Future Talk: Zukunft ärztlicher Rollen
Future Talk: Zukunft ärztlicher Rollen

Ein Berufsbild im radikalen Wandel

Wo werden die künftigen Kernkompetenzen der Ärzteschaft liegen und welche Skills sind dafür nötig? Wie beeinflussen gesellschaftliche Veränderungen das Gesundheitswesen? Und welche Rolle werden die Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz spielen? Beim dritten Future Talk der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien standen diese Fragen im Mittelpunkt.

Eva Kaiserseder

„Zwischen Visite und Vision – Zukunft ärztlicher Rollen“: Eine mögliche Entwicklung skizzierten Zukunftsforscher Tristan Horx und Reproduktionsmediziner Heinz Strohmer in ihren Vorträgen am 12. Februar, anschließend gab es eine angeregte Publikumsdebatte.
Ehrenpräsident Thomas Szekeres erklärte in seiner Keynote, dass Digitalisierung längst den Alltag der gesamten Ärzteschaft durchdrungen hat. Jetzt gehe es darum, die rasanten Entwicklungen in der Medizin vor dem Hintergrund Künstlicher Intelligenz effizient zu nutzen. Er betonte dabei die Wichtigkeit und den Wert menschlicher Zuwendung, denn ohne diese würde die ärztliche Profession keinesfalls und auch künftig nicht auskommen, egal wie fortschrittlich die Technik sei.

Mann mit Mikrofon bei einem Vortrag
Ehrenpräsident Thomas Szekeres bei seiner Keynote zum dritten Future Talk der Kammer. Foto: Stefan Seelig

 

Gesundheitsbegriff als weites Feld

Zukunftsforscher und Trendanalyst Tristan Horx analysierte nicht nur das Gesundheitswesen, sondern warf einen scharfsinnigen und unterhaltsamen Blick auf die Gesellschaft, in der wir leben. Ein zentraler Begriff dabei: Krisen. Sie sind nicht nur omnipräsent, sondern verstärken sich auch gegenseitig. „Die mediale Dauerbeschallung mit globalen Katastrophen und politischen Verwerfungen beeinflusst unsere Sichtweise dabei enorm“, so Horx. Der daraus resultierende Echoraum Social Media, wo sehr viel Negativität herrsche, habe nicht nur Auswirkungen auf die Gegenwart der Menschen, sondern auch auf ihre Sicht in eine maximal vage scheinende Zukunft. Künstliche Intelligenz und Digitalisierung würden in dieser Zukunft zwar eine große und nützliche Rolle spielen, sorgten momentan aber auch noch für viel Verunsicherung.
Beim Gesundheitssystem spannte Horx den historischen Bogen bis weit in die Vergangenheit: Gesund ist, wenn man nicht körperlich krank und arbeitsfähig ist, so lautete der früher gängige Anspruch im industriellen Zeitalter. Heute hat sich die Begrifflichkeit hin zu etwas entwickelt, das viel weiter gesteckt ist. Es geht
beim Thema Gesundheit weniger um die Abwesenheit von Krankheit, sondern auch um Fitness, um Wohlbefinden, um Vitalität und nicht zuletzt um mentale Gesundheit. Die Crux dabei: Das Gesundheitswesen als Institution, die unglaublich gut darin sei, Krankheiten zu therapieren anstatt vorzubeugen, stoße dabei noch an ihre Grenzen, mahnte Horx. Denn Vorsorge und Prävention hätten in diesem System Nachrang. 

Positiv bewertete der Zukunftsforscher das sogenannte Down Aging: Menschen verhalten und fühlen sich jünger, als es ihrem biologischen Alter entspricht. Seit den Anfängen des Industriezeitalters sei klar: Jede Generation verhält sich im Schnitt 7,4 Jahre „jünger“ als die Vorgängergeneration. Dass dieses Modell mathematisch nicht endlos funktioniert, sei logisch, aber der springende Punkt sei: „Wir haben nicht nur dem Leben Jahre gegeben, sondern den Jahren Leben“, so Horx. Und diese Entwicklung ist selbstverständlich auch für die Ärzteschaft spannend, denn es gilt, diese Menschen längstmöglich auf allen Ebenen gesund zu halten.
Horx betonte zudem die Geschlechterdynamik in der Medizin, die auch ein Bildungsthema sei, und den wachsenden Frauenanteil in der Ärzteschaft. Burschen würden dem Bildungssystem gerade vielfach verloren gehen. Aktuell sind übrigens 56 Prozent der Studierenden an der MedUni Wien weiblich. Damit verknüpft sei der Gender-Income-Gap, der sich in Ländern wie Großbritannien im Gesundheitssektor teils schon gedreht hat: Junge Frauen verdienen bereits vielfach besser als Männer.

Mann bei Vortrag der gestikuliert
Tristan Horx skizzierte den Wandel des Gesundheitsbegriffes. Foto: Stefan Seelig

 

Geschäft mit der Gesundheit

Mit kommenden Themen und Trends in Medizin und Gesellschaft setzt sich Reproduktionsmediziner Heinz Strohmer auseinander. Die Medizin habe einen enorm großen Anteil am Kuchen namens Digitalisierung. Alleine vor dem Hintergrund, wie viel Geld insgesamt pro Jahr weltweit für Gesundheit ausgegeben wird, ist klar, dass die „Big Five“ der Techbranche (Facebook/Meta, Microsoft, Amazon, Google/Alphabet und Apple) diesen Bereich in großem Stil mitgestalten wollen. Laut aktuellsten WHO-Zahlen lagen die globalen Gesundheitsausgaben bei 9,8 Billionen US-Dollar.
Die Innovationen und Ideen der Tech-Riesen sind dabei breit gestreut, so denkt Amazon etwa über die gesamte Arzneimittelauslieferung in den USA nach – in manchen Bundesstaaten werden bereits Medikamente via Amazon Pharmacy geliefert. Logistisch ist das geplante Upgrade keine Unmöglichkeit für den weltweit größten Versandhändler und Lieferanten: Fast 78 Millionen der 341 Millionen in den USA lebenden Menschen könnten aktuell sogar noch am selben Tag beliefert werden. Andere Ansätze findet man etwa bei Google, das gerne Start-ups aus der Gesundheitsbranche aufkauft und teils kuriose Geschäftsmodelle entwirft. Beispiel gefällig? Sensoren, die am Badezimmerspiegel angeklebt werden, dabei die Bewegungsmuster unserer Augäpfel in der Früh tracken und daraus Rückschlüsse auf unseren aktuellen Gesundheitszustand ziehen. Apple wiederum hatte vor geraumer Zeit die Idee, einen Querschnitt an Gesundheitsdaten via iPhone zu tracken und sammeln. Diese Health App ist mittlerweile auf den iPhones vorinstalliert, getrackt werden damit Aktivitäts- und Vitaldaten, zusätzlich kann man zum Beispiel Medikamentenpläne erstellen. Egal also in welcher Spielart: Gesundheitsdaten sind für Konzerne extrem attraktiv. Das Thema Datensicherheit wird dabei rechtlich noch sehr unterschiedlich gehandhabt, je nach nationaler Gesetzgebung.
Abseits davon beobachtet Strohmer als einen der größten internationalen Trends, dass sich das Gesundheitswesen sukzessive in Richtung ambulant statt stationär entwickelt. Medizin findet grundsätzlich immer mehr außerhalb des Krankenhauses statt. Die Tagesmedizin nimmt zu und Wearables oder Smartphones in einer zentralen Rolle als Trackingtool, Datensammler und Verbindungsachse der Arzt-Patienten-Beziehung sind ein ständig expandierender Bereich. Für Strohmer als Reproduktionsmediziner ist außerdem das Thema Genotypisierung omnipräsent. Dort, also bei der kompletten Sequenzierung des menschlichen Genoms, sei man zumindest in manchen Ländern schon längst angekommen. Selbst Homekits für rund 80 Dollar seien keine Zukunftsmusik mehr. Beim Kinderwunschthema sei damit der Wunsch nach genetischer Planbarkeit stark in den Vordergrund gerückt, was natürlich ethische Fragen aufwirft, wie sehr man als Ärztin oder Arzt in den genetischen Bauplan eingreifen darf. Zusätzlich sei man in der Reproduktionsmedizin mit sich stark wandelnden Patientengruppen, Stichwort Gender, konfrontiert, ein Abbild der veränderten Gesellschaft. 

 

Mann bei Vortrag der gestikuliert
Heinz Strohmer sieht ethische Bedenken rund um das Thema genetische Planbarkeit in der Reproduktionsmedizin. Foto: Stefan Seelig


 

 

 
© Ärztin für Wien | 10.04.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/gesundheitspolitik/ein-berufsbild-im-radikalen-wandel