KI in der Medizin
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KI in der Medizin

„Längst nicht mehr Science-Fiction“

Künstliche Intelligenz verändert die medizinische Praxis grundlegend. Das KI-Symposium der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien bot spannende Einblicke in aktuelle Entwicklungen, Chancen, Risiken und die entscheidende Rolle von Ärztinnen und Ärzten. 

Stefan Eckerieder

Künstliche Intelligenz (KI) revolutioniert die Medizin: Von administrativer Entlastung über Diagnostik, Therapieplanung bis hin zu individualisierter Medizin. Beim ersten KI-Symposium „Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz in der Medizin“ der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien am 18. September diskutierten Experten moderiert von „Presse“-Journalist Köksal Baltaci, Chancen, Risiken und ethische Grenzen. Dabei wurde den zahlreichen Besucherinnen und Besuchern ein fundierter Überblick über den aktuellen Stand der Entwicklung gegeben und Zukunftsperspektiven aufzeigt. 

Orientierung an Patientinnen und Patienten

Johannes Steinhart, Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, hob das Potenzial der Digitalisierung hervor, die Medizin und das Gesundheitswesen in einem bisher nicht gekannten Ausmaß zu verändern, positiv wie auch negativ. Vor allem die zukünftigen Auswirkungen von KI auf die Ausbildung, den Arztberuf und die medizinische Versorgung insgesamt seien aktuell noch unabsehbar. „Es ist für eine Standesvertretung besonders wichtig, solche Entwicklungen im Auge zu behalten, zu begleiten und mitzugestalten“, so Steinhart. Schließlich betreffe das Thema unter anderem die künftige Rolle der Ärztinnen und Ärzte, Diagnose- und Therapieentscheidungen sowie auch ethische Fragen, Fragen der Haftung und Verantwortlichkeit. „Künstliche Intelligenz kann zum Beispiel die Patientenversorgung verbessern und die Effizienz im Gesundheitswesen steigern“, erklärt der Präsident die potenziellen Vorteile. Zugleich verweist er auf den möglichen disruptiven Charakter, der zu problematischen oder negativen Entwicklungen führen kann. Mit wachsendem Einfluss der Digitalisierung in der Medizin würden schließlich auch Fragen und Unsicherheiten aufkommen, auch zur künftigen Arzt-Patient-Beziehung. „Man darf auch nicht übersehen, dass manch ein privater Investor oder Konzern, der sich von einem Einsatz im Gesundheitsbereich schöne Gewinne erwartet, gerne durch den rigorosen Einsatz von Telemedizin und KI Geld sparen möchte: KI in der Diagnose, Therapiewahl und Online-Patientenüberwachung, Roboter im OP und in der Patienten-Betreuung et cetera, das ist längst nicht mehr Science-Fiction“, so Steinhart. Er verweist deshalb auf die Wichtigkeit eines schrittweisen Vorgehens, bei dem jeder Schritt sorgfältig evaluiert wird, bevor der nächste gesetzt wird. „Dazu braucht es auch sorgfältige und vernünftige rechtliche Anpassungen. Diese Kombination von Innovationsbereitschaft und Qualitätsbewusstsein wünsche ich mir generell für das österreichische Gesundheitssystem“, betont der Kammerpräsident. Maßstab für technologische Entwicklungen müsse immer sein, ob deren Einsatz den Patientinnen, Patienten, Ärztinnen und Ärzten zugutekomme. 

Auch KI braucht Kontrolle

Andreas Klein von der Universität Wien gab beim Vortrag Einblicke in aktuelle Entwicklungen der Künstlichen Intelligenz und deren Möglichkeiten – aber auch in die Risiken. Moderne KI-Systeme lernen aus Erfahrungen, treffen kreative Entscheidungen und können Abläufe selbstständig steuern. „Anders als klassische Software werden sie nicht programmiert, sondern trainiert“, erklärt Klein. Dafür greifen KI-Systeme auf große Datenmengen zurück, was schnelle und häufig präzise Ergebnisse ermöglicht. Bereits heute komme KI in der Diagnostik, der Arzneimittelforschung, in organisatorischen Abläufen in Kliniken und in der Vorsorge zum Einsatz – etwa bei der Früherkennung von Polypen oder Parkinson-Erkrankungen, dank smarter Sensoren. Gleichzeitig betonte Klein, dass die Ergebnisse der KI-Systeme trotz hoher Genauigkeit immer einer menschlichen Kontrolle bedürfen. Probleme entstünden etwa durch Datenbias – Verzerrungen oder Voreingenommenheit in den verwendeten Datensätzen –, unzureichende Datenlagen oder mangelnde Nachvollziehbarkeit („Black Box“). Zusätzlich kritisch sei der Gewöhnungseffekt: Je öfter KI korrekte Ergebnisse liefert, desto schneller neigen Anwenderinnen und Anwender dazu, ihr blind zu vertrauen. Rechtlich und ethisch verweist Klein auf klare Rahmenbedingungen für KI: Der AI-Act der EU regelt, dass KI-Anwendungen stets menschenzentriert sein müssen, die Selbstbestimmung der Betroffenen wahren, sensible Daten schützen und Chancengleichheit gewährleisten. „Über allem steht eigentlich die Frage, was soll Künstliche Intelligenz für uns überhaupt bringen?“, erklärt der Theologe. Systeme müssten zudem nachvollziehbar, robust und dokumentiert sein, insbesondere im Gesundheitsbereich. Ethische Leitplanken stellen zudem sicher, dass Nutzerinnen und Nutzer erkennen können müssen, ob sie mit einer KI oder einem Menschen interagieren und jederzeit Einspruchsmöglichkeiten haben.

