Neue Sorgen um Standort und Jobs
Fehlender Schockraum, offene Bewilligung und Angst vor einer Aufweichung der Betriebsvereinbarung erschüttern das Vertrauen der Belegschaft. Während die AUVA Entwarnung gibt, warnen Ärztinnen und Ärzte vor Risiken für die Notfallversorgung. Eduardo Maldonado-González, Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte in der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, fordert Klarheit für die Belegschaft und die medizinische Versorgung in Wien.
Nach der Teilschließung im März 2024 sorgen Berichte über die Zukunft des AUVA-Traumazentrums Brigittenau weiterhin für Verunsicherung bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der AUVA. In einer Presseaussendung Anfang November gab die AUVA bekannt, dass für das interimistische Spitalsgebäude, das derzeit neben dem Bestandsgebäude errichtet und im Sommer 2026 eröffnet werden soll, kein Schockraum vorgesehen ist. Eine aktuelle Entwicklung bereitet den rund 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Lorenz-Böhler-Stammpersonals zusätzlich große Sorge. „Unsicherheit für die Spitalsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter der AUVA ergibt sich aktuell insbesondere daraus, dass offenbar erst vor Kurzem um Verlängerung der mit Jahresende 2025 auslaufenden Betriebsbewilligung des Bestandsgebäudes angesucht wurde“, sagt Eduardo Maldonado-González, Vizepräsident und Kurienobmann der angestellten Ärzte der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien.
Knappe Phase um Bewilligung
Die Bewilligung für das Bestandsgebäude, das derzeit als Tagesklinik geführt wird, läuft nämlich mit 31. Dezember 2025 aus. Für Unverständnis sorgt vor allem, dass erst so kurz vor Auslaufen der aktuellen Bewilligung um eine Verlängerung angesucht wurde, zumal derartige Bewilligungen üblicherweise über mehrere Jahre erteilt werden und das Auslaufen somit keineswegs überraschend kam. „Im schlimmsten Fall bedeutet das, dass das Lorenz-Böhler-Spital am Neujahrstag um 0 Uhr seine Türen schließen muss und die Patientinnen und Patienten nach Hause geschickt werden müssen. Das ist ein echtes Versäumnis. Es hätte viel früher um eine Verlängerung der Betriebsbewilligung angesucht werden müssen. Schließlich ist es kein Geheimnis, dass Behördenwege sich üblicherweise über einen längeren Zeitraum ziehen“, sagt Heinz Brenner, Unfallchirurg am Lorenz-Böhler-Spital sowie stellvertretender Obmann der Fachgruppe Unfallchirurgie der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien.
Müsste das Traumazentrum Wien-Brigittenau schließen, würde ein wichtiger Baustein der Wiener Gesundheitsversorgung wegbrechen. Seit der Teilschließung im Frühjahr 2024 wurden in der Ambulanz mehr als 50.000 Patientinnen und Patienten behandelt; in der Tagesklinik wurden seit Sommer 2025 über 5.000 Patientinnen und Patienten versorgt, wie Roland Frank, ärztlicher Leiter der AUVA, im Interview mit Ärzt*in für Wien (Novemberausgabe 2025) erklärte. „Im kommenden Jahr feiert das Lorenz-Böhler-Spital sein 100-jähriges Bestehen. Es wäre eine Ironie der Geschichte, wenn dieses für die Bundeshauptstadt medizingeschichtlich wichtige Spital im Jubiläumsjahr leer stehen würde“, betont Brenner.
Unsicherheit beim Personal
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Stammhauses, von denen seit der Teilschließung der Großteil am AUVA-Standort Meidling zwei zuvor geschlossene Stationen betreibt, fürchten zudem eine Aufweichung jener Betriebsvereinbarung, die mit der AUVA geschlossen wurde und an den Betrieb des Lorenz-Böhler-Spitals gekoppelt ist. „Wir erwarten uns hier eine umgehende Klarstellung, dass die geltende Betriebsvereinbarung jedenfalls eins zu eins fortgeführt wird – insbesondere die Regelungen zum verpflichtenden Teamsystem, zur Mindestbesetzung der Dienstmannschaft am Tag und in der Nacht sowie zur Mindestbesetzung in der Anästhesie. Die Belegschaft der AUVA fordert hier zu Recht Klarheit und Transparenz ein“, appelliert Eduardo Maldonado-González. Angesichts der aktuellen Debatte über die Notfallversorgungskapazitäten in den Spitälern sei auch das geplante „Downgrading“ der Intensivstation im AUVA Traumazentrum Brigittenau mehr als bedenklich: „Jüngste Vorfälle wie jener in Oberösterreich (Aneurysma- Patientin) und die gesamte Zeit der Corona-Pandemie zeigen, wie wichtig Intensivbetten sind. Und geradezu fahrlässig wäre es, wenn ein Unfallspital keinen Schockraum mehr hat“, sagt Maldonado-González in Richtung AUVA-Führung.
