Mangelfach

Stirbt die Pathologie aus?

Nachwuchsprobleme, Überlastung und Überalterung: Abseits der großen Medienöffentlichkeit kämpft die Pathologie gegen bedrohliche Entwicklungen. Ohne ausreichenden Nachwuchs wären präzise Diagnosen und Therapien sowie der Spitalsbetrieb in Gefahr.

red
Labor
Die Pathologie ist ein Dreh- und Schlüsselfach in Hinblick auf die Diagnose.
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„Gerne verwechselt werden Gerichtsmedizin und Pathologie. Die Pathologie befasst sich allerdings mit natürlichen Krankheitsverläufen, während sich die Gerichtsmedizin mit unnatürlichen Todesursachen, unter anderem bei Verbrechen oder Unfällen, beschäftigt.“

„Wieder einmal muss ich mit einem TV-Klischee aufräumen: Pathologinnen und Pathologen sind keine Leichenaufschneider“, sagt Johannes Steinhart, Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien sowie der Österreichischen Ärztekammer, bei einem Pressegespräch. „Die Pathologie beschäftigt sich zu etwa 98 Prozent mit Lebenden und nicht mit Toten.“ Die Pathologie sