Medizin in Österreich
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Medizin in Österreich

Forschung vor den Vorhang holen

Über den Dächern Wiens wurde bei der Science4Care Austrian High Impact Research-Veranstaltung intensiv über den Wissenschaftsstandort Österreich, fehlendes Risikokapital und den Wunsch nach mehr (und besserer Verzahnung) der unterschiedlichen Player im Gesundheitssystem debattiert. Vorträge aus Kardiologie und Traumatologie lieferten zudem medizinische Fachimpulse. 

Eva Kaiserseder

Der Tenor der hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion mit Alexander Biach (Generaldirektor der SVS), Anton Pauschenwein (Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Ärzte- und Apothekerbank), Erwin Rasinger (Arzt und ehemaliger Nationalratsabgeordneter) und Michael Stampfer (Geschäftsführer des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds) war klar: Es braucht politische Anreize, um Risikokapital zu schaffen und innovative Forschungsergebnisse in der österreichweit sehr guten Grundlagenforschung überhaupt bis zur Marktreife zu entwickeln. Zusätzlich braucht es eine stärkere Kooperation im Gesundheitssystem und last but not least eine schlankere Verwaltung. Auf dem Podium wurde außerdem eine wirtschaftliche Grundausbildung für Medizinerinnen und Mediziner gefordert, da viele Ärztinnen und Ärzte später in der Selbstständigkeit von diesem Wissen profitieren würden. 

Martin Andreas, Referent für Spitzenforschung in der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, betonte: „In Österreich sind wir in Sachen Innovation in vielen Bereichen sehr gut eingebettet. Viele Studien oder Projekte müssen den internationalen Vergleich absolut nicht scheuen und sind ausgezeichnet aufgestellt. Aber beim großen finanziellen Thema der Förderungen gibt es noch sehr viel Luft nach oben.“ Er sieht die Rolle seines Referates in der Kammer hier als zentral. Nicht nur um die Kommunikation von Wissenschaftsergebnissen zu forcieren, sondern auch, um die medizinische Forschung stärker vor den Vorhang zu holen, Stichwort Förderpreise: „Die Kammer verleiht ja seit vielen Jahren den Theodor-Billroth Preis und den Forschungsförderungspreis der Erste Bank. Damit transportiert man diese Ergebnisse ganz prominent und macht sie sichtbar.“

Höchste Bildungsausgaben bei Universitäten

Die Österreicherinnen und Österreicher bringen Wissenschaft und Forschung übrigens ein stabiles Vertrauen entgegen: 73 Prozent der Befragten gaben Ende vergangenen Jahres laut Wissenschaftsbarometer an, keine Zweifel an der Wissenschaft zu haben. Das entspricht exakt dem Wert aus 2023. 

Andere Fakten sprechen ebenfalls eine deutliche Sprache: Von allen EU-Mitgliedsstaaten hat Österreich laut aktuellem Bericht aus dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung die höchsten Bildungsausgaben im Tertiärbereich (sprich Universitäten, Fachhochschulen oder Kollegs) anteilig am BIP, nämlich 1,6 Prozent. Österreichs F&E-Quote (Quote für Forschung und Entwicklung, Anm. d. Red.), also der Bruttoinlandsausgaben für F&E in Prozent des BIP, liegt aktuell bei 3,22 Prozent. Diese Werte steigen stetig, so die Ministeriumszahlen aus 2024.

Harald Widhalm, Referatsleitung Gesundheitsökonomie 

„Österreich verfügt in der medizinischen Forschung über international sichtbare Exzellenz, insbesondere an den Universitätskliniken und in spezialisierten Forschungszentren. Nachholbedarf sehe ich in der strukturierten Forschungsförderung, der langfristigen Finanzierung und der interdisziplinären Vernetzung. Um den Standort zu stärken, braucht es stabile Förderprogramme, enge Kooperationen zwischen Kliniken, Universitäten und Industrie sowie eine bessere Verzahnung von Grundlagenforschung und klinischer Anwendung.“

 

Martin Andreas, Referatsleitung Spitzenforschung

„Österreich hat eine sehr gute und innovative Forschungslandschaft, die Grundlagenforschung funktioniert zum Beispiel ausgezeichnet. In diesem Zusammenhang fungieren die Medizinuniversitäten als exzellente Knotenpunkte. Wo wir allerdings Nachholbedarf haben, ist die Weiterentwicklung der Forschungsergebnisse zur Marktreife. Hier fehlen uns noch die nötigen Werkzeuge, zusätzlich gibt es großen Kapitalbedarf.“

 

Erwin Rasinger, Präsidialreferent

„Im europäischen Vergleich steht der Wissenschaftsstandort Österreich gut da, es passiert tolle Forschung, aber nach der Anfangsförderung, die durchaus gut ist, fehlt das Geld. Ein Großteils aller Start-Ups mit innovativen Ideen geht dadurch bankrott. Sinnvoll wäre es daher, Risikofonds, die Risikokapital geben, zu etablieren oder Risikokapital steuerlich abschreibbar zu machen. Das wäre für potenzielle Investoren reizvoll und andere Länder wie Kanada praktizieren das schon erfolgreich so.“

 

Alexander Biach, Generaldirektor der SVS

„Österreich hat großes Potenzial, neue Maßstäbe in Medizin und Forschung zu setzen. Damit das gelingt, braucht es gezielte Investitionen in digitale Infrastruktur und Vernetzung. Denn Spitzenmedizin lebt vom Austausch zwischen Forschung, Wirtschaft und Sozialversicherung. Als Sozialversicherung der Selbständigen setzen wir seit jeher auf umfassende Digitalisierungsstrategien – für ein zukunftsfittes Gesundheitssystem, das den Wissenschaftsstandort Österreich nachhaltig stärkt.“

„Viele Studien oder Projekte müssen den internationalen Vergleich absolut nicht scheuen und sind ausgezeichnet aufgestellt.“
Die Podiumsdiskussionsteilnehmer Widhalm, Biach, Andreas, Zillner und Stampfer - von links nach rechts stehend
Harald Widhalm, Alexander Biach, Martin Andreas, Liliane Zillner und Michael Stampfer (vl)
Foto: Philipp Hutter
 
© medinlive | 13.02.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/medizin/forschung-vor-den-vorhang-holen