Diese versucht auf Anfrage von Ärzt*in für Wien in Bezug auf Betriebsbewilligung und Betriebsvereinbarungen zu beschwichtigen. Man gehe klar davon aus, dass die Betriebsbewilligung für das Bestandsgebäude fristgerecht erteilt werde – nicht zuletzt, weil der Einreichung der Unterlagen eine monatelange und sehr zeitintensive Abstimmung mit den Behörden vorausgegangen sei. Alle erforderlichen Unterlagen seien vollständig eingebracht worden. Man sehe derzeit keine offenen Punkte, die einen planmäßigen Abschluss infrage stellen könnten. Die AUVA habe, so die Führung, im Sinne einer verantwortungsvollen Betriebsführung rechtzeitig einen Antrag auf Verlängerung des Betriebs auf Basis des aktuellen Sicherheitskonzeptes gestellt und damit sichergestellt, dass alle gesetzlichen und sicherheitsrelevanten Anforderungen lückenlos erfüllt würden. Mit der Stadt Wien und den zuständigen Behörden stehe man zudem in einem strukturierten und regelmäßigen Austausch. Im Vordergrund stehe, alle Anforderungen transparent zu erfüllen und die Entscheidungsgrundlagen vollständig bereitzustellen. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ergäben sich aus dem laufenden Verfahren keine Veränderungen, erklärt die AUVA weiter. Dienstverhältnisse sowie bestehende Betriebsvereinbarungen blieben unberührt.
Schock wegen fehlenden Schockraums
Dass im interimistischen Spital kein eigener Schockraum vorgesehen ist, begründet die AUVA damit, dass aufgrund der Schwerpunktsetzungen innerhalb des Traumazentrums Wien Schwerverletzte nicht primär am Standort Brigittenau aufgenommen werden sollen. „Wie bereits vor der Teilschließung gelebte Praxis, ist die Behandlung von Polytrauma- und Schockraum-Patientinnen und -Patienten am Standort Meidling gebündelt, der mit der geplanten Anbindung an das neue Rehabilitationszentrum Wien eine führende Rolle in der Versorgung Schwerverletzter einnimmt“, so die AUVA zur künftigen Ausrichtung der Standorte. Am Standort Brigittenau sei die Aufnahme von Schwerverletzten und vital bedrohten Patientinnen und Patienten aus Sicht der AUVA-Führung jedoch weiterhin möglich, da personelle, räumliche und apparative Ressourcen bestehen blieben. Notfälle könnten dort auch künftig jederzeit stabilisiert und versorgt werden. Zusätzlich bleibe das gesamte Spektrum der Akut-, tagesklinischen und elektiven Leistungen unvermindert erhalten. Der Kammervizepräsident fordert die AUVA auf, ihre Planungen nochmals zu überdenken, schließlich sei ein Schockraum für ein modernes Unfallspital unerlässlich: „Heutzutage wird für alle schwerer verletzten Patientinnen und Patienten ein Schockraum benötigt – ein bloßer ‚Akut-Interventionsraum mit Anbindung zum CT‘ ist hier kein ausreichender Ersatz“, betont Maldonado-González.
Ergänzung nach Redaktionsschluss und Publikation:
Am 18. Dezember 2025 wurde darüber informiert, dass im Traumazentrum Brigittenau, dem ehemaligen Lorenz-Böhler-Krankenhaus, das Sicherheitskonzept für 2026 genehmigt wurde. Der Betrieb sei aber auf eine Erstversorgungsambulanz mit Tagesklinik reduziert.
