Krebstherapie
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Krebstherapie

„Unsere Schnittstellen sind alle Altersgruppen“

Richard Crevenna ist Arbeits- und Schmerzmediziner mit onkologischem Schwerpunkt. Im Interview mit Ärzt*in für Wien skizziert er, welche massiven Vorteile Bewegung und Fitness für Krebserkrankte haben und warum das fächerübergreifende, vernetzte Arbeiten und Forschen für ihn so wichtig ist.

Eva Kaiserseder

Ärzt*in für Wien: Sie sind mit Blick auf Ihre Tätigkeiten ein fachlicher Tausendsassa. Haben Sie einen thematischen Schwerpunkt, den sie besonders gerne bearbeiten?
Crevenna: Ja, und zwar ist das, Menschen körperlich und geistig in Bewegung zu bringen oder zu halten mit dem Ziel eines selbstbestimmten Lebens durch eine Verbesserung der beruflichen und sozialen Teilhabe. Das gelingt durch das Vorantreiben gezielter inter­disziplinärer und interprofessioneller Zusammenarbeit sowie der Umsetzung und Weiterentwicklung multimodaler Konzepte. Vor jeder Bewegung steht die Schmerzfreiheit. Letztere ermöglicht erst Beweglichkeit und diese wiederum Mobilität und regelmäßige körperliche Aktivität durch Bewegung. Wenn man das dann noch systematisch plant, zyklisch adaptiert und ganzjährig steuert, dann sprechen wir von Training, entweder von Kraft oder Ausdauer. Das wiederum hat so viele positive Effekte auf die Gesunderhaltung, in der Prävention, aber auch prähabilitativ und therapiebegleitend. Auch danach in der Rehabilitation, unter anderem in der so wichtigen onkologischen Rehabilitation. Was mir noch wichtig ist: ein fairer Zugang zu Gesundheitsleistungen. In meinem Arbeitsbereich ist das etwa eine adäquate Schmerzbehandlung oder Rehabilitation. Dies bedarf einer kontinuierlichen Information und Awareness-Bildung in unserer Gesellschaft sowie einer entsprechenden Motivation der Entscheidungsträger.

Ärzt*in für Wien: Stichwort Prävention: Welche körperlich messbaren Parameter verbessern sich dadurch?
Crevenna: Statistisch gesehen gibt es natürlich Effekte auf sehr viele Parameter wie etwa das Ausbleiben und vor allem das spätere Auftreten von Zivilisationskrankheiten. In Österreich haben wir bei einer europaweiten Spitzen-Lebenserwartung nur 57 gesunde Lebensjahre verglichen mit 64 im Europaschnitt und 73 beim Spitzenreiter Schweden. Hier kann Prävention ganz sicher noch einiges bewirken. Aus meinem Fach gehören zu diesen deutlich messbaren körperlichen Werten etwa Muskelkraft, Ausdauer, Vitalkapazität, Laborwerte, Schmerz oder Funktion.

Ärzt*in für Wien: Seit Mai dieses Jahres sind Sie Präsident der Initiative „Leben mit Krebs“. Wie kann man aus ärztlicher, arbeitsmedizinischer Sicht unterstützend wirken bei krebserkrankten Personen, die noch im Erwerbsleben stehen? 
Crevenna: Hier kann man durch die deutlich verbesserten onkologischen Behandlungsmethoden mit längerem und besserem Überleben sowie einer seit 2017 angepasste Gesetzeslage in vielen Fällen sehr viel machen. Gerade die Vernetzung der Rehabilitation mit der Arbeits- und Organisationsmedizin und einem in Österreich sehr guten Ausbau stationärer und mittlerweile zunehmend auch ambulanter Rehabilitations­möglichkeiten ermöglicht hier vielen der sogenannten „Cancer Survivors“ ein früheres und beständigeres „Return to work“. Das verbessert nicht nur ihre existenzielle, sondern auch psychosoziale Lage, denn in vielen Fällen ist Arbeit ja auch sinnstiftend und erhöht das Selbstwertgefühl und die Selbstbestimmtheit. 

