Ausbildungsevaluierung

Potenzial und Weiterentwicklung

Die Ausbildungsevaluierung 2026 zeigt eine positive Entwicklung in Wien. Die Bewertungen steigen, die Beteiligung nimmt zu. Vor allem in den Spitälern des Wiener Gesundheitsverbunds (WIGEV) und im AKH wurden Fortschritte erzielt. Gleichzeitig bleiben deutliche Unterschiede zwischen den Ausbildungsstätten. Entscheidend wird sein, die Ergebnisse ernst zu nehmen und daraus konkrete Verbesserungen abzuleiten.

Kathrin McEwen
Mann am Schreibtisch
Angesichts des Bedarfs an medizinischem Personal muss es ein gemeinsames Anliegen aller Beteiligten sein, die Ausbildung so zu gestalten, dass junge Medizinerinnen und Mediziner auch in Österreich bleiben wollen.
Stefan Seelig
„Die Fortschritte in Wien zeigen, dass Steigerungen möglich sind. Sie sind ein erfreuliches Signal, aber noch gibt es Verbesserungsbedarf.“
Vizepräsident Eduardo Maldonado-González

Die ärztliche Ausbildung in Wien entwickelt sich in die richtige Richtung. Das zeigt die vierte österreichweite Ausbildungsevaluierung, die die Österreichische Ärztekammer gemeinsam mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich durchgeführt hat. Sowohl die Rücklaufquote als auch die Bewertungen der Ausbildungsqualität sind in Wien gestiegen. 

An der Befragung von März bis Mai 2026 nahmen österreichweit erstmals mehr als 6.000 Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung teil. Die Rücklaufquote stieg auf 60 Prozent, in Wien von 54 auf 55 Prozent. Damit hat sich mehr als die Hälfte der Wiener Ausbildungsärztinnen und -ärzte an der Evaluierung beteiligt. Ihre Rückmeldungen liefern wichtige Einblicke in den Arbeitsalltag und zeigen, wo die Ausbildung bereits gut funktioniert und wo es noch Verbesserungsbedarf gibt.

Verbesserungen in allen Bereichen

Besonders erfreulich ist, dass Wien in sämtlichen erhobenen Kategorien (Globalbeurteilung, Fachkompetenzen, Lernkultur, Führungskultur, Entscheidungskultur, Betriebskultur und evidenzbasierte Medizin) bessere Bewertungen als im Vorjahr erzielen konnte. Die stärkste Verbesserung gab es bei der evidenzbasierten Medizin: Hier stieg der Wert von 3,85 auf 4,03 auf einer sechsstufigen Skala. Das zeigt, dass die wissenschaftliche Fundierung der medizinischen Ausbildung zunehmend an Bedeutung gewinnt. Auch bei der Lern-, Führungs- und Fehlerkultur sowie bei der allgemeinen Beurteilung der Ausbildung wurden Fortschritte erzielt.

Wesentlichen Anteil an dieser positiven Entwicklung haben die Spitäler des WIGEV und das Universitätsklinikum AKH Wien. Beide konnten nicht nur hohe Rücklaufquoten verzeichnen, sondern auch ihre Bewertungen in allen abgefragten Kategorien verbessern. Die Ergebnisse zeigen, dass gezielte Bemühungen um die Ausbildungsqualität Wirkung entfalten können.

Allerdings verläuft die Entwicklung nicht in allen Einrichtungen gleichermaßen positiv. Bei den Wiener Ordensspitälern ist die Rücklaufquote von 66 auf 52 Prozent gesunken. Auch der Gesamtkennwert sank deutlich im Vergleich zu den Vorjahren. Die einzelnen Kategorien sanken unterschiedlich stark, zumindest beim Wert der evidenzbasierten Medizin kam es zu einer Verbesserung zum Vorjahr. Dennoch liegen die Ordensspitäler hier deutlich hinter der dem Österreichschnitt und auch hinter AKH oder Hanusch Krankenhaus. Hier besteht Handlungsbedarf. Gerade die Unterschiede zwischen den Ausbildungsstätten machen deutlich, dass eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den Rückmeldungen der jungen Medizinerinnen und Mediziner notwendig ist.

