„Palliativ hat nicht automatisch mit Sterben zu tun“
Menschen mit unheilbaren, weit fortgeschrittenen Erkrankungen und begrenzter Lebenserwartung brauchen mehr als modernste Arzneimittel und Hightech-Medizin. Palliativmedizinerin Eva Masel über den medizinischen Ansatz, bei dem nicht die Heilung, sondern die bestmögliche Lebensqualität der Patientinnen und Patienten im Mittelpunkt steht.
Ärzt*in für Wien: Die Begriffe „Palliativmedizin“ oder „Palliative Care“ werden von vielen Menschen mit dem Sterben assoziiert. Was ist Palliativmedizin genau und für welche Patientinnen und Patienten kommt sie in Frage?
Masel: Palliativ kommt von dem lateinischen Wort „Pallium“, also „Mantel“, und bedeutet in weitestem Sinn, dass man Menschen, die unheilbar erkrankt sind und unter einer Vielzahl an Symptomen leiden, „umhüllt“ oder „ummantelt“. Das heißt, das Ziel von Palliative Care ist, das Wohlbefinden der Patientinnen und Patienten zu verbessern, indem man Symptome lindert – und zwar unabhängig von der Prognose und zu jedem Zeitpunkt einer Erkrankung. Das Besondere daran ist, dass eine Vielzahl von Berufsgruppen in die Versorgung eingebunden ist, von der Medizin und der Pflege über die Ergo- und Physiotherapie, Diätologie, Psychologie bis hin zur Sozialarbeit, und aus unterschiedlichen Blickwinkeln geschaut wird, wie man schwer kranken Menschen ihre individuelle Situation erleichtern kann. Palliativmedizin ist sozusagen die „Magie der Gruppe unter einem Dach“. Es ist zwar tatsächlich so, dass Menschen kurz vor dem Lebensende häufig eine spezialisierte palliativmedizinische Betreuung benötigen, dennoch hat palliativ nicht automatisch mit Sterben zu tun.
Ärzt*in für Wien: Was ist der Unterschied zwischen einer Palliativstation und einem Hospiz?
Masel: Palliativstationen sind in Krankenhäuser integriert und für jene Menschen da, die wirklich eine komplexe medizinische Versorgung benötigen. Beispielsweise, weil sie in einer Schmerzsituation sind, die man nicht ambulant lösen kann, bei Atemnot, Angst, Schlaflosigkeit, Übelkeit, großen exulzerierenden Wunden, Blutungsgefahr oder aus psychosozialen Gründen. Auf einer Palliativstation werden über einen Zeitraum von bis zu mehreren Wochen Patientinnen und Patienten mit einer hohen Symptomlast betreut, beispielsweise mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, COPD oder schweren neurologischen Leiden. Aber sie kommen nicht zu uns, um bei uns zu sterben. Ja, das passiert natürlich auch, aber ein Großteil geht nach der Behandlung wieder nach Hause.
Ein Hospiz ist ein Ort, wo unheilbar kranke Menschen, die keinen umfangreichen medizinischen Versorgungsbedarf haben, ihre letzten Lebensmonate in einem geborgenen Umfeld verbringen und ebenfalls multiprofessionell begleitet werden. Ist es medizinisch erforderlich, können sie auf eine Palliativstation verlegt werden und danach wieder ins Hospiz zurückkehren.
Ärzt*in für Wien: Wie ist die palliative Versorgungssituation in Österreich aufgestellt?
Masel: Es wird zwischen primärer, sekundärer und tertiärer Palliativversorgung unterschieden. Primäres palliativmedizinisches Wissen sollte idealerweise in jedem medizinischen Team vorhanden sein. Sekundäre Palliativversorgung wird von spezialisierten Einrichtungen – zum Beispiel mobilen Palliativteams, die zu den Patientinnen und Patienten regelmäßig nach Hause kommen, oder Palliativambulanzen, wo Erkrankte tagesmedizinisch betreut wird – angeboten.
Tertiäre Palliativversorgung findet in hochspezialisierten palliativmedizinischen Einrichtungen statt. Generell kann man sagen, je komplexer die Situation ist, desto eher ist eine stationäre Betreuung notwendig.
In Österreich gibt es das Hospiz- und Palliativfondsgesetz, mit dem Ziel, die Versorgung schwerstkranker und sterbender Menschen zu verbessern. Trotzdem ist bedarfsdeckende palliativmedizinische Versorgung bei Weitem nicht überall ausreichend vorhanden. Um diese Situation etwas zu entspannen, wäre unter anderem eine engere Verzahnung und Austausch mit dem niedergelassenen Bereich wünschenswert.
