Ärzt*in für Wien: Sie haben den Verein „Die Fruchtbar“ mit dem Ziel gegründet, das Thema unerfüllter Kinderwunsch und Unfruchtbarkeit aus der Tabuzone zu holen und betroffenen Frauen eine Anlaufstelle zu bieten. Welche Rolle spielen Ärztinnen und Ärzte bei der Kinderwunschbehandlung?
Fadler: Sie spielen eine sehr wichtige. Natürlich gibt es dabei eine große Bandbreite in der Ärzteschaft, es gibt viele, mit denen man ein enges Vertrauensverhältnis aufbaut, manchmal fühlt man sich aber auch sehr auf den Körper reduziert. Dabei ist gerade das Thema Unfruchtbarkeit sehr eng mit der Psyche verknüpft. Laut einer aktuellen Studie (Fertility@work survey, Anm. d. Red.) ist Infertilität für 94 Prozent der Befragten eine einschneidende Erfahrung. 97 Prozent erleben eine hohe Belastung durch Kinderwunschbehandlungen, drei Viertel der Befragten auch hinsichtlich deren Vereinbarkeit mit dem Beruf. Oft ist zudem problematisch, dass man gerade in den großen Kinderwunschkliniken von wechselndem Personal betreut wird. Darunter kann das Vertrauensverhältnis leiden. Wir empfehlen im Verein immer, sich möglichst umfassend unterstützen zu lassen, etwa begleitend durch Gynäkologinnen und Gynäkologinnen in der Niederlassung oder im psychosozialen Bereich.
Ärzt*in für Wien: Gibt es derzeit eine Möglichkeit, therapeutische Unterstützung im Rahmen einer Kinderwunschbehandlung zu bekommen?
Fadler: Wir haben uns als Verein das Ziel gesetzt, Beratung und psychosoziale Hilfe auch abseits von Familienberatungsstellen und Ähnlichem zu etablieren, damit es hier ein genau darauf spezialisiertes Angebot gibt.
Ärzt*in für Wien: Was war der Grund für Sie, den Verein 2021 ins Leben zu rufen?
Fadler: Ich war damals als Betroffene schockiert, wie viel Frauen auf sich nehmen müssen aus medizinischer und psychischer Sicht, um überhaupt ein Kind bekommen zu können. Dieses Bewusstsein zu vermitteln, halte ich für sehr wichtig. Und medizinisch ist es ein extrem spannendes Thema, denn mittlerweile ist so vieles möglich. Auch wenn ich mittlerweile Mutter geworden bin, ist die Arbeit des Vereins ein Herzensanliegen. Betroffene brauchen Unterstützung und unsere Selbsthilfegruppe.
Ärzt*in für Wien: Wie nehmen Sie die Entwicklung wahr, ist Unfruchtbarkeit nach wie vor ein Tabuthema?
Fadler: Ich würde sagen, ja, es ist nach wie vor ein Tabu, aber es hat sich sehr viel weiterentwickelt, etwa auf Social Media. Das Thema kommt wesentlich öfter vor und wird viel offener besprochen. Zudem sind viele Infos mittlerweile auf Deutsch und nicht mehr ausschließlich auf Englisch zugänglich. Auch bei den Männern ist das Thema viel mehr angekommen, wobei zu unserem Verein hauptsächlich Frauen kommen. Denn der weibliche Körper steht bei dem Thema im Mittelpunkt, selbst wenn das Spermiogramm schlecht ist.
Ärzt*in für Wien: Was sind denn die häufigsten Gründe für Unfruchtbarkeit? Ist sie eher bei Männern oder Frauen verortet?
Fadler: Laut aktuellem medizinischen Wissensstand wird gesagt, dass die Ursache grundsätzlich ein Drittel bei Frauen, ein Drittel bei Männern und ein Drittel bei beiden begründet liegt. Bei Frauen kann es Probleme wie Endometriose oder PCOS geben, die die Fruchtbarkeit ungünstig beeinflussen, gleichzeitig nimmt die unerklärte Unfruchtbarkeit zu, wo logisch-diagnostische Gründe nicht funktionieren.
Ärzt*in für Wien: Wie kann man sich die „klassische“ Kinderwunschbehandlung vorstellen?
Fadler: In der Klinik, die man sich ausgesucht hat, steht zuerst eine Infoveranstaltung und Beratung an. Danach hat man ein ärztliches Erstgespräch, wo man idealerweise schon Blutbefunde, Hormonstatus und Ergebnisse des Spermiogramms mitbringt. Wenn das keine Ergebnisse bringt, dann wird die Eileiterdurchgängigkeit geprüft. Als nächsten Schritt versucht man eine Insemination, eine ICSI (Intrazytoplasmatische Spermieninjektion) oder IVF (In-vitro-Fertilisation). Das alles ist psychisch extrem belastend für viele, dieses ständige Warten, das Rechnen in Zyklen und die Hoffnung auf eine Schwangerschaft, die jedes Mal aufs Neue enttäuscht wird. Und man selbst hat so wenig Einfluss wie bei kaum etwas im Leben. Die Konsequenz, dass man umso bessere Ergebnisse erzielt, je mehr man investiert, wie man es aus Schule oder Job kennt, funktioniert hier einfach nicht. Zudem finde ich das Wording schwierig: Wir sprechen immer vom Kinderwunsch, also von etwas, das man sich erfüllen kann oder eben nicht. Dass dahinter aber ganz reale medizinische Gründe stehen, warum frau nicht schwanger wird, wird zu wenig gezeigt. Da würde es bessere oder klarere Kommunikation brauchen. Betroffene suchen dann die „Schuld“ bei sich. Bei einer Krankheit ist es höhere Macht, bei einem Wunsch muss ich mich dagegen einfach mehr anstrengen und aktiv etwas tun dafür. Schwanger werden gilt immer noch als die natürlichste Sache der Welt und wenn das nicht funktioniert, hat man als Frau schnell das Gefühl, nicht der Norm zu entsprechen.
Ärzt*in für Wien: In welcher Art und Weise sollte denn das Thema Unfruchtbarkeit im Gesundheitssystem Platz finden, um es Betroffenen leichter zu machen?
Fadler: In der Form, wie es auch von der WHO seit Ende vergangenen Jahres als globale Leitlinie für die Prävention, Diagnose und Behandlung von Unfruchtbarkeit empfohlen wird. Diese Richtlinie sieht Unfruchtbarkeit klar als Herausforderung für die öffentliche Gesundheit an, weltweit ist etwa jede sechste Person im fruchtbaren Alter betroffen. Die WHO betont dabei, dass das Thema Fruchtbarkeit zur allgemeinen Gesundheitsversorgung gehört, momentan sind wir hier allerdings in Österreich völlig im Privatbereich angesiedelt. Sämtliche Medikamente sind selbst zu bezahlen, Dinge wie Inseminationen oder eine IVF, sofern sie nicht über den IVF-Fonds laufen, genauso. Termine wie Eingriffe im Rahmen der IVF sind als Urlaubstage zu nehmen. Das ist auch für unseren Verein eine wichtige Forderung, hier nachzuschärfen.
Ärzt*in für Wien: Was brauchen Betroffene Ihrer Meinung nach am meisten in der Phase der Fertilitätsbehandlung?
Fadler: Ich glaube, wenn dieses Tabu einmal gebrochen ist und man offen über die Belastungen und Unsicherheiten, die dabei auftauchen, sprechen kann, ist schon viel gewonnen. Wir sehen das in unserer Selbsthilfegruppe, wie wertvoll dieser Austausch ist, sei es über medizinische Infos, Organisatorisches oder einfach Belastendes im Privatleben. Man kann gemeinsam Dinge besser einordnen. Der Verein ist für viele ein Lichtblick, denn man kann und möchte ja in vielen Settings nicht darüber sprechen, etwa im Beruf. Und in der ärztlichen Begleitung sind Feinfühligkeit für das Thema und die Weitergabe relevanter Infos wahnsinnig wichtig.
Facts zum Verein
„Die Fruchtbar – Verein Kinderwunsch Österreich“ ist eine im Jahr 2021 gegründete Organisation und Selbsthilfegruppe, die Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch und Unfruchtbarkeit eine Stimme gibt. Gegründet wurde die Initiative von Christina Fadler.
Angebote des Vereins
Austausch & Selbsthilfe: Der Kern der Arbeit ist der sogenannte „Fertility Talk“. Das sind monatliche, vertrauliche Runden (meist online via Zoom, teils analog vor Ort in Wien und anderen Bundesländern), in denen über Themen wie künstliche Befruchtung (IVF/ICSI), Fehlgeburten, Adoption oder Gametenspenden gesprochen wird.
Community: Es gibt eine aktive WhatsApp-Community sowie eine private Facebook-Gruppe für den unkomplizierten, täglichen Austausch untereinander.
Politische Arbeit: Der Verein setzt sich aktiv für die Verbesserung der medizinischen, rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen für Betroffene in Österreich ein.