„Es fehlt an einem Miteinander“
Eduardo Maldonado-González, Vizepräsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien und Obmann der Kurie angestellte Ärzte, über die Ergebnisse der dritten österreichweiten Ausbildungsevaluierung, warum Wettbewerb manchmal gut wäre, die Wichtigkeit der Ausbildung und warum sich einmal alle Verantwortlichen an einen Tisch setzen sollten.
Ärzt*in für Wien: Was ist die Ausbildungsevaluierung, wie funktioniert sie und wozu braucht es diese?
Maldonado-González: Die Ausbildungsevaluierung ist ein Tool, das die Österreichische Ärztekammer ins Leben gerufen hat, um die Ausbildung österreichweit zu evaluieren. Sie wird in Kooperation mit der Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH) durchgeführt. In der Schweiz funktioniert das schon seit vielen Jahren und zeigt sehr gute Werte. In Österreich ist es jetzt die dritte umfassende Ausbildungsevaluierung. Mit diesem Werkzeug zur Qualitätskontrolle wird bei allen Ärztinnen und Ärzten in Ausbildung die Zufriedenheit mit der ärztlichen Ausbildung abgefragt. Dabei werden Fragebögen mit 52 Fragen zu Schwerpunkten aus acht verschiedenen Themenfeldern – von der Betriebskultur über die Vermittlung von Fachkompetenz bis hin zur Führungskultur an den ausbildenden Abteilungen – durch die Primarärztinnen und -ärzte in den Spitälern an die Turnusärztinnen und -ärzte verteilt.
Ärzt*in für Wien: Wie sieht die Rücklaufquote in Wien aus?
Maldonado-González: Es hat sich gegenüber 2024 deutlich gebessert. In Wien gibt es ein Plus von 6 Prozent, damit liegen wir nun bei 54 Prozent. Dabei muss aber festgehalten werden, dass Wien mit 2680 die meisten auszubildenden Ärztinnen und Ärzte hat. Dem gegenüber steht zum Beispiel Vorarlberg mit 435 Auszubildenden und einer Rücklaufquote von 81 Prozent. Ich persönlich würde mir wünschen, dass in Zukunft auch eine digitale Durchführung möglich wird. Ich glaube, das würde die Rücklaufquote zusätzlich erhöhen. Ich möchte mich aber bei allen bedanken, die sich die Zeit genommen haben, den Fragebogen auszufüllen und zu retournieren. Nur so können wir einen realistischen Blick auf die Qualität der Ausbildung bekommen.
Ärzt*in für Wien: Welche Schlüsse kann man aus den aktuellen Ergebnissen für Wien ziehen?
Maldonado-González: Leider hat sich seit dem letzten Jahr nur die Rücklaufquote verbessert, bei der Gesamtbeurteilung der Ausbildung in Wien sind wir von 4,6 auf 4,45 gesunken, wobei 6 der Bestwert ist. Das heißt, wir haben schlechter als letztes Jahr abgeschnitten und das bei der globalen Beurteilung. Sprich bei der Fachkompetenz, Lernkultur, Führungsstruktur, Fehler-, Entscheidungs- und Betriebskultur sowie evidenzbasierter Medizin hat sich Wien überall verschlechtert.
Ärzt*in für Wien: Woran liegt es, dass die Beurteilung schlechter geworden ist?
Maldonado-González: Es fehlt an einem Miteinander. Es wird noch immer nicht die Wichtigkeit der Ausbildung erkannt. Auch die Spitalsträger sollten die Zahlen der Beurteilungen wissen und diese aktiv kommunizieren. Man muss die Chance der Ausbildungsevaluierung nutzen und das Wissen bezüglich Ausbildung in Wien gemeinsam besprechen und Lösungsansätze entwickeln.
Ärzt*in für Wien: Ein Wettbewerb zwischen Abteilungen wäre also gar nicht so schlecht?
Maldonado-González: In der Schweiz ist es so, dass die Kantone jede einzelne Ärztin und jeden einzelnen Arzt brauchen. Die besten Abteilungen werden dort aktiv kommuniziert, damit Fachärztinnen und Fachärzte einen Ansporn haben, dort hin zu gehen. Das ist auch der Grund, warum die Ausbildung dort besser wird, weil jede Primaria und jeder Primar die Fragen der Ausbildungsevaluierung kennt und jede oder jeder möchte, dass die Antworten besser werden. Bei uns ist das Interesse gering, weil die Ergebnisse auch keine offensichtlichen Konsequenzen nach sich ziehen.
Ärzt*in für Wien: Wie sieht das in Wien aus? Gibt es einen Wettbewerb?
Maldonado-González: Zu meiner Ausbildungszeit hätte ich jedes Fach genommen, weil die Nachfrage das Angebot überstiegen hat. Jetzt hat sich das geändert, aber ich glaube, dass es bei den Spitalsträgern noch nicht angekommen ist. Der angebliche Ärztemangel ist kein Mangel an Menschen. Die Ärztinnen und Ärzte gehen nicht an dieses oder jenes Haus oder Abteilung, weil die Ausbildung dort schlecht ist. Die jungen Menschen schauen auf Ausbildungsqualität und Work-Life-Balance.