Gute Ausbildung beginnt am ersten Tag

Ein eigener Schwerpunkt der diesjährigen Evaluierung war das sogenannte Onboarding, also die Einführung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihren Arbeitsplatz. Die Ergebnisse zeigen, dass österreichweit rund zwei Drittel der Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung bei ihrem Stellenantritt einen oder mehrere Einführungstage erhalten. In Wien liegt dieser Anteil bei 67 Prozent. Die große Mehrheit der Befragten ist mit ihrer Einführung grundsätzlich zufrieden.

Dennoch gibt es gerade zu Beginn eines neuen Dienstverhältnisses wichtige Ansatzpunkte für Verbesserungen. „Ein strukturierter Ausbildungsplan, eine verständliche Einführung in organisatorische Abläufe und eine rechtzeitige Übermittlung des Dienstvertrags sollten ein selbstverständlicher Teil des Onboardings sein. Oft entscheidet es sich schon in den ersten Wochen, wie gut sich junge Ärztinnen und Ärzte in einem neuen Arbeitsumfeld zurechtfinden und ob sie sich als Teil des Teams wahrgenommen fühlen“, sagt Eduardo Maldonado-González, Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. 

Die Befragung zeigt zudem, dass sich viele Ausbildungsärztinnen und -ärzte zumindest gelegentlich mit Aufgaben konfrontiert sehen, auf die sie sich nicht ausreichend vorbereitet fühlen. Umso wichtiger sind eine gute Begleitung, klare Zuständigkeiten und eine offene Gesprächskultur. 

Ausbildung als Investition in die Zukunft

Bei der Wahl ihres Arbeitsplatzes legen junge Ärztinnen und Ärzte vor allem Wert auf das medizinische Leistungsspektrum und die Inhalte der Tätigkeit sowie auf die Nähe zum Wohnort. Auch positive Erfahrungen während des klinisch-praktischen Jahres und gute Karriereaussichten spielen eine Rolle. Gehalt und Forschungsmöglichkeiten werden in der Befragung vergleichsweise weniger häufig als besonders wichtig eingestuft.

Das unterstreicht, welchen Stellenwert die Qualität der täglichen Arbeit und der Ausbildung für den medizinischen Nachwuchs hat. 

Eduardo Maldonado-González: „Wer jungen Ärztinnen und Ärzten die Möglichkeit gibt, fachlich zu wachsen, Verantwortung zu übernehmen und sich in einem wertschätzenden Umfeld weiterzuentwickeln, schafft wichtige Voraussetzungen für eine langfristige berufliche Perspektive. Angesichts des Bedarfs an medizinischem Personal muss es daher ein gemeinsames Anliegen aller Beteiligten sein, die Ausbildung so zu gestalten, dass junge Medizinerinnen und Mediziner auch in Österreich bleiben wollen.“

Miteinander reden und Ergebnisse nutzen

Die Ausbildungsevaluierung ist dabei weit mehr als eine jährliche Bestandsaufnahme. Sie bietet eine wichtige Grundlage, um Probleme sichtbar zu machen, Entwicklungen zu vergleichen und konkrete Maßnahmen einzuleiten. Die Ergebnisse der einzelnen Ausbildungsstätten sind öffentlich zugänglich. Damit steht den Verantwortlichen ein Instrument zur Verfügung, das nicht nur Stärken aufzeigt, sondern auch eine Auseinandersetzung mit Schwächen ermöglicht. Rückmeldungen sollten zum Ausgangspunkt für einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess gemacht werden. Dafür benötigt es den Dialog zwischen Ausbildungsverantwortlichen, Spitalsleitungen und den Ärztinnen und Ärzten in Ausbildung. Eine offene Fehler- und Gesprächskultur, verlässliche Ausbildungsstrukturen und ausreichend Zeit für die Wissensvermittlung sind dabei zentrale Voraussetzungen.

 

Alle Ergebnisse sind hier https://ausbildungsevaluierung.aerztekammer.at/2026/ abrufbar.

 

„Gute Ausbildungsbedingungen sind eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass sich junge Ärztinnen und Ärzte für eine berufliche Zukunft in Österreich entscheiden.“
Eduardo Maldonado-González
„Eine hochwertige ärztliche Ausbildung ist nicht nur eine Investition in die nächste Generation von Medizinerinnen und Medizinern, sondern auch in die langfristige Sicherung der Gesundheitsversorgung.“
Eduardo Maldonado-González