Italiens Gesundheitswesen
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Italiens Gesundheitswesen

Zwischen Dolce Vita und Sparmaßnahmen

Sonne im Überfluss, göttliche Espressi und eine Sprache zum Niederknien: Italien ist für viele das gelobte Land. Die Römerin Alessia Felli ist der Liebe wegen in Wien geblieben und arbeitet seit Langem am AKH als Anästhesistin. Im Gespräch mit Ärzt*in für Wien erzählt sie über Unterschiede und Gemeinsamkeiten in Arbeitsweise und Mentalität, was Teamwork für sie bedeutet und woran es in Italien mangelt. 

Eva Kaiserseder

Vorweg: Das öffentliche italienische Gesundheitssystem Servizio Sanitario Nazionale (SSN) tickt in vielem ganz ähnlich wie das österreichische. So gibt es auch in Italien eine hohe Ärztedichte (4,1 vs. 5,5 je 1000 Einwohnerinnen und Einwohner in Österreich) und dazu vergleichbare Probleme: Pensionierungswelle und Nachwuchsmangel gleichermaßen setzen dem SSN zu. Laut Anaao Assomed, der größten Gewerkschaft Italiens, hatten bis 2024 40.000 Ärztinnen und Ärzte das öffentliche Gesundheitssystem verlassen, rund 20.000 Medizinerinnen und Mediziner fehlen aktuell. Die Gründe für diesen Exitus? Die klingen ganz ähnlich wie hierzulande: Überlastung, schlechte Arbeitsbedingungen und massive Sparmaßnahmen in den letzten 15 Jahren. Gerade die Spitäler haben, wie beinah überall in Europa, mit starker Personalnot zu kämpfen: „Auch in Italien ist der Mangel an Personal eine Realität. Momentan kompensiert das vorhandene Personal diese Engpässe, so gut es eben geht. Aber langfristige Lösung ist das natürlich keine, das kostet viel zu viel Energie und brennt die Menschen aus. Es wird vielmehr priorisiert, was wichtiger ist und das wird zuerst erledigt“, erzählt Alessia Felli von ihren aktuellen Erfahrungen mit den italienischen Spitälern. Seit 21 Jahren lebt und arbeitet sie in Österreich, das Band in die Heimat wurde aber nie durchtrennt. Was dem österreichischen System ebenfalls sehr ähnlich ist: Die Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses. Dabei dauert das Medizinstudium in Italien sechs Jahre und ist in drei vorklinische und drei klinische Jahre unterteilt. Nach der allgemeinen Hochschulreife (in Italien die Maturitá) müssen Interessierte den IMAT (International Medical Admissions Test) absolvieren, einen Multiple-Choice-Test mit Fragen rund um Biologie, Chemie oder Mathematik. Insgesamt 57 Standorte landesweit etwa in Rom, Neapel oder Padua, gibt es, an denen man Medizin studieren kann. Was dort allerdings ausbildungstechnisch nicht vorkommt: Lehrpraxen in Ordinationen oder das KPJ, sprich Klinisch-Praktisches Jahr, in den Krankenhäusern. Sehr wohl gibt es allerdings Lehrspitäler. Diese Häuser haben spezielle Kooperationen mit den Universitäten. Und es gilt dabei, die Studierenden in möglichst viele klinische Aktivitäten einzubinden. „Dieser Anspruch wird auch eingelöst, man lernt in dieser Zeit sehr viel“, erzählt Felli. Die fachärztliche Ausbildung dauert dann insgesamt vier bis sechs Jahre. 

