Psychosoziale Versorgung
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Psychosoziale Versorgung

„Zögern Sie nicht, Patientinnen und Patienten zu uns zu schicken!“

Sie ist Primaria des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Ambulatoriums Alsergrund und seit 1. Juli 2025 auch Chefärztin des PSD-Wien: Katrin Skala, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie, im Gespräch.

Matthias Fauner

Ärzt*in für Wien: Was sind die Kernaufgaben des PSD-Wien?
Skala: Der PSD-Wien bietet Menschen mit psychischen Problemen und psychiatrischen Erkrankungen Betreuung und Behandlung. Und zwar niederschwellig und kostenlos für alle Menschen, die zu uns kommen. Finanziert werden wir zu einem Großteil von der Stadt Wien, in dem Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie stammen die Mittel zu je 50 Prozent von der Stadt Wien und von der ÖGK.

Ärzt*in für Wien: Wie ist der PSD-Wien in die psychosoziale Versorgung in Wien eingebettet? 
Skala: Der PSD-Wien ist ein zentraler Bestandteil der psychosozialen Beratungs- und Betreuungslandschaft der Stadt. In psychischen Notsituationen brauchen Eltern sofortige Unterstützung für ihre Kinder, das Gleiche gilt im Erwachsenenbereich. Aber wenn Sie heute beispielsweise einen niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater anrufen, bekommen Sie in ein paar Monaten einen freien Termin. In den Ambulatorien des PSD-Wien hingegen können wir den Menschen sehr zeitnah Beratung und Behandlung bieten. Dezentralität und wohnortnahe Versorgung sind zentrale Grundprinzipien unserer Arbeit – im Erwachsenenbereich ist das schon lange etabliert, im Jugendbereich sind wir am Weg dorthin. Wichtig sind auch die Nahtstellen im System, enge Vernetzung mit allen relevanten Stellen ist für uns daher das Um und Auf.

Ärzt*in für Wien: Hat der PSD-Wien auch besondere Präventionsschwerpunkte?
Skala: Viele Kinder und Jugendliche erreichen wir über das familiäre Umfeld gar nicht. Daher gehen wir unter anderem direkt in die Schulen – mit Teams aus klinischen Psychologinnen und Psychologen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern sowie Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen. Diese psychosozialen Teams betreuen sogenannte Schulverbünde, in denen mehrere Volks- und Mittelschulen zusammengefasst sind. Für die Jugendlichen ist es wichtig, dass sie mit schulexternen Personen über psychische Gesundheit sprechen können. Unsere Teams bekommen auch von Lehrpersonen Hinweise zu Schülerinnen oder Schülern, über die sich diese konkret Sorgen machen. Wir bieten dann individuelle Unterstützung an, bei Bedarf vermitteln wir die Schülerin oder den Schüler auch weiter. Mit dem First Level Support haben wir auch eine Hotline für Kinder- und Jugendliche sowie deren Umfeld eingerichtet – also auch Direktorinnen und Direktoren sowie Lehrpersonen – für schnelle Beratung bis hin zur Weitervermittlung in das passende Setting.

Ärzt*in für Wien: Sowohl aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie als auch aus der Erwachsenenpsychiatrie hören wir immer wieder, das medizinische Personal würde am Limit arbeiten – unter anderem, weil zu wenige Assistenzärztinnen und Assistenzärzte ausgebildet werden können. Wie sehen Sie das?
Skala: Der Fachärztemangel ist ein Fakt. Gleichzeitig gibt es viele Interessentinnen und Interessenten – in der Kinder- und Jugendpsychiatrie etwa können wir jede Ausbildungsstelle sofort besetzen. Aber die Ausbildung dauert eben sechs lange Jahre. Dazu kommt: In der Erwachsenenpsychiatrie gilt nach wie vor der Ausbildungsschlüssel „eins zu eins“ – eine Fachärztin oder ein Facharzt bildet also jeweils eine Assistenzärztin oder einen Assistenzarzt aus – in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt es zum Glück bereits eine flexiblere Regelung.

Ärzt*in für Wien: Bildet der PSD-Wien auch selbst Fachärztinnen und Fachärzte aus?
Skala: Ja, auch der PSD-Wien ist ein Ausbilder, allerdings können wir derzeit noch nicht denselben Ausbildungsumfang anbieten wie die Spitäler.