Ärzt*in für Wien: Wie könnte diese Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen aussehen?
Masel: Schön wäre, wenn das Angebot für Palliativmedizin im niedergelassenen Bereich größer wird und diese bereits frühzeitig in die Behandlung unheilbar kranker Patientinnen und Patienten integriert wird. Das Bewusstsein für Palliativmedizin ist zweifelsohne da, die Frage bleibt jedoch, wer macht‘s.
Ich möchte Kolleginnen und Kollegen an dieser Stelle das ÖÄK-Diplom für Palliativmedizin sehr ans Herz legen, das ist ein insgesamt eine Woche in Anspruch nehmender Kurs, der in der Patientenbetreuung wirklich nutzbringend ist. Palliativmedizin ist in Wirklichkeit sehr praxisnah. Für eine gute Palliativbetreuung braucht man, sage ich immer, „den kleinen Arztkoffer“ mit vielleicht zehn Medikamenten. Wenn man sich mit diesen gut auskennt, kann man für die Patientinnen und Patienten auch im ambulanten Bereich schon sehr viel tun. Manchmal hilft es bereits, wenn man ein Opioid verschreibt mit der entsprechenden Komedikation. Und dass man Patientinnen, Patienten und ihr Umfeld an die richtigen Adressen verweisen kann, wo sie sich Hilfe und Unterstützung holen können. Die Websites www.palliativ.at, www.hospiz.at und www.krebshilfe.net sind zentrale Anlaufstellen, da gibt es Informationen und Adressen. Man muss ja nicht gleich alles selbst lösen, aber man kann Betroffenen Wegweiser für Hilfsangebote bieten.
Ärzt*in für Wien: Wo gibt es noch Verbesserungsbedarf, was die palliativmedizinische Versorgung betrifft?
Masel: Der Ausbau von ambulanten und stationären Angeboten und eine bessere finanzielle und strukturelle Absicherung sind natürlich ein zentrales Anliegen. Schön wäre auch, die vertiefte palliativmedizinische Ausbildung in Form der Spezialisierung für Palliativmedizin, die 18 Monate dauert, zu attraktivieren, um mehr Kolleginnen und Kollegen für die Palliativmedizin zu gewinnen. Bei der Palliativmedizin geht es nicht – wie oft kolportiert – ums reine „Verschreiben von Morphium“, es geht nicht darum, die Patientinnen und Patienten passiv im Bett liegen zu lassen und sie mit Medikamenten vollzupumpen. Es ist eine aktive Therapie, die Menschen an der Hand nimmt und ihnen zeigt, dass sie wichtig sind und ihre Bedürfnisse in der herausfordernden Situation einer unheilbaren Erkrankung ernstgenommen werden. Dass man ihnen die Möglichkeit gibt, hinter der Mauer der Erkrankung wieder hervorzutreten und sich gemeinsam einen Plan überlegt, wie man die Lebensqualität verbessern kann, ohne Herausforderungen und Ängste auszublenden. Kommunikation spielt dabei eine große Rolle. Deshalb ist es mir auch wichtig, dass wir es als ärztliche Verantwortung sehen, unheilbar kranke Menschen vorzubereiten und ihnen klarzumachen, dass sie früher oder später eine palliativmedizinische Betreuung brauchen werden. Es darf hier keine Tabus geben – Schwerkranke und ihre Angehörigen brauchen Ärztinnen und Ärzte, die ganz klar mit ihnen reden und mit ihnen einen Plan B ausarbeiten, wenn Plan A, „Gesund werden“, nicht möglich ist.
Weiterführende Informationen
- Österreichische Palliativgesellschaft: www.palliativ.at
- Dachverband Hospiz Österreich: www.hospiz.at
- Österreichische Krebshilfe: www.krebshilfe.net
- Broschüre „Sanft und schmerzfrei. Für ein Sterben in Würde“ der Krebshilfe: www.aekwien.at/krebshilfe-sanft-und-schmerzfrei
- Broschüre „Zur kunstvollen Einführung in die Palliative Care“, basierend auf Erfahrungen von Patientinnen und Patienten der Palliativstation AKH Wien/MedUni Wien: www.aekwien.at/palliative-care-comic
- Podcast „Hochpalliativ“ mit Eva Masel und Lea Kum (beide Universitätsklinik für Innere Medizin I, Klinische Abteilung für Palliativmedizin): hochpalliativ.podigee.io
