Erste Medizinerinnen Österreichs
| Aktualisiert:
Erste Medizinerinnen Österreichs

„Hartnäckig und selbstbewusst“

Birgit Kofler-Bettschart, die Autorin des Buchs „Ärztinnen, die Geschichte schrieben – 125 Jahre Medizinstudium für Frauen in Österreich“, erzählt im Interview, wie hart Frauen um Teilhabe in der Medizin kämpfen mussten und welche Hürden bis heute bestehen.

Stefan Eckerieder

Ärzt*in für Wien: Ihr Buch erzählt unter anderem den Weg der Frauen ins Medizinstudium vor 125 Jahren. Inwiefern spiegelt der Weg der Medizinerinnen den Weg zur Gleichberechtigung ganz allgemein in Österreich wider? 
Kofler-Bettschart: Es gibt klare Parallelen. Viele der Frauen, die sich für das Medizinstudium einsetzten, haben auch für Mädchen-Gymnasien oder das Frauenwahlrecht gekämpft. Der Weg der Frauen in die Medizin zeigt exemplarisch, wie schwierig die Teilhabe von Frauen an öffentlichen Bereichen war – und zum Teil noch ist.

Ärzt*in für Wien: Was zeichnet die erste Generation von Ärztinnen aus? 
Kofler-Bettschart: Die Frauen kamen oft aus großbürgerlichen oder adeligen Familien, viele auch aus jüdischen. Ihr gemeinsames Merkmal war sicher ihr Durchhaltevermögen. Sie mussten nicht nur um die Zulassung kämpfen, sondern auch ständige Zweifel an ihren Fähigkeiten ertragen. Das erforderte enorme Hartnäckigkeit und Selbstbewusstsein. 

Ärzt*in für Wien: Prägen traditionelle Geschlechterzuschreibungen noch heute die Fachwahl? 
Kofler-Bettschart: In den ersten Jahrzehnten wurden Ärztinnen hauptsächlich in traditionell weiblich zugeschriebene Bereiche wie Pädiatrie, in Schulen als Schulärztinnen oder die Gynäkologie gedrängt. Heute ist die Ärzteschaft zur Hälfte weiblich. Die Trennung in „weibliche“ und „männliche“ Fächer, wie man sie in den 50er- und 60erJahren und darüber hinaus noch kannte, ist stark aufgebrochen. Dennoch ist nicht alles erreicht.

Ärzt*in für Wien: Wo gibt es Nachholbedarf? 
Kofler-Bettschart: Es gibt heute Professorinnen in Fächern wie Radiologie oder Gerichtsmedizin. An den Medizin-Unis liegt der Anteil ordentlicher Professorinnen bei 30 Prozent, ein enormer Sprung seit dem Jahr 2000. Beim Frauenanteil an den Primariaten sind wir besser geworden, von gleichberechtigter Teilhabe aber noch weit entfernt. In der Vergangenheit und heute ist Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein wichtiger Faktor, um Ärztinnen mehr Karrieremöglichkeiten zu bieten. Das betrifft aber auch junge Väter. 

Ärzt*in für Wien: Welche Erkenntnisse aus der Recherche für Ihr Buch waren für Sie besonders spannend?
Kofler-Bettschart: Dass es in den 125 Jahren ein Muster gab – immer zwei Schritte vor und einen zurück: Frauen durften studieren, aber nicht im Spital arbeiten; sie erhielten Jobs, durften aber nicht habilitieren. Bis heute sind es sowohl entschlossene Persönlichkeiten, die vorangehen und die Fortschritte bewirken, als auch gesetzliche Rahmenbedingungen, die Gleichberechtigung festschreiben.

Naghme Kamaleyan-Schmied, Kurienobfrau der niedergelassenen Ärzte in der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien bei einem Tisch stehend und blickt in die Kamera - in einem Büro mit Fenster und gläsernen Trennwänden.

Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien; Foto: Stefan Seelig

„Für mich ist die vollständige Gleichstellung von Männern und Frauen ein klarer Auftrag. Ein Schritt mit Symbolkraft war die Entscheidung, in der Öffentlichkeit nun als ‚Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien‘ aufzutreten. Das nächste Ziel ist es, Frauen auch im Ärztegesetz sichtbar zu machen. Denn Sprache schafft Realität.“

Naghme Kamaleyan-Schmied

 

Autorin Birgit Kofler-Bettschart (links) und Ärztin und Kammer-Funktionärin Nagme Kamaleyan-Schmied stehen beieinander und halten jeweils ein Buch in der Hand
Autorin Birgit Kofler-Bettschart und Vizepräsidentin Naghme Kamaleyan-Schmied bei der Buchpräsentation an der MedUni Wien.
Foto: Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien
„Für mich ist die vollständige Gleichstellung von Männern und Frauen ein klarer Auftrag. Ein Schritt mit Symbolkraft war die Entscheidung, in der Öffentlichkeit nun als ‚Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien‘ aufzutreten. Das nächste Ziel ist es, Frauen auch im Ärztegesetz sichtbar zu machen. Denn Sprache schafft Realität.“ Naghme Kamaleyan-Schmied
 
© medinlive | 13.02.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/panorama/hartnaeckig-und-selbstbewusst