. Für ein Interview standen die beiden Mavie-Manager, Lukas Mayrl (Geschäftsführer von Mavie Next) sowie Gerald Lippert (Head of Telemedicine bei Mavie Next) zur Verfügung.
Ärzt*in für Wien: Mavie ist ein Tochterunternehmen des Versicherers Uniqa. Was macht Mavie genau?
Lukas Mayrl: Mavie vereint unterschiedliche ganzheitliche Gesundheitsangebote unter einem Dach – digital und persönlich, von Prävention am Arbeitsplatz oder zuhause bis hin zu medizinischer Versorgung in Gesundheitsbetrieben. Dazu zählen Mavie Work (Anbieter für betriebliche Gesundheitsförderung in Österreich, Deutschland und CEE), MavieMe (Zuhausetests für Blut, Speichel und Darmmikrobiom), Mavie Telemed (Online-Konsultationen mit selbständigen Ärztinnen und Ärzten) und Mavie Med (führender Betreiber privater Gesundheitsbetriebe in Österreich). Mit unserem Partner, dem österreichischen Marktführer in der 24-Stunden-Betreuung, cura domo, vermitteln wir auch Betreuung für zuhause.
Ärzt*in für Wien: Mit welcher Dienstleistung haben Sie begonnen?
Mayrl: Unser erster Geschäftsbereich war im Jahr 2021 die betriebliche Gesundheitsförderung mit Mavie Work (früher: consentiv, gegründet 2004). Danach entstand MavieMe, unser niedrigschwelliges Angebot für Prävention von zuhause. Mit der Einführung von Mavie Telemed bieten wir nun auch in Österreich eine Plattform für ärztliche Online-Konsultationen an. Die Konsultationen werden von selbständigen österreichischen Ärztinnen und Ärzten durchgeführt. Zusätzlich wurde Mavie Med (früher: PremiQaMed, 1991 gegründet), ein führender Anbieter privater Gesundheitsbetriebe in Österreich, im Jahr 2025 ein Teil der Marke Mavie.
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Ärzt*in für Wien: Seit wann bietet Mavie Telemedizin an – wie ist es dazu gekommen?
Gerald Lippert: Unser polnisches Tochterunternehmen, welches seit 2024 Teil von Mavie ist, bietet seit 2014 Telemedizin an und hat im Vorjahr über 1 Million Telekonsultationen durchgeführt. Mit Mavie wollen wir Menschen auf ihrem Weg zu mehr Gesundheit und Wohlbefinden begleiten. Wir sehen Telemedizin dabei als Ergänzung der bestehenden Gesundheitsversorgung, um den Menschen den Einstieg beziehungsweise Zugang noch einfacher und flexibler zu machen. Sie schafft einen niedrigschwelligen Zugang zu ärztlicher Online-Beratung – durchgeführt durch selbständige Ärztinnen und Ärzte – und dient als ergänzender Einstieg in die Versorgung.
Ärzt*in für Wien: Wie groß ist das Interesse der Österreicherinnen und Österreicher an Telemedizin?
Lippert: Wir sehen in diversen Meta-Studien und Befragungen von Patientinnen und Patienten, dass bis zu 70 Prozent der Menschen in Europa Interesse an Telemedizin haben. Das sehen wir auch in Österreich. Im Vergleich zu Märkten wie Polen sehen wir in Österreich zwar noch eine deutlich niedrigere Nutzung von telemedizinischen Angeboten, aber seit der Corona-Pandemie wurde ein stetiges Wachstum des Marktes verzeichnet.
Ärzt*in für Wien: Wie groß ist in etwa Ihr telemedizinischer Pool an Ärztinnen und Ärzten?
Mayrl: Wir bauen unser Ärztenetzwerk kontinuierlich aus. Für uns steht dabei im Vordergrund, dass die ärztliche Verfügbarkeit zu den definierten Zeiten sichergestellt ist und Konsultationen ausschließlich durch selbstständig tätige Ärztinnen und Ärzte erfolgen. Als Teil von UNIQA können wir dabei auch auf ein breit aufgestelltes Netzwerk mit mehr als 7.500 gelisteten Partnerinnen und Partnern im präventiven und kurativen Bereich innerhalb der Gruppe zurückgreifen.
Ärzt*in für Wien: Sind die Ärztinnen und Ärzte bei Ihnen angestellt oder arbeiten sie auf Honorarbasis?
Lippert: Die Ärztinnen und Ärzte sind nicht bei Mavie angestellt, sondern erbringen die telemedizinischen Leistungen als selbständige Ärztinnen und Ärzte. Mavie stellt dabei die technische Infrastruktur sowie die telemedizinische Plattform zur Verfügung.
Ärzt*in für Wien: Haben diese Ärztinnen und Ärzte eine österreichische Zulassung?
Mayrl: Für ApoDoc und die österreichischen Telemed-Angebote arbeiten wir nur mit in Österreich tätigen bzw. niedergelassenen, selbständigen Ärztinnen und Ärzten.
Ärzt*in für Wien: ApoDoc ist ein Pilotprojekt der Apothekerkammer, das seit dem 20. Februar in Wien und Oberösterreich läuft, bei dem Sie Partner sind und den Part der Telemedizin übernehmen. Wie läuft das Projekt und wie viele Beratungen haben Sie bislang durchgeführt?
Lippert: Das Pilotprojekt ApoDoc wird aktuell sehr gut angenommen. Seit dem Start konnten die beteiligten Apotheken schrittweise erweitert werden: Derzeit steht ApoDoc in insgesamt 15 Apotheken in Wien und Oberösterreich zur Verfügung. Bisher wurden über 200 telemedizinische Konsultationen durchgeführt. Die ersten Rückmeldungen der Nutzerinnen und Nutzer sind sehr positiv, insbesondere die gute Erreichbarkeit und das zusätzliche Versorgungsangebot an Randzeiten werden geschätzt. Mavie stellt im Rahmen des Pilotprojekts die technische Infrastruktur sowie die telemedizinische Plattform bereit und organisiert den digitalen Ablauf der Konsultation. Die medizinische Beratung erfolgt ausschließlich durch selbständig tätige österreichische Ärztinnen und Ärzten.
Ärzt*in für Wien: Wenn das österreichweit ausgerollt werden soll, wie stellen Sie die erforderlichen Ärztinnen und Ärzte bereit?
Lippert: Im Mittelpunkt stehen aus unserer Sicht vor allem Qualität und eine sorgfältige Abwicklung – für Patientinnen und Patienten sowie Ärztinnen und Ärzte. Der Aufbau des ärztlichen Netzwerks erfolgt schrittweise am tatsächlichen Versorgungsbedarf orientiert und dort, wo die telemedizinischen Angebote sinnvoll einsetzbar sind.
Ärzt*in für Wien: Wird ApoDoc weitergehen?
Lippert: Eine Entscheidung über eine mögliche Fortsetzung oder Ausweitung kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht getroffen werden. Der Pilot wird wissenschaftlich begleitet und anhand vorher festgelegter Kriterien ausgewertet. Auf Grundlage dieser Ergebnisse entscheiden die beteiligten Projektpartner gemeinsam über das weitere Vorgehen.
Ärzt*in für Wien: Die Möglichkeit, über ApoDoc telemedizinisch betreut zu werden, ist bei „bestimmten gesundheitlichen Anliegen“ möglich. Welche sind das konkret?
Lippert: Gemeint sind klar definierte, für Telemedizin geeignete allgemeinmedizinische Fragestellungen, wie etwa Erkältungssymptome, Hautausschläge, Harnwegsbeschwerden sowie Verlaufskontrollen bei bestehenden Beschwerden. Voraussetzung ist immer, dass eine Beurteilung durch eine Online-Konsultation aus ärztlicher Sicht ausreichend ist. Nicht durchgeführt werden Konsultationen bei Notfallkonstellationen, akuten schweren Symptomen, medizinischen Situationen, die eine unmittelbare körperliche Untersuchung oder physische Abklärung erfordern. In diesen Fällen wird unmittelbar in die niedergelassene Versorgung verwiesen.
Ärzt*in für Wien: Inwiefern sind die telemedizinischen Medizinerinnen und Mediziner über ApoDoc unabhängig bei der Rezeptverschreibung an Patientinnen und Patienten?
Lippert: Diagnose, Therapieentscheidung und gegebenenfalls Rezeptierung erfolgen ausschließlich durch die selbständig tätigen Ärztinnen und Ärzte. Weder Mavie noch die Apotheke treffen medizinische Entscheidungen oder setzen Anreize für zusätzliche Konsultationen oder Verordnungen.
Ärzt*in für Wien: Welche Trends und Tendenzen sehen Sie aktuell und mittelfristig in der Privatmedizin?
Mayrl: Privatmedizinische Angebote leisten schon heute einen wichtigen Beitrag in der Gesundheitsversorgung. Angesichts einer immer älter werdenden Bevölkerung und einer Zunahme von chronischen Erkrankungen können private Präventions- und Behandlungsleistungen helfen, Versorgungslücken zu schließen. Sie bilden damit einen ergänzenden Stabilitätsfaktor für ein solidarisches Gesundheitssystem.