Ärzt*in für Wien: Stichwort Onkologische Rehabilitation: Welche Innovationen und Neuerungen gibt es bei der onkologischen Rehabilitation und welche Standards haben sich als erfolgreich erwiesen? 
Crevenna: Wir wissen heute – und diese Studienlage wird immer eindeutiger – , dass Training für „Cancer Survivors“ tatsächlich nicht „nur“ die Lebensqualität, Funktionsfähigkeit und Teilhabe verbessert, sondern bei einigen Krebsentitäten signifikante krebsspezifische, lebensverlängernde Effekte zeigen kann. Außerdem wissen wir – und dazu haben unsere Arbeitsgruppe und unser österreichisches Umfeld international sehr früh ganz viel beigetragen – , dass praktisch mit allen Patientinnen und Patienten mit einer Krebser­krankung sicher und wirksam trainiert werden kann. Dabei darf man nicht vergessen, dass zusätzliche körperliche Belastungen für Krebspatientinnen und Krebspatienten vor etwa 20 Jahren noch eine absolute Kontraindikation dargestellt haben. In unserem Haus durfte meine Arbeitsgruppe unter der Schirmherrschaft von Professor Zielinski bereits 1999 die erste Trainingsgruppe für Brustkrebspatientinnen am Tag der adjuvanten Chemotherapie aktiv trainieren und darüber wissenschaftlich berichten. Danach waren wir ebenfalls weltweit die ersten, die knochenmetastasierte Patientinnen aktiv trainiert haben. Für letztere und Survivors mit Multiplem Myelom konnten wir international Stan­dards zum Frakturrisiko bei Belastung publizieren. Zudem arbeiten wir natürlich auch und gerade am Thema chemotherapeutisch induzierte Polyneuropathie (CIPN) bei all diesen Patientinnen und Patienten, denn: vor dem Training müssen Beweglichkeit, koordinative Sicherheit, Balancefähigkeit und Schmerzreduktion gegeben sein. So schließt sich der Kreis. Für die Zukunft erscheinen mir der weitere Ausbau ambulanter und telerehabilitativer Methoden sowie die Weiterentwicklung der Nutzbarkeit und Nutzung von Wearables und KI-Angeboten et cetera besonders wichtig. Davor braucht es aber eine weitere kontinuierliche Awareness-Schaffung sowie Ressourcenallokation in diesem wachsenden und eingedenk des bestehenden Pflegemangels höchst relevanten Bereich. 

Ärzt*in für Wien: Wie wesentlich ist körperliche Fitness, wenn es um Krebserkrankungen geht, und welche Vorteile sind hiermit verbunden?
Crevenna: Unter anderem ist das die Verbesserung von körperlicher Leistungsfähigkeit, also Ausdauer, Kraft, Flexibilität, Koordination/Sensomotorik oder Schnelligkeit. Auch die Reduktion von Distress, Angst oder Depression zählt hier dazu. Ebenfalls beobachtbar war die Verringerung von Fatigue, eine Verbesserung des Nachtschlafs sowie der Libido und überhaupt der Lebensqualität. Zusätzlich haben wir positive Effekte auf die chronische Inflammation und den Stoffwechsel beobachtet. Das sogenannte Overall Survival, vor allem das sogenannte kardiovaskuläre Überleben, sowie das Cancer Specific Survival sind deutlich verbessert. 

„Gerade die Vernetzung der Rehabilitation mit der Arbeits- und Organisationsmedizin ermöglicht hier vielen der sogenannten ‚Cancer Survivors’ ein früheres und beständigeres 'Return to work’.“
Ein Porträt des Arbeits- und Schmerzmediziners Richard Crevenna. Aufgrund des Hintergrunds kann geschlossen werden, dass die Aufnahme im Außenbereich stattgefunden hat - verschwommen ist ein Baum oder eine Hecke im Hintergrund zu sehen.
Richard Crevenna leitet die Universitätsklinik für Physikalische Medizin, Rehabilitation und Arbeitsmedizin an der MedUni Wien.
Foto: feelimage Matern/MedUni Wien
„In Österreich haben wir bei einer europaweiten Spitzen- Lebenserwartung nur 57 gesunde Lebensjahre verglichen mit 64 im Europaschnitt und 73 beim Spitzenreiter Schweden.“
 
© medinlive | 13.02.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/medizin/unsere-schnittstellen-sind-alle-altersgruppen