Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Gesundheitsbereich
Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Gesundheitsbereich

„Es braucht einen echten Kulturwandel in den Spitälern“

Kinderbetreuung ist für Ärztinnen und Ärzte mit schulpflichtigen Kindern ein Ganzjahresthema. Daniela Puschnig-Oberhauser, Chirurgin in der Klinik Hietzing und Leiterin des Referats für Vereinbarkeit von Beruf und Familie der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, über die besonderen Herausforderungen im Spitalsbereich.

Matthias Fauner

Ärzt*in für Wien: Sie haben im Vorjahr in der Klinik Hietzing ein Pilotprojekt zur Sommerferienbetreuung für Schulkinder von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern initiiert und engagiert vorangetrieben. Wie wurde dieses Angebot angenommen?
Puschnig-Oberhauser: Neun Wochen Sommerferien sind für Familien mit schulpflichtigen Kindern jedes Jahr aufs Neue eine große organisatorische und auch finanzielle Herausforderung. Das Pilotprojekt zur Ferienbetreuung im Sommer 2025 wurde von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr gut angenommen, deren Kinder pädagogisch wertvolle Sommerferiencamps mit Koch-, Fußball- oder Tennisschwerpunkt besuchen konnten. Auch vom Dienstgeber Wiener Gesundheitsverbund (WIGEV), von der Gewerkschaft younion und der Personalvertretung der Bediensteten der Gemeinde Wien – Hauptgruppe 2, die dieses kostengünstige Ferienbetreuungsangebot gemeinsam ermöglicht haben, wurde das Projekt finanziell und organisatorisch unterstützt.

Ärzt*in für Wien: Wird es heuer also eine Neuauflage geben?
Puschnig-Oberhauser: Mehr als eine Neuauflage – die Sommerferienbetreuung wird auf weitere WIGEV-Kliniken ausgeweitet, und die Kinder erhalten zusätzliche Auswahlmöglichkeiten wie ein Musical Dance- oder Beachvolleyball-Camp. Die Anmeldungen an den teilnehmenden Häusern sind bereits angelaufen. Viele Kolleginnen und Kollegen werden dieses Betreuungsangebot auch deshalb gerne annehmen, weil es aufgrund der großen Nachfrage von Jahr zu Jahr schwieriger wird, für seine Kinder Plätze in den von der Stadt Wien organisierten „Summer City Camps“ zu bekommen – und private Sommercamps ein Vielfaches kosten und meist zu spät beginnen.

Ärzt*in für Wien: Welche weiteren Themen auf dem Weg zu einem familienfreundlicheren Gesundheitssystem brennen insbesondere Spitalsärztinnen und -ärzten unter den Nägeln?
Puschnig-Oberhauser: Ein verbessertes Ferienbetreuungsangebot ist nur ein Baustein, wenn auch ein wichtiger. In den nächsten Ausbaustufen des Projekts wollen wir uns auch Möglichkeiten für die Kolleginnen und Kollegen im niedergelassenen Bereich überlegen. Auch an die übrigen Wiener Spitäler möchten wir mit dem Vorschlag einer Ferienbetreuung herantreten. 
In den Spitälern wäre es zentral, nicht nur an vielen kleinen Stellschrauben zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu drehen – Stichwort Dienstplan-Verlässlichkeit oder echte Planung auf 40-Wochenstunden-Basis statt wie bisher auf 48-Wochenstunden-Basis. Jeder dieser Schritte ist wichtig, in Summe aber nicht ausreichend – denn für nachhaltige Verbesserungen braucht es einen echten Kulturwandel in den Spitälern.

Ärzt*in für Wien: Welche Veränderungen in der Unternehmenskultur sprechen Sie hier an?
Puschnig-Oberhauser: Ein besonders plakatives Beispiel ist die Väterkarenz: Der WIGEV als Dienstgeber ist hier Vorreiter und bewirbt in allen Häusern, dass Väter ein Recht darauf haben, ihr Kind bei wichtigen Meilensteinen zu begleiten. Auf Ebene mancher Abteilungsleitungen hingegen müssen Kollegen, die dieses Recht tatsächlich in Anspruch nehmen, nach wie vor mit Unverständnis und auch mit Karriererückschritten rechnen – so wie wir das bei Müttern seit Jahren hinnehmen müssen: etwa der Versetzung in den Ambulanz- oder Stationsdienst. Ich sehe hier den Dienstgeber in der Pflicht, nicht nur familienfreundliche Rahmenbedingungen zu beschließen, sondern auch die notwendigen Veränderungen der Unternehmenskultur aktiv anzustoßen, damit diese im gesamten Unternehmen mitgetragen und gelebt werden. 

„Auf Ebene mancher Abteilungsleitungen müssen Kollegen, die die Väterkarenz tatsächlich in Anspruch nehmen, nach wie vor mit Unverständnis und auch mit Karriererückschritten rechnen – so wie wir das bei Müttern seit Jahren hinnehmen müssen.“
Frau mit Brille lächelt in die Kamera.
Daniela Puschnig-Oberhauser: „Im Sommer 2025 wurde das Pilotprojekt zur Ferienbetreuung in der Klinik Hietzing sehr gut angenommen, heuer wird dieses Angebot auf weitere WIGEV-Kliniken ausgeweitet.“
Foto: Daniela Puschnig-Oberhauser
Buntes Plakat, auf dem das Projekt Sommerferienbetreuung erklärt wird.
Von der Idee zum gelungenen Projekt – Startpunkt des Ferienbetreuungsangebots in der Klinik Hietzing ist die Abschlusspräsentation in einem Projektmanagementkurs.
Foto: Daniela Puschnig-Oberhauser
 
© Ärztin für Wien | 22.04.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/fuer-aerztinnen/es-braucht-einen-echten-kulturwandel-den-spitaelern