„Innerhalb der Mauern“: Wahlarzt auf Italienisch

Nachwuchssorgen und Mangelfächer sind in Italien genauso Realität wie hierzulande: Momentan zählen neben Anästhesie oder Radiologie auch Kinderheilkunde oder Notfallmedizin dazu. Die Gründe dafür verortet Felli ganz unterschiedlich: Einerseits gibt es Fächer mit größerer Spitalsbindung, was die viel zitierte (und stark nachgefragte) Work-Life-Balance zum Thema macht. Anderseits sind die Gehälter höchst unterschiedlich, Stichwort Pädiatrie. Die wird ähnlich mager wie in Österreich honoriert. zudem gibt es viel zu wenige Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner. Allerdings sind „Hausärztinnen und Hausärzte nach wie vor die erste medizinische Instanz für viele Menschen, gerade am Land, wo Spitäler nicht so nahe liegen. Viele Untersuchungen oder auch Erstbehandlungen werden von ihnen durchgeführt und entlasten damit die Krankenhäuser“, sagt Felli. Der Mangel an Nachwuchs ist allerdings in diesem Bereich besonders deutlich spürbar und gilt als eines der zentralsten Probleme im italienischen Gesundheitswesen. Überalterung, schlechte Arbeitsbedingungen, ein Zuviel an Bürokratie sowie fehlende Strukturen für Teamwork und Gruppenpraxen dürften dazu massiv beigetragen haben. In Konsequenz will die italienische Regierung nun unter anderem das Medizinstudium reformieren und die Arbeitsmodelle verbessern, auch Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland zu holen, stand und steht zur Debatte.

Nebst dem öffentlichen Gesundheitswesen und privaten Out-of-the-pocket spendings für Gesundheitsleistungen gibt es in Italien eine spezielle Form der Wahlarzttätigkeit: „In diesem Bereich steigen die zahlen, ähnlich wie in Österreich. Ärztinnen und Ärzte können aber zum Beispiel in staatlichen Krankenhäusern eine Wahlarztordination öffnen. Die Möglichkeit quasi für die Privatvisite wird Intramoenia genannt, erklärt Felli das Prinzip. Sprich: Privatpatientinnen und Privatpatienten werden im Spital, also „innerhalb der Mauern“ und außerhalb der regulären Arbeitszeit, betreut und teils sogar operiert. Die Räumlichkeiten werden dabei vom Spital gegen Bezahlung eines bestimmten Prozentsatzes des ärztlichen Umsatzes zur Verfügung gestellt. Was für Felli ein gravierender Unterschied zwischen den beiden Ländern ist: Die Mentalität. „Ich habe wirklich gerne in Italien gearbeitet, es gab einen sehr starken Teamzusammenhalt und auch außerhalb der Arbeit haben sich die Kolleginnen und Kollegen oft getroffen und gemeinsam etwas unternommen. Dieser Zusammenhalt war besser als jedes Teambuilding und hat uns auch in schwierigen Situationen im Job geholfen.“ In Wien würde zwar vieles besser auf organisatorischer Ebene funktionieren, so Felli, die Gehälter seien höher und Bereiche wie die Ausbildungszeiten als Arbeitszeit sind genauer geregelt, trotzdem sei die Zufriedenheit mit dem Job nicht höher. „Mich macht das oft nachdenklich und motiviert mich zu meinem Engagement, mich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen. Denn wir haben einen wunderbaren Beruf, der ganz viele von uns, auch mich, mit sehr viel Freude erfüllt.

"Auch in Italien ist der Mangel an Personal eine Realität. Momentan 'kompensiert' das vorhandene Personal diese Engpässe, so gut es eben geht."
Die Ärztin und Kammer-Funktionärin Alessia Felli lächelt, trägt eine Brille und im Hintergrund ist eine Marmorwand zu sehen.
Die Anästhesistin Alessia Felli lebt seit 21 Jahren in Wien
Foto: Katharina F.-Roßboth
"Es gab einen sehr starken Teamzusammenhalt und auch außerhalb der Arbeit haben sich die Kolleginnen und Kollegen oft getroffen."
 
© medinlive | 13.02.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/gesundheitspolitik/zwischen-dolce-vita-und-sparmassnahmen