Starke Ausbildung, starke Medizin
Starke Ausbildung, starke Medizin

„Gibt nicht viel Zeit für Extras“

Ein Gespräch über Realität, Verantwortung und Ausbildungsevaluierung mit Viktor Mori, Assistenzarzt an der Klinik Donaustadt des Wiener Gesundheitsverbunds. 

Kathrin McEwen

Die ärztliche Ausbildung in Österreich sieht sich wachsenden Anforderungen gegenüber. Die Rückmeldungen der Ausbildungsevaluierung, die jedes Jahr zwischen März und April von der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) in Koopera­tion mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH Zürich) durchgeführt wird, zeigt strukturelle Herausforderungen auf und gibt Hinweise darauf wo der ­Hebel angesetzt werden muss. Ausbildung erfolgt oft neben dem Arbeitsalltag und es fehlt an Zeit, Struktur und klaren Verantwortlichkeiten. Gleichzeitig wird deutlich, dass gute Ausbildung dort gelingt, wo sie bewusst gestaltet wird. Angesichts steigender Erwartungen junger Ärztinnen und Ärzte sowie veränderter Rahmenbedingungen braucht es gezielte Reformen – denn die Qualität der Ausbildung entscheidet über die Zukunft des Gesundheitssystems. Ein Ausbildner teilt seine Einblicke.

Ärzt*in für Wien: Sie sind aktuell Assistenzarzt in Wien. Können Sie kurz Ihren bisherigen Ausbildungsweg skizzieren?
Mori: Ich bin seit Juli letzten Jahres Assistenzarzt. Davor habe ich die Basisausbildung absolviert und anschließend noch kurz im Turnus gearbeitet – eher als Zwischenlösung. Mein Ziel war immer die Facharztausbildung, wobei sich die genaue Fachrichtung erst im Laufe der praktischen Erfahrungen herauskristallisiert hat.

Ärzt*in für Wien: Welche Rolle hat die Basisausbildung dabei gespielt?
Mori: Grundsätzlich halte ich die Basisausbildung für ein sehr sinnvolles Konzept, weil sie einen guten Überblick über verschiedene Fachrichtungen bietet. In der aktuellen Umsetzung führt sie aber oft zu Verzögerungen und längeren Wartezeiten. Für jemanden mit klarem Ziel kann das frustrierend sein. Gleichzeitig hilft sie aber gerade am Anfang, sich im klinischen Alltag zu orientieren.

Ärzt*in für Wien: Wie haben Sie den Übergang vom Studium in den klinischen Alltag erlebt?
Mori: Ehrlich gesagt: Man ist nie perfekt vorbereitet. Besonders durch die Pandemie haben uns viele praktische Erfahrungen während des Studiums gefehlt. Der Einstieg war daher schon ein Sprung ins kalte Wasser. Die Verantwortung kommt sehr schnell – und das ist eine große Umstellung.

Ärzt*in für Wien: Wie gut fühlen Sie sich dabei begleitet?
Mori: In meiner aktuellen Abteilung gibt es eine gute Supervision, und man kann jederzeit Rücksprache halten. Gleichzeitig wird Eigeninitiative erwartet. Das ist grundsätzlich positiv, birgt aber auch Risiken: Wenn man seine eigenen Grenzen nicht richtig einschätzt, kann das problematisch werden. Deshalb ist es extrem wichtig, dass junge Ärztinnen und Ärzte lernen, ihre Grenzen zu erkennen und klar zu kommunizieren.

Ärzt*in für Wien: Wie bewerten Sie die Qualität Ihrer Ausbildung insgesamt?
Mori: Es gibt mit den Rasterzeugnissen eine gute strukturelle Grundlage. In der Praxis hängt die Umsetzung aber stark von der jeweiligen Abteilung ab. Manche nehmen das sehr ernst, andere weniger. Oft muss man selbst aktiv einfordern, was einem laut Ausbildungsplan zusteht. Es ist unrealistisch, dass sich alle Vorgaben vollständig umsetzen lassen – dafür fehlt schlicht die Zeit. Aber es dient der Orientierung, und es ist gut zu wissen, was man können sollte. In manchen Abteilungen wird auch am Ende der Ausbildung noch einmal in einem Feedbackgespräch reflektiert. So hat man noch einen besseren Überblick, was man geschafft hat und was man Neues kann.

Ärzt*in für Wien: Woran liegt dieser Zeitmangel?
Mori: Vor allem an der hohen Arbeitsbelastung und zunehmenden Bürokratie. Es gibt nicht viel Zeit für Extras im Spital. Alles muss in einer gewissen Zeit erledigt werden. Die Ausbildung kommt dann oft zu kurz und passiert häufig nebenbei. Es gibt engagierte und motivierte Kolleginnen und Kollegen, die sich viel Zeit nehmen, aber das basiert meist auf persönlichem Einsatz. In der regulären Arbeitszeit ist es oft schwierig.

Ärzt*in für Wien: Welche Rolle spielen Führungskräfte in der Ausbildung?
Mori: Eine sehr große. Eine engagierte Primaria oder ein engagierter Primar oder eine ausbildungsverantwortliche Person kann einen enormen Unterschied machen. Bei uns gibt es eine offene Feedbackkultur und flache Hierarchien. Das motiviert und verbessert die Ausbildung spürbar. Aber auch hier gilt: Es hängt stark von Engagement einzelner Personen ab.

Ärzt*in für Wien: Kommen wir zur Ausbildungsevaluierung. Haben Sie daran bereits teilgenommen?
Mori: Ja, einmal. Die Durchführung an sich war unkompliziert – Fragebogen holen, ausfüllen und in den Postkasten werfen. Die Fragen waren verständlich, und man konnte sie gut beantworten.

Ärzt*in für Wien: Wo sehen Sie Verbesserungspotenzial?
Mori: Das größte Problem ist die geringe Beteiligung. In der Vergangenheit hat nur ein Bruchteil der Ausbildungsärztinnen und -ärzte teilgenommen, obwohl im Laufe des Jahres viel mehr Ärztinnen und Ärzte einen Teil der Rotationen in den jeweiligen Abteilungen verbracht haben. Dadurch verliert die Evaluierung meiner Meinung nach an Aussagekraft.

Ärzt*in für Wien: Wie können Sie sich die geringe Rücklaufquote erklären?
Mori: Einerseits am organisatorischen Aufwand – man muss den Bogen aktiv abholen und daran denken, ihn rechtzeitig abzugeben. Vielleicht fehlt auch ein klarer Anreiz, hier aktiv teilzunehmen. Im stressigen Alltag geht so etwas aber auch schnell unter.

Ärzt*in für Wien: Gibt es auch inhaltliche Kritikpunkte?
Mori: Ja. Die Evaluierung bezieht sich oft auf die Abteilung, in der man sich gerade befindet – unabhängig davon, wie lange man dort tätig ist. Das führt dazu, dass man Abteilungen bewertet, die man kaum kennt, während andere, in denen man länger war, gar nicht berücksichtigt werden. Das könnte die Ergebnisse verzerren.

Ärzt*in für Wien: Was müsste sich ändern, damit die Evaluierung mehr Wirkung entfaltet?
Mori: Ich würde mir einen niederschwelligeren Zugang wünschen. Zum Beispiel könnte der Fragebogen doch direkt an die Privatadresse der Jungärztinnen und -ärzte geschickt werden oder eine bessere zeitliche Zuordnung zu tatsächlich erlebten Abteilungen. Auch eine höhere Beteiligung wäre wünschenswert sowie eine transparente Aufarbeitung der Ergebnisse innerhalb der Abteilungen. Idealerweise sollten die Resultate regelmäßig im Team besprochen und konkrete Verbesserungen abgeleitet werden.

Ärzt*in für Wien: Wenn Sie das Ausbildungssystem insgesamt verbessern könnten – was wären Ihre Prioritäten?
Mori: Mehr Planbarkeit und ein strukturierter Übergang nach dem Studium. Man sollte nach dem Studium nicht mit nichts dastehen. Hier fehlen oft noch genaue Informationen, wie es nach dem Studium weitergeht. Und oft muss man selbst viel recherchieren und nachfragen, um Informationen zu bekommen. Die Basisausbildung sollte an das Studium angeknüpft und Pausen durch obligatorische Wartezeiten vermieden werden. Das ist aber sicherlich eine große logistische Herausforderung. Zudem wären mehr Ausbildungsstellen, vor allem beim Basisjahr, wünschenswert, um Engpässe zu vermeiden, und eine stärkere Verankerung von Ausbildung im klinischen Alltag – mit bestimmten gewidmeten Zeiten. Die Ausbildungsverantwortlichen auf den Abteilungen sollten auch wirklich Zeit für die Ausbildung haben. Und speziell für die Evaluierung: Sie sollte als echtes Steuerungsinstrument genutzt werden, nicht nur als formaler Prozess.

