Stillstand ist keine Option
Im oberösterreichischen Dorf Gurten geboren, hat es den Wissenschaftler beruflich schon früh nach Übersee gezogen. Das Weltenbummlerdasein ist ihm geblieben, heute pendelt er allerdings „nur“ zwischen Braunschweig und Wien. Dort befinden sich seine beiden beruflichen Mittelpunkte. Ein Gespräch über Sehnsuchtsorte, mediale Präsenz und Fußball.
Für viele ist Josef Penninger ein Wissenschaftssuperstar. Der 61-Jährige mit dem unverkennbaren Lockenkopf ist weit über seine Fachgrenzen hinaus bekannt. 2003 wurde er „Österreichischer Wissenschafter des Jahres“, als knapp 40-Jähriger ein Jahr später gar zum „Österreicher des Jahres“ gekürt. Seine mediale Präsenz, die schließlich zu Pandemiezeiten einen neuen Peak erreichte, sieht er dabei mit durchaus gemischten Gefühlen. „Bekanntheit um der Bekanntheit willen ist für mich nicht besonders interessant. Und es gibt dabei ja immer zwei Seiten der Medaille, man wird entweder angehimmelt oder verwünscht, wenig dazwischen. Irgendwann hat man dann auch wenig Kontrolle darüber, was über einen selbst berichtet wird. Grundsätzlich ging es mir aber immer darum, Forschung sichtbar zu machen“, rekapituliert er diesen Teil seines Lebens.
Der schönste Ort der Welt
Zurück zu den Anfängen. Penningers Wurzeln liegen im oberösterreichischen Innviertel, konkret in der 1200-Seelen-Gemeinde Gurten. Was ihm zu seinem Heimatort einfällt? „Es ist nach wie vor mein Sehnsuchtsort, eigentlich der schönste Ort der Welt für mich. Und wir haben eine sensationell gute Fußballmannschaft“, erzählt er mit bubenhafter Begeisterung. (Union Gurten war vergangene Saison Vizemeister in der dritthöchsten Liga des Landes, der Regionalliga Mitte, Anm. d. Red.). Zur Medizin kam er durch Neugier und Zufall. „Ich war ein schlechter Schüler, als Legastheniker fielen mir Sprachen schwer, aber mein mathematisch arbeitendes Hirn wollte immer verstehen, wie etwas funktioniert. Physik oder Mathematik zu studieren war daher eigentlich das Ziel. Aber dann hatte ich eines Tages spontan, während ich durch den Rieder Stadtpark flaniert bin, die Idee, nach Innsbruck zu gehen und Medizin studieren – was ich dann auch gemacht habe. Die Prozesse dahinter, wie Krankheiten entstehen, wie der Mensch physiologisch und molekular funktioniert, fand ich extrem spannend. Daran hat sich bis heute nichts geändert“, erinnert er sich an die Entscheidung für seinen Beruf.
Chancen, die ergriffen werden wollen
Direkt nach der Promotion ging Penninger für vier Jahre als Postdoc ans Ontario Cancer Institute in Toronto. Auch das war keineswegs eine von langer Hand geplante Entscheidung, sondern eine Chance, die er spontan ergriffen hat. „Man muss sich das so vorstellen: Ich war der Erste in meiner Familie mit akademischem Hintergrund, Wissenschaft kam in meinem Elternhaus wenig vor und dass man ins Ausland geht, war ohnehin nicht auf dem Schirm. Ich dachte, ich werde Hausarzt und bleibe in der Nähe. Aber meine Eltern haben mir immer maximale Freiheit gelassen, sie hatten das Grundvertrauen, dass der Bub schon wissen wird, was er tut. Auf diesem Weg bin ich zur Wissenschaft gekommen. Weiters hatte ich das große Glück, Menschen zu finden, die Potenzial in mir gesehen haben, das ich selbst so noch gar nicht wahrgenommen habe. Mentoren sind gerade bei einer wissenschaftlichen Karriere extrem wertvoll. Meinen Mentoren, im Gymnasium Ferdinand Seitl und an der Universität Georg Wick, bin ich unendlich dankbar“. Kanada als Ziel für seine weitere Forschung fiel ihm dabei sozusagen in den Schoß und wurde eine wesentliche Station seiner Biografie. Nach dem Post-Doc forschte er an der renommierten University of Toronto am Department of Immunology and Medical Biophysics, zuletzt als Full Professor und wissenschaftlicher Gruppenleiter am Amgen Research Institute; bis heute ist er dort Professor und unterrichtet Immunologie. Auch die Familiengründung fiel in diese Zeit: seine drei Kinder Gabriel, Angelica und Annabelle sind dort zur Welt gekommen. Penninger sieht diese Phase seines Lebens als eine Art wissenschaftlichen Ideeninkubator und Spielplatz, eine völlig andere Welt als Österreich. „In der Fünf-Millionen-Stadt Toronto gingen alle auf Augenhöhe miteinander um, egal, ob das Nobelpreisträger oder eben Postdocs und Studierende waren. Relevant waren einzig und allein die Freude und das gemeinsame Interesse an der Forschung“, erzählt er. Zudem sei es eine Phase gewesen, in der „fachlich extrem viel passiert ist. Ich hatte Glück, zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Labor zu sein. Es war eine höchst interessante Zeit.“
Rückkehr nach Österreich
2003 brach er schließlich seine Zelte in Kanada ab und kehrte nach Österreich zurück. Penninger wurde geholt, um als Gründungsdirektor das IMBA (Institute of Molecular Biotechnology), jetzt größtes Forschungsinstitut der Akademie der Wissenschaften, aufzubauen. „Es war fantastisch, wir konnten viele beeindruckende Leute ans IMBA holen wie etwa Jürgen Knoblich, der Unglaubliches in der Neurobiologie geleistet hat, Stichwort Organoide. Oder Sasha Mendjan, der aus Stammzellen Miniherzen zieht. Am IMBA wurden in relativ kurzer Zeit bahnbrechende Entdeckungen gemacht und innovative Technologien eingesetzt, die die Wissenschaft revolutioniert haben. Darauf bin ich sehr stolz.“ Welche Gänsehautmomente ihm dabei in Erinnerungen blieben? „Da gab es einige, etwa, als mir Jürgen Knoblich auf der Stiege entgegengekommen ist und meinte, er müsse mir etwas auf seinem Handy zeigen. Ich habe einen Blick darauf geworfen und gesagt: Das sieht ja aus wie ein embryonales Gehirn! Und tatsächlich, das war es dann auch. Aus Stammzellen gezüchtet von ihm und seiner damaligen Mitarbeiterin Madeline Lancaster, die jetzt in Cambridge ist. Der Beginn einer wissenschaftlichen Revolution.“ Mit seiner eigenen Forschungsgruppe hat sich der Innviertler zum Beispiel intensiv mit Sexualhormonen und deren Konnex mit Brustkrebs beschäftigt: „Sehr vereinfacht gesagt, geht es um die Signale für die Entstehung für Krebs und wie man diese Signale an- und abschalten kann. Dieser Mechanismus ist äußerst relevant für das Thema Krebs-Prävention.“ Was bei einem Gespräch mit Penninger immer spürbar ist: die Mischung aus grenzenloser Neugier und unprätentiösem Geerdetsein. „Es beim Status Quo zu belassen, ist bei mir ein Ding der Unmöglichkeit. Ich möchte natürlich auch immer die besten Leute holen. Das sind für mich diejenigen, die sich und ihre Umgebung hinterfragen. Diese Haltung ist auch für eine Organisation, ein Unternehmen extrem wichtig, denn sonst verknöchert und versteinert alles und es passiert keine Entwicklung mehr.“ Als Vorgesetzter sieht er sich mit sehr viel Hands-on-Mentalität ausgestattet: „Ich delegiere gerne. Wenn mir Menschen Hilfe anbieten oder etwas beitragen möchten, dann lasse ich sie auch Entscheidungen treffen. Ich finde diese Art von Selbstkompetenz sehr wichtig. Ein Team sollte unabhängig von einem zentralen Big Boss, der ja nur vordergründig alles weiß, arbeiten dürfen. Diese Sicht hat für mich auch viel mit Vertrauen zu tun. Das kennzeichnet für mich zeitgemäße Strukturen.“
Wissenschaft als ständige Begleiterin
Momentan pendelt Penninger nach einer nochmaligen mehrjährigen Forschungstätigkeit als wissenschaftlicher Direktor beim Life Sciences Institute der University of British Columbia in Vancouver in Kanada zwischen Braunschweig und Wien. Mit dem Helmholtz-Institut leitet er (neben dem Pasteur Institut) das zweitgrößte Forschungsinstitut für Infektionsforschung in Europa. Budgets in der Größenordnung dreistelliger Millionenbeträge, 1100 Mitarbeitende und fünf Standorte in Deutschland sind die Eckdaten seines dortigen Jobs, während er in Wien als Professor für Personalisierte Medizin (mit einer 25-Prozent-Professur) das Eric Kandel Institut – Zentrum für Präzisionsmedizin an der Medizinischen Universität Wien mitentwickelt – als Mentor mit internationaler Einbettung. Und privat? „Es ist essenziell, dass ich zwischen meinen berufliichen Aufgaben auch abschalte, wobei mir das zugegebenermaßen nicht leichtfällt. Ich treffe so viele Menschen, die mit interessanten Ideen auf mich zukommen und stehe nach wie vor liebend gerne im Labor. Die Wissenschaft begleitet mich fast immer, auch wenn ich neue transformative Firmen mitgründe. Wenn ich aber Zeit abseits davon finde, weil ich es mir vornehme, gehe ich leidenschaftlich gern mit meinen wunderbaren Freunden Fußball spielen oder lese. Momentan finde ich den US-Amerikaner Cormack Mc-Carthy ganz großartig. McCarthy trifft tief in meine Seele.“
