Sigrid Sandner im Porträt

Herzchirurgie mit System

Sigrid Sandner ist neue Professorin für Kardiovaskuläre Medizin an der MedUni Wien. Ihr Weg an die Spitze der Herzchirurgie führte über lange Tage im OP, prägende Mentoren und internationale Spitzenuniversitäten – getragen vom stetigen Streben nach Exzellenz.

Stefan Eckerieder-Donovan
„Man bekommt eine Chance, aber man muss sie auch wahrnehmen und bereit sein, viel dafür zu investieren.“

Als Sigrid Sandner als Medizinstudentin auf der Herzchirurgie famuliert, erfährt sie, dass Michael Grimm, einer der Ärzte an der Abteilung, eine Herztransplantation durchführt. „Es hat mich zutiefst fasziniert, wie man ein Herz aus dem Thorax herausnehmen und ein neues einsetzen kann. Das war für mich das absolute Maximum an Exzellenz, das man in der Medizin erreichen kann.“ Für die ehrgeizige Studentin steht fest: Sie will Herzchirurgin werden.

Seit Anfang Juli ist Sandner Professorin für Kardiovaskuläre Medizin an der MedUni Wien. Als Leiterin des Coronary Surgery Program verbindet sie Spitzenmedizin mit internationaler Forschung. Ihr Ziel: die Universitätsklinik für Herz- und Thorakale Aortenchirurgie als Zentrum für klinische Studien zu positionieren und die Bypasschirurgie weiterzuentwickeln.

Blonde Frau im Arztkittel
Sigrid Sandner ist seit Juli 2026 Professorin für Kardiovaskuläre Medizin an der MedUni Wien. Foto: MedUni Wien
 

Europa als Innovationstreiber

Nach dem Medizinstudium in Wien verbrachte Sandner mehrere Jahre als Research Fellow an der Harvard Medical School in Boston und absolvierte an der Cornell University im Bundesstaat New York einen Master in Clinical Epidemiology. Heute ist sie dort Adjunct Associate Professor. Harvard habe sie vor allem durch den „Collaborative Spirit“ geprägt: „Wenn man eine Forschungsfrage hatte, saß drei Gebäude weiter der weltweit führende Experte dafür.“

Aus ihrer eigenen Erfahrung sieht sie Europa aber in Sachen Forschung zumindest auf Augenhöhe. „Was die klinischen Innovationen und die Schnelligkeit der Umsetzung angeht, ist Europa toll. Wir machen exzellente Chirurgie und exzellente Forschung. Das amerikanische Mindset ist einfach besser in der Selbstvermarktung, was in der Wahrnehmung viel ausmacht.“

Sandners Forschung zielt darauf ab, die Langzeitergebnisse nach Bypassoperationen zu verbessern. Sie gehört den Leitungsteams internationaler Studien an und ist österreichische Hauptprüferin der internationalen ROMA:Women-Studie, an der mehr als 2.000 Patientinnen teilnehmen. Die Studie soll unter anderem aufzeigen, wie postoperative Ergebnisse von Bypassoperationen an Frauen verbessert werden können. 

Kleinere Schnitte, langlebigere Bypässe

Auch im Operationssaal sei die Koronarchirurgie, in der verengte oder verschlossene Herzkranzgefäße durch operative Eingriffe behandelt werden, vor einem Wandel. Statt das Brustbein zu öffnen, können Bypässe bei ausgewählten Patientinnen und Patienten bereits minimalinvasiv am schlagenden Herzen gelegt werden. Die MedUni Wien war bei der Etablierung dieser Methode in Österreich federführend und ist heute das größte Zentrum für minimalinvasive Bypassoperationen in Österreich. Künftig soll sie durch einen Operationsroboter unterstützt werden. Eines der großen Ziele ihrer Arbeit sei es, Eingriffe am Herzen für Patientinnen und Patienten zunehmend schonender zu gestalten.

Chirurgie verlangt Disziplin

Der Weg an die Spitze eines männlich geprägten Fachs war arbeitsintensiv. Sandner spricht offen darüber, wie viel Disziplin es erforderte, Klinik, Forschung und Mutterschaft zu verbinden. Mentoren hätten immer eine wichtige Rolle in ihrer Karriere gespielt. Diese hätten ihr Chancen eröffnet. Doch Förderung sei eine „two-way street“: „Man bekommt eine Chance, aber man muss sie auch wahrnehmen und bereit sein, viel dafür zu investieren.“

Ihre Operationen habe sie über Jahre konsequent standardisiert. „Da läuft ein Programm in meinem Kopf ab.“ Gute Ergebnisse seien weniger eine Frage außergewöhnlicher Begabung als methodischer Präzision und intensiven Trainings.

Als Professorin betreut Sandner mehrere PhD-Studentinnen. Junge Ärztinnen und Ärzte früh in wissenschaftliche Teams einzubinden und zu fördern, liegt ihr am Herzen. Ihr Antrieb ist auch dabei: Exzellenz nicht nur anzustreben und zu begünstigen, sondern auch durch Forschung messbar zu machen.