Ärzt*in für Wien: Was muss also verbessert werden, auch damit Jungärztinnen und -ärzte in Österreich oder Wien bleiben?
Maldonado-González: Geld ist es nicht mehr das Hauptargument, damit Jungmedizinerinnen und -mediziner in Österreich bleiben. Es muss die Ausbildung verbessert und endlich ernst genommen werden. Die Ergebnisse müssen aktiv analysiert und dann geschaut werden, wo stehen wir, wo sind wir hinten und was kann man ändern. Was einfach nicht sein kann, dass in manchen Spitälern keiner weiß, wer die oder der Ausbildungsbeauftragte ist und was sie oder er zu tun hat. Sie bekommen auch keine extra finanzielle Vergütung dafür. Hier muss es klare Vorgaben geben, damit der Ausbildung auch die notwendige Gewichtung zukommt. Es ist aber nicht bei allen Häusern so. Es gibt Häuser oder Abteilungen, wo es gut funktioniert und eine Verantwortliche oder ein Verantwortlicher sich ausschließlich um die Ausbildung der jungen Kolleginnen und Kollegen kümmert und diese nicht einfach neben dem normalen Spitalsalltag passiert. Bei diesen Abteilungen gibt es auf Ausbildungsplätze zum Teil Wartezeiten – das spricht für diese Vorgehensweise. Als Jungärztin oder -arzt sollte man Visiten machen, damit man etwas lernt, und nicht die Aufnahme, Briefe schreiben, Blut abnehmen oder das EKG schreiben.
Ärzt*in für Wien: Müssen Jungmedizinerinnen und -mediziner noch immer Arbeiten machen, die gar nicht von ihnen gemacht werden sollten, und sie dadurch auch vom Lernen abgehalten werden?
Maldonado-González: Es kann nicht sein, dass jemand, der gerade in der Ausbildung zur Fachärztin oder zum Facharzt ist, mir sagt, sie oder er habe bei der Basisausbildung mehr gelernt als jetzt, weil sie oder er nur noch Arbeiten machen muss, die nichts mit der Ausbildung zu tun haben. Es muss sowohl bei der Basis- als auch der Fachausbildung auf mehr Qualität geachtet werden. Bei der Basisausbildung lernst du viel und hast kaum Verantwortung und ab der Facharztausbildung ist die Lernkurve geringer. Hier müsste eigentlich eine Vertiefung des Wissens im jeweiligen Fach erfolgen. Bevor man fliegen kann, bekommt man schon Flügel und wenn man fliegen muss, werden diese abgeschnitten.
Ärzt*in für Wien: Die Ergebnisse spiegeln das also recht gut wider?
Maldonado-González: Ja, dass es einfach noch viel zu tun gibt und wir noch nicht dort sind, wo wir sein sollten. Man darf auch nicht alles schlecht reden, aber es gehört noch viel gemacht.
Ärzt*in für Wien: Was kann die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien tun, um Verbesserungen zu erzielen?
Maldonado-González: Alleine nichts. Es müssen Gespräche mit den Trägern, den Ausbildnern, der Politik geführt werden, und es muss endlich ein verstärkter Fokus auf Ausbildung gelegt werden – von allen Beteiligten. Jedem sollte es ein Anliegen sein, die Ausbildung der Jungärztinnen und -ärzte dorthin zu bekommen, wo sie sein sollte. Momentan gibt es noch große Unterschiede zwischen Abteilungen, Häusern oder Trägern. Vor allem nehmen viele dieses Thema nicht ernst und machen ihre Hausaufgaben nicht. Die Ausbildungsevaluierung ist hier eigentlich ein hilfreiches Tool, damit jede und jeder den Überblick hat und entsprechend Verbesserungen anstoßen kann.
Die Wiener Ergebnisse im Überblick
- Die Gesamtzufriedenheit mit der ärztlichen Ausbildung ist in Wien auf einer Skala von 1 bis 6 (6 = Bestwert) von 4,6 im Jahr 2024 auf heuer 4,54 gesunken.
- Bei den Dimensionen Fehlerkultur mit 4,63 (2025), Entscheidungskultur mit 4,75 (2025) und Betriebskultur mit ebenfalls 4,75 (2025) erzielte Wien erneut gute Ergebnisse.
- Im Bereich der Fachkompetenz teilt sich Wien wir mit 4,65 (2025) mit dem Bundesland Vorarlberg den Platz.
- Es ist eine Verschlechterung aller Dimensionen im Verlauf der Jahre ersichtlich. Evidence based medicine hinkt jedoch, wie in den Vorjahren, hinterher – während die Betriebskultur und Entscheidungskultur Vorreiter ist.
- Insgesamt erreichen 39 Prozent aller Ausbildungsstätten in Wien (inklusive Lehrpraxen, dem Psychosozialen Dienst etc.) Spitzenwerte zwischen 5,0 und 6,0 Punkten. 84 Prozent von den oben genannten 39 Prozent aller Ausbildungsstätten sind auf die Abteilungen in den Wiener Spitälern zurückzuführen.
- 58 Prozent aller Ausbildungsstätten in Wien, inklusive Lehrpraxen, dem Psychosozialen Dienst etc. erreichen Werte zwischen 4,5 und 6,0 Punkten.