Ärzt*in für Wien: Abschließend: Wie sehen Sie die Zukunft der ärztlichen Ausbildung?
Mori: Die Richtung stimmt grundsätzlich. Die Hierarchien werden flacher, der Austausch offener. Aber es braucht mehr strukturelle Unterstützung. Ausbildung darf nicht vom Engagement Einzelner abhängen – sie muss systematisch verankert sein. Denn letztlich profitieren davon nicht nur die Ärztinnen und Ärzte, sondern vor allem die Patientinnen und Patienten.

Was ist die Ausbildungsevaluierung? 
Seit 2023 führt die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) gemeinsam mit der ETH Zürich jährlich im März und April die Ausbildungsevaluierung durch. Turnusärztinnen und Turnusärzte sowie Ärztinnen und Ärzte in Basisausbildung füllen dafür Fragebögen aus, die über die Ausbildungsstätten verteilt und anschließend retourniert werden.

Was wird bewertet?
In diesen gleichbleibenden acht Kategorien können die Abteilungen, in denen ausgebildet wird, bewertet werden:
- Globalbeurteilung
- Fachkompetenzen
- Lernkultur
- Führungskultur
- Fehlerkultur
- Entscheidungskultur
- Betriebskultur
- Evidenzbasierte Medizin
 

Zusätzlich werden in diesem Jahr die Meinungen zu folgenden zwei Modulen abgefragt: 
- Onboarding
- Wahl des Arbeitsplatzes

Wie funktioniert die Ausbildungsevaluierung?
Wichtig ist, dass die Teilnehmerinnen und -nehmer richtig auf der Ausbildungsstelle gemeldet sind – dies kann unter www.meindfp.at ganz einfach selbst überprüft werden. Das Ausfüllen der Fragebögen dauert etwa zehn bis 15 Minuten und erfolgt anonym – eine Rückverfolgung der Daten ist nicht möglich. Die ausgefüllten Bögen werden im beiliegenden Rücksendekuvert retourniert. Die Ergebnisse werden nach Ausbildungsstätte, Fach und Bundesland gegliedert veröffent­licht unter www.aerztekammer.at/ausbildungsevaluierung veröffentlicht. 

Wie erhält man den Fragebogen?
Basisausbildung: Befinden Sie sich in der Basisausbildung, dann erhalten Sie Ihren Fragebogen immer bei Ihrer Ärztlichen Direktion.
Sonderfach/Allgemeinmedizin: Wenn Sie sich in Ausbildung für ein Sonderfach oder für Allgemeinmedizin befinden, erhalten Sie Ihren Fragebogen entweder über Ihre Ärztliche Direktion oder über Ihre Abteilungsleitung bzw. das zuständige Sekretariat. 
Lehrpraxis: Befinden Sie sich in der Lehrpraxis, fragen Sie bitte Ihre Lehrpraxisinhaber oder ihren Lehrpraxisinhaberin.

Sollten Sie keinen Fragebogen erhalten haben, wenden Sie sich bitte an ausbildungsevaluierung@aekwien.at und geben Sie bekannt, an welcher Abteilung bzw. in welchem Spital Sie sich derzeit befinden.

Weitere Informationen auch auf: docwiki.aekwien.at/ausbildung/ausbildungsevaluierung

„Eine engagierte Primaria oder ein engagierter Primar oder eine ausbildungsverantwortliche Person kann einen enormen Unterschied machen."
Junger Mann im Anzug gestikuliert
Viktor Mori regt einen niederschwelligeren Zugang zur Ausbildungsevaluierung an.
Stefan Seelig
 
© Ärztin für Wien | 10.04.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/fuer-aerztinnen/gibt-nicht-viel-zeit-fuer-extras