Keine Sorgen um den weiblichen Nachwuchs
Was Ärztinnen unter den Nägeln brennt, wie man Elternschaft und Berufsleben bestmöglich vereinbaren kann und wie sich die Gesprächskultur in der Ärzteschaft verändert hat: Die Gefäßchirurgin Miriam Kliewer, selbst in einer Führungsposition in einer klassischen Männerdomäne, schildert ihre Eindrücke.
Ärzt*in für Wien: Ist die vielzitierte gläserne Decke, also strukturelle Barrieren für Frauen im Job, in der Chirurgie stärker zu spüren als in anderen Fächern? Und was würden Sie jungen Kolleginnen raten, die in die Chirurgie gehen wollen?
Kliewer: Prinzipiell glaube ich, dass diese gläserne Decke bei den meisten klinischen Fächern relativ gleichmäßig zu spüren ist. Vielleicht ist sie in der Chirurgie noch etwas dicker, weil es historisch gesehen eine männerbestimmte Domäne war und in den Führungsebenen noch ist: Nur 20 Prozent der Führungspersönlichkeiten vor allem auch in chirurgischen Fächern sind weiblich. Die Schere geht nach der Facharztausbildung auseinander, obwohl die Medizin an sich weiblicher wird.
Ärzt*in für Wien: Ist die Vereinbarkeit aus Elternschaft und Beruf Ihrer Meinung nach einfacher geworden?
Kliewer: Ich denke, die Vereinbarkeit ist insofern besser geworden, weil die Arbeitszeitgesetze ganz klare Vorgaben setzen. Diese Rahmenbedingungen kommen Eltern entgegen, weil man nicht mehr indirekt gezwungen ist, 70-Stunden-Wochen zu machen, um zum Beispiel als gute Chirurgin oder guter Chirurg zu gelten. Ein gutes Netzwerk in Sachen Kinderbetreuung und Care-Arbeit ist natürlich ebenfalls extrem hilfreich.
Ärzt*in für Wien: Was hilft noch konkret beim Thema Vereinbarkeit?
Kliewer: Sehr wichtig ist die flexible Gestaltung im Sinne von möglichen Teilzeitmodellen. Auch flexible Dienstzeiten sind eine Möglichkeit, etwa eine Stunde später anzufangen und dafür eine Stunde länger zu bleiben. Wesentlich ist dabei eine offene Gesprächskultur in der Abteilung. Kommunikationsziele lassen sich intern gut etablieren, wenn das Primariat hinter dieser Flexibilität steht und eine offene Kommunikation fördert. Vertrauen und gegenseitige Wertschätzung fördern Flexibilität und Effizienz.
Ärzt*in für Wien: Stichwort Gesprächskultur zwischen Ärztinnen und Ärzten: Wie hat sich diese in den letzten zehn Jahren geändert Ihrer Erfahrung nach?
Kliewer: Ich empfinde es so, dass sie in den letzten zehn Jahren deutlich besser geworden ist, es gibt eine viel höhere Sensibilität für Grenzen. Männer reflektieren über ihr Verhalten gegenüber Frauen deutlich mehr, das kann man ganz generell in der Gesellschaft beobachten. Da hat eine Entwicklung stattgefunden, immer war das ja nicht so. Ich habe jedenfalls das Gefühl, wir sind auf einem ganz guten Weg, was einen offenen, respektvollen Umgang miteinander angeht.
Ärzt*in für Wien: Soll man das Thema Vereinbarkeit Ihrer Meinung nach gegenüber den Vorgesetzten offen ansprechen, Stichwort Karriereplanung?
Kliewer: Da wären wir wieder bei der Gesprächskultur. Ich denke, man sollte sich trauen, seine Bedürfnisse dahingehend zu formulieren, das habe ich auch immer so gemacht. Dazu braucht es aber ein Betriebsklima auf Augenhöhe, was nötig ist, damit Familie und Beruf mit einander funktionieren. Daran muss ja auch der Arbeitgeber größtmögliches Interesse haben, denn in einem sozial stabilen Umfeld kann man im Job sein Potenzial bestmöglich ausschöpfen.
Ärzt*in für Wien: Welche Themen brennen der weiblichen Kollegenschaft aktuell unter den Nägeln?
Kliewer: Die jungen Kolleginnen beschäftigt das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf sehr stark. Ich selber habe mit 42 Jahren zwei kleine Kinder, bin leitende Oberärztin, habe habilitiert, habe eine Ordination und bin in einer Fachgesellschaft aktiv. Ich werde immer wieder gefragt, wie meine Planung aussieht, wie sich das alles unter einen Hut bringen lässt. Auch männliche Kollegen fragen da interessiert nach. Das zweite Thema, das die Kolleginnen umtreibt, ist definitiv die eigene professionelle Entwicklung. Wie setzt man sich durch, ohne zu autoritär oder dominant zu wirken und bleibt dabei kooperativ? Wie kann man in hitzigen Situationen seinen Standpunkt klar und selbstbewusst vertreten? Oftmals geht es auch darum, wie man in der Forschung reüssiert.
Ärzt*in für Wien: Was antworten Sie auf diese Fragen?
Kliewer: Beim Thema Vereinbarkeit bin ich sehr ehrlich: Die Zeit für mich selbst fehlt völlig, meine Hobbys liegen derzeit auf Eis. Aber der Beruf gibt einem auch sehr viel. Die Menschen vertrauen mir im OP ihr Leben an und das sehe ich als hohes Gut und Ehre an. Mit fachlichem Enthusiasmus, Neugier und transportierter Menschenliebe kommt viel positive Energie zurück. Und sehr befreiend ist, wenn man sich von der Vorstellung löst, auch noch das Instagram-optimierte Privatleben haben zu müssen. Mir reicht es zum Beispiel völlig, unverplante Zeit mit meiner Familie zu genießen.
Grundsätzlich finde ich es wichtig, sich selbst gegenüber nicht zu hart zu sein, sich auch Situationen zu verzeihen, die vielleicht nicht optimal gelaufen sind, wo Streit entstanden ist und daraus zu lernen. Ich finde es sehr wichtig, privat und auch beruflich immer wieder das Gespräch zu suchen. Dazu habe ich auch einen klugen Input von einem Coach mitgenommen, der in einem Kurs meinte: „Überlegen Sie, was Sie zu einem Freund in derselben Situation sagen würden. Denn zu Freunden ist man oft viel liebevoller und emotional großzügiger als zu sich selbst.“ Die Forschung ist wieder ein eigenes Thema. Für mich geht es dabei oft ums Dranbleiben an einem Thema, um Beharrlichkeit und Konsistenz. Es ist wichtig, Mechanismen in der Tiefe zu verstehen. Die Forschung hilft uns, Menschen besser zu versorgen, dabei erfordert sie Durchhaltevermögen. Viele große Errungenschaften sind nicht innerhalb weniger Monate entstanden, sondern wurden durch penibles Erforschen und Verbessern über Jahre und Jahrzehnte erzielt.
Ärzt*in für Wien: Wie geht es den Kolleginnen mit der Arbeitsbelastung in den Spitälern?
Kliewer: Es gibt natürlich Brennpunkte, etwa die Notaufnahme oder grundsätzlich die Akutversorgung, wo es immer wieder zu belastenden Situationen kommt. Die allgemeine Belastung der Ärztinnen und Ärzte wird aber aufgrund der ökonomischen Situation spürbar größer. Der Workload ist insgesamt sehr hoch und lässt sich nur mit guter Organisation, guter Gesprächskultur und effizienter Aufteilung der Arbeitslast beherrschen. Entscheidend ist zudem die Ausbildung, denn nur wer eine gute Ausbildung bekommt, fühlt sich in seiner Arbeit sicher und selbstbewusst. Und wer selbstsicher und kompetent in seinem Job ist, fühlt sich auch weniger überlastet.
Ärzt*in für Wien: Wie erleben Sie den weiblichen Nachwuchs in der Ärzteschaft?
Kliewer: Ich erlebe oft junge Frauen schon im KPJ (Klinisch-Praktisches Jahr, Anm. d. Red.) oder Turnusärztinnen, die extrem selbstbewusst und leistungsbereit sind und das von Anfang an. Diese Frauen wissen, wohin sie wollen und haben einen Plan. Das ist großartig. Um den weiblichen Nachwuchs in der Medizin muss man sich definitiv keine Sorgen machen. Um qualifizierte Frauen auch in Spitzenpositionen zu bringen, braucht es aber noch mehr Unterstützung durch Politik und Krankenhausträger, um die gläserne Decke zu durchbrechen.