Neue Möglichkeiten in der Früherkennung

Auch Christoph Bock von der Medizinischen Universität Wien hob den Nutzen von KI in der Medizin hervor. Kurzfristig sieht er den größten Gewinn bei Routineaufgaben wie Verschreibungen, Dokumentation oder Archivierung. Gleichzeitig eröffne KI Potenzial bei komplexeren Aufgaben, um Spitäler zu entlasten: So könnten Patientinnen und Patienten mit entsprechender Überwachungstechnologie und Anbindung ans Krankenhaus nach Operationen früher nach Hause entlassen werden. Auch die Effizienz in Kliniken lasse sich steigern, etwa durch KI-gestützte Befundung in der Radiologie. In der Früherkennung von Krankheiten kommt KI zum Einsatz, indem sie große Mengen an Biomarker und Genomdaten auswertet und interpretierbar macht. „KI gibt uns die Möglichkeit, Krankheiten früher und besser zu erkennen“, sagt Bock. Sie liefere zuverlässige Ergebnisse bei der Diagnose von Metastasen und der Auswahl geeigneter Therapien und eröffnet neue Möglichkeiten in der personalisierten Medizin. Bock gab zudem Einblicke in die Arbeit seines Instituts für Artificial Intelligence, das er leitet. Dort wird maschinelles Lernen mit Genomtechnologie, Einzelzellbiologie und Zelltechnik kombiniert, um personalisierte Therapien für Krebs- und Immunerkrankungen zu entwickeln. Besonders praktisch: Studierende müssen nicht mehr zwangsläufig programmieren lernen, sondern können direkt mit den KI-Systemen interagieren. Er hinterfragt, ob angesichts der neuen Möglichkeiten die Ausbildung der Medizinerinnen und Mediziner noch zeitgemäß ist: „Wir leben in einer spannenden, zugleich herausfordernden Zeit, die uns auch fragen lassen muss: Dienen unsere Kurse wirklich den Bedürfnissen der Studierenden? Bereiten wir sie auf die Welt von morgen vor – und was können wir tun, um sie dafür stark zu machen?“ 

Lösungen für das Dokumentationschaos

Bart de Witte, Mitgründer der Isaree GmbH und Gründer der gemeinnützigen HIPPO AI Foundation, sieht großes Potenzial für Automatisierung im administrativen Bereich der Medizin. Denn das eigentliche Problem sei nicht der Mangel an Fachkompetenz, „sondern der strukturell erzeugte Overhead an administrativen Tätigkeiten“, so de Witte. Klinisches Fachpersonal verbringe heute einen Großteil seiner Zeit mit Dokumentation. KI-Agenten, spezialisierte Systeme, die selbstständig Aufgaben übernehmen, könnten dieses Dokumentationschaos lösen, Daten abrufen und zugleich weltweit standardisiert aufbereiten und die Entscheidungsfindung schließlich demokratisieren. Speziell im Hinblick auf die Auswirkungen des demografischen Wandels im Medizin- und Pflegebereich sieht de Witte großes Potenzial. Die größte Gefahr sieht der KI-Experte in der Zentralisierung und Monopolisierung durch nicht europäische Unternehmen. Für viele andere Risiken sieht er bereits Mechanismen etabliert, die sicherstellen, dass KI erst nach strenger Zulassungsprüfung und Kontrolle in die Versorgung gelangen. Zugleich brauche es auch immer strikte Kontrolle, um Innovation und Patientensicherheit zu gewährleisten. „KI wird als Werkzeug zur Unterstützung von Diagnose und Therapie gesehen, ersetzt aber nie die ärztliche Expertise und Entscheidungsbefugnis“, so de Witte. Darüber hinaus sollten Ärztinnen und Ärzte aus Sicht des Experten nicht nur Anwender, sondern auch Mitgestalter von KI-Systemen sein. Er plädiert für einen dezentralen Ansatz, bei dem die Anwendungen direkt auf Endgeräten ohne Internetanbindung betrieben und speziell für ihren jeweiligen Nutzen trainiert werden, was nicht nur erhebliche Energieeinsparungen ermöglicht, sondern auch die Datensicherheit deutlich erhöht, da keine sensiblen Informationen über Netzwerke übertragen werden müssen. 

„Es ist für eine Standesvertretung besonders wichtig, solche Entwicklungen im Auge zu behalten, zu begleiten und mitzugestalten.“
Beim KI-Symposium sitzen, von links nach rechts, die Herren Andreas Klein, Bart de Witte, Christoph Bock und Johannes Steinhart beisammen und diskutieren.
Andreas Klein, Bart de Witte, Christoph Bock und Johannes Steinhart (v. l.) diskutierten über Chancen und Risiken von KI in der Medizin.
Foto: Stefan Seelig
„Wir leben in einer spannenden, zugleich herausfordernden Zeit, die uns auch fragen lassen muss: Dienen unsere Kurse wirklich den Bedürfnissen der Studierenden? Bereiten wir sie auf die Welt von morgen vor?“
 
© medinlive | 13.02.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/gesundheitspolitik/laengst-nicht-mehr-science-fiction