 

Interview mit Sigrid Sandner

„Ich will die Klinik als Zentrum für klinische Studien in der Herzchirurgie positionieren“

Die international anerkannte Herzchirurgin will unter anderem die Universitätsklinik für Herz- und Thorakale Aortenchirurgie der MedUni Wien als österreichisches Zentrum für klinische Studien positionieren sowie minimalinvasive Verfahren in der Bypasschirurgie weiterentwickeln.

OP Team
Sigrid Sandner will minimalinvasive Verfahren in der Bypasschirurgie weiterentwickeln.Foto: Shutterstock, Motortion Films

 

Ärzt*in für Wien: Sie haben im Juli die Professur für Kardiovaskuläre Medizin an der MedUni Wien übernommen. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

Sandner: Ich leite an der Universitätsklinik das klinisch-wissenschaftliche Programm für Koronarchirurgie. In diesem Bereich haben sich in den vergangenen Jahren zahlreiche klinische Studien entwickelt. Mein Ziel ist es, laufende Studien erfolgreich abzuschließen, neue Forschungsprojekte auf den Weg zu bringen und die Universitätsklinik für Herz- und Thorakale Aortenchirurgie als österreichisches Zentrum für klinische Studien in der Herzchirurgie zu positionieren. 

Gleichzeitig wollen wir die Fortschritte in der klinischen Versorgung vorantreiben. Bypassoperationen wurden traditionell über eine Öffnung des Brustbeins durchgeführt. Mittlerweile wird jedoch auch die Koronarchirurgie zunehmend minimalinvasiv. Bei der sogenannten MIDCAB-Operation erfolgt der Eingriff über einen nur fünf bis sechs Zentimeter langen Schnitt am linken Brustkorb. Dabei wird die innere Brustwandarterie am schlagenden Herzen mit dem wichtigsten Herzkranzgefäß verbunden. Bei der Etablierung dieser Methode waren wir in Österreich federführend und sind in Österreich dafür das größte Zentrum. Künftig wollen wir das Verfahren auf mehrere Gefäße ausweiten. Ein neuer Operationsroboter soll uns dabei ab dem kommenden Jahr unterstützen.

Ärzt*in für Wien: Welche Schwerpunkte möchten Sie in der Lehre setzen?

Sandner: Die MedUni Wien bietet hervorragende Möglichkeiten, angehende Medizinerinnen und Mediziner schon früh in wissenschaftliches Arbeiten und klinische Teams einzubinden. Diese Verbindung von Forschung, Lehre und klinischer Praxis möchte ich weiter stärken.

Ärzt*in für Wien: Welche weiteren Entwicklungen prägen die Bypasschirurgie?

Sandner: Ein wesentlicher Fortschritt ist der verstärkte Einsatz arterieller Gefäße. Für das wichtigste Herzkranzgefäß wird üblicherweise die innere Brustwandarterie verwendet, für weitere Bypässe traditionell eine Beinvene. Venen weisen jedoch eine geringere Langzeithaltbarkeit auf. Deshalb kommen zunehmend Arterien aus dem Unterarm zum Einsatz.

Ein weiterer Forschungsbereich ist die Frage, welche Engstellen tatsächlich überbrückt werden müssen. Bislang orientiert sich die Chirurgie vor allem an anatomisch sichtbaren Verengungen. Künftig könnte stärker berücksichtigt werden, ob eine Engstelle den Blutfluss funktionell relevant beeinträchtigt. Wir möchten daher die funktionell gesteuerte mit der anatomisch gesteuerten Bypasschirurgie vergleichen. Möglicherweise sind dadurch weniger Bypässe notwendig und die Operationszeiten können verkürzt werden.

Ärzt*in für Wien: Sie sind auch an der ROMA:Women-Studie beteiligt. Worum geht es dabei?

Sandner: Frauen erzielen nach Bypassoperationen postoperativ international häufig schlechtere Ergebnisse als Männer. Die Ursachen sind vielfältig: Ihre Herzkranzgefäße und Brustwandarterien sind meist kleiner und auch die Qualität der Beinvenen ist häufig schlechter. Hinzu kommen in manchen Ländern Nachteile beim Zugang zur Gesundheitsversorgung. Unsere Daten zeigen allerdings, dass dieser Unterschied in Österreich nicht besteht – das spricht für die Qualität unseres Gesundheitssystems.

Das grundlegende Problem ist die Unterrepräsentation von Frauen in Studien: In den vergangenen 25 Jahren waren etwa 85 Prozent der Teilnehmenden Männer. ROMA untersucht daher ausschließlich Frauen mit mehr als 2.000 Teilnehmerinnen. Damit wollen wir klären, ob der verstärkte Einsatz langlebiger Arterien die Ergebnisse verbessert. Ich bin die österreichische Hauptprüferin der Studie, an der mehr als 125 internationale Zentren beteiligt sind. Es handelt sich um die erste große randomisierte Studie in der Bypasschirurgie, die ausschließlich Frauen gewidmet ist.

„Was die klinischen Innovationen und die Schnelligkeit der Umsetzung angeht, ist Europa toll. Wir machen exzellente Chirurgie und exzellente Forschung. Das amerikanische Mindset ist einfach besser in der Selbstvermarktung, was in der Wahrnehmung viel ausmacht.“