„Frauen befinden sich in einer Bittstellerrolle"
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nach wie vor die größte Krux für viele Ärztinnen. Zwar gehen Frauen nach wie vor mit unvermindert großen Ambitionen in die Medizin, schaut man sich aber an, wo sie in ihren Karrieren langfristig ankommen, ist die vielzitierte „gläserne Decke“ deutlich spürbar.
Der dritte Schwerpunkt des Vorreiter-Events lag auf den Frauen in der Medizin. Die Medizin gilt zwar mittlerweile als weiblich, was aktuelle Zahlen auch belegen: 53,7 Prozent der Wiener Ärztekammermitglieder sind Frauen. Allerdings liegt der Teufel im vielzitierten Detail, denn in den Führungsebenen sind Männer nach wie vor deutlich präsenter. Mit Blick auf die Primariate der Bundeshauptstadt heißt das, nur 33,44 Prozent sind weiblich besetzt. Auch in der Forschung gibt es Aufholbedarf. So gibt es etwa an der MedUni Wien nur 39 Professorinnen bei insgesamt 134 Professuren.
Die Gründe für diese Kluft? Die sind vielfältig, einen gemeinsamen Nenner als Ursache für holprige Karrieren bei den Frauen gibt es aber doch. „Betreuungspflichten sind für viele Frauen ein zentrales Hindernis in ihrem beruflichen Vorankommen. Vielen Kolleginnen ist es dadurch eine Zeit lang nicht mehr möglich, Vollzeit zu arbeiten und Teilzeitarbeit ist leider nach wie vor keine Selbstverständlichkeit. Deren Umsetzbarkeit hängt vom Vorgesetzten in der Klinik ab, oftmals ein Mann. Man befindet sich damit in einer Bittstellerrolle. Oft genug scheitern die Frauen dann hier und verlassen das Spital sogar“, so Ruth Herbst, Präsidentin des Wissenschafterinnennetzwerks für Medizin.
Gesamtgesellschaftliches Problem
Ins selbe Horn stößt Lisa Leutgeb, 1. stellvertretende Kurienobfrau der Kurie angestellte Ärzte. „Wir haben ein gesamtgesellschaftliches Problem, das muss man einfach so anerkennen. Solange Männer nicht genauso selbstverständlich Familienbetreuung und Carearbeit leisten wie Frauen, werden wir an der mangelnden Gleichberechtigung und ungleichen Belastung nichts ändern. Österreich ist übrigens EU-weites Schlusslicht bei Väterkarenzen.“ Österreichs konservative Haltung zum Thema Familie bestätigt auch Kristina Hametner, Leiterin im Büro für Frauengesundheit der Stadt Wien. Sie verortet hier eine Einstellung, die gesellschaftlich dermaßen fest verankert ist, dass dem nur sehr schwer beizukommen ist: „Wir gehen alle ganz selbstverständlich davon aus, dass Kinderbetreuung Frauensache ist. Das ist der Kontext, in dem wir alle uns bewegen, denn keiner lebt im luftleeren Raum.“
An welchen Stellschrauben man prioritär drehen sollte, um das Thema Gleichberechtigung voranzutreiben, ist für Eduardo Maldonado-González, Vizepräsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, klar: „Flexiblere Arbeitszeiten und zuverlässige Unterstützung bei der Kinderbetreuung müssen absolut Vorrang haben. Medizinische Einrichtungen und Universitäten sind hier gefordert, Maßnahmen zu ergreifen, um gute und familienfreundliche Strukturen zu schaffen. Außerdem müssen verbindliche Gleichstellungsstrategien mit klaren Zielvorgaben und Monitoring etabliert werden.“ Netzwerken sei ein wichtiges Tool, um das berufliche Vorankommen von Frauen zu verbessern und grundsätzlich das Thema Solidarität zu stärken, darin sind sich alle einig. Maldonado-González hebt dabei die Initiativen Ärzt:innen Connect oder Chirurginnen.connect hervor, die seitens der Kammer organisiert werden und regelmäßig stattfinden.
Frauen an der Spitze
Einen großen Wunsch gab es vom medizinischen Nachwuchs am Podium. Melanie Klampferer, Studentin an der MedUni Wien, findet es „wichtig, dass junge Medizinerinnen motiviert werden, in Führungspositionen zu gelangen, dass sie motiviert werden für die Dinge zu kämpfen, die sie verdienen. Ich wünsche mir generell mehr Sichtbarkeit von Frauen an der Spitze, denn natürlich können wir unseren Job genauso gut wie Männer, auch wenn ich oft das Gefühl habe, es wird uns das Gegenteil eingeredet.“