Ärzt*in für Wien: Für alle Bereiche bleibt es also ein Kernthema, ausreichend Nachwuchskräfte auszubilden sowie erfahrene Fachärztinnen und Fachärzte zu halten...
Skala: Ja, das ist definitiv so. Einerseits gibt es einen freien Markt. Auch ich bin nach 25 Jahren aus dem Krankenhaus-Setting weggegangen, nachdem ich dort zuletzt die Akutstation geleitet habe. Andererseits – und das sehe ich jetzt besonders in unserem Kinder- und Jugendpsychiatrischen Ambulatorium – entlastet eine gute extramurale Versorgung die Krankenhäuser massiv. Wenn ein Kind ins Krankenhaus kommt, bei dem keine längere stationäre Aufnahme notwendig ist, dann kontaktiert das Krankenhaus rechtzeitig vor der Entlassung zum Beispiel den PSD-Wien, und wir vereinbaren gleich Folgetermine.

Ärzt*in für Wien: Was wäre hier ein Beispiel aus der Praxis?
Skala: Wenn beispielsweise bei einer jugendlichen Person eine Erstmanifestation einer psychotischen Erkrankung vorliegt. Die Fachärztinnen und Fachärzte im Spital klären zuallererst ab, ob es vielleicht somatische Ursachen gibt, und stellen die Person medikamentös ein. Wenn es keinen triftigen Grund für eine weitere stationäre Behandlung gibt, dann braucht die Patientin oder der Patient jemanden außerhalb des Spitals, der sich kontinuierlich und anfangs hochfrequent um sie beziehungsweise ihn kümmert: Kontrolltermine, um die Medikation anzupassen und die regelmäßige Einnahme sicherzustellen oder etwa, um die Reintegration in die schulische Ausbildung oder in die Arbeitswelt voranzutreiben. Gerade am Anfang sind diese hochfrequenten Kontakte notwendig, damit sich die Patientin oder der Patient gut aufgehoben fühlt.

Ärzt*in für Wien: Wo sehen Sie für die nächsten Jahre Ihre Arbeitsschwerpunkte als Chefärztin des PSD-Wien?
Skala: Ich denke, es ist extrem wertvoll, wenn Menschen in der Führungsebene auch die Basisarbeit kennen. In meinem Fall sind das rund 25 Jahre Arbeit mit psychisch Kranken – zuerst zehn Jahre im Erwachsenenbereich, die letzten 15 Jahre im Kinder- und Jugendbereich. Für die nächsten Jahre gehe ich im PSD-Wien von einem Mix aus Konsolidierung und Weiterentwicklung aus. Wir sind in den letzten Jahren personell stark gewachsen – von 382 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Ende 2022 auf 604 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ende 2024 quer durch alle Berufsgruppen. Und wir bauen die Projektarbeit laufend aus, etwa die psychosoziale Unterstützung an den Schulen. Gerade in der Kinder- und Jugendpsychiatrie liegt für mich auf der Hand: Alles, was ich in Prävention und Früherkennung investiere, rechnet sich tausendfach, nicht zuletzt auch auf einer volkswirtschaftlichen Ebene.

Ärzt*in für Wien: Welche Kernbotschaft möchten Sie unseren Leserinnen und Lesern unbedingt vermitteln?
Skala: Wir sind in den letzten Jahren gut vorangekommen auf dem Weg hin zu einer Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen. Daher möchte ich allen Ärztinnen und Ärzten sagen: Zögern Sie nicht, Patientinnen und Patienten zu uns zu schicken – es ist nie zu früh!

Psychosoziale Dienste in Wien (PSD-Wien)

Der PSD-Wien wurde 1979 auf Betreiben der Stadt Wien gegründet und nahm 1980 seinen Betrieb auf. Heute versorgt der PSD-Wien jedes Jahr zehntausende Patientinnen und Patienten in schwierigen Lebenssituationen und bildet ein umfassendes Netzwerk zur Behandlung für Menschen mit psychischen Erkrankungen:

Die Behandlungs- und Beratungszentren des PSD-Wien sind über das gesamte Stadtgebiet verteilt. Eine Zuweisung ist nicht nötig, der PSD-Wien ersucht aber um telefonische Terminvereinbarung. Der Sozialpsychiatrische Notdienst steht rund um die Uhr als Not- und Krisendienst unter der Rufnummer 01 31330 zur Verfügung.

„Alles, was ich in Prävention und Früherkennung investiere, rechnet sich tausendfach, nicht zuletzt auch auf einer volkswirtschaftlichen Ebene.“
Frau im Blazer lächelt in die Kamera.
Katrin Skala: „Eine gute extramurale Versorgung entlastet die Krankenhäuser massiv.“
Foto: PSD-Wien
„Ich denke, es ist extrem wertvoll, wenn Menschen in der Führungsebene auch die Basisarbeit kennen.“
 
© medinlive | 13.02.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/medizin/zoegern-sie-nicht-patientinnen-und-patienten-zu-uns-zu-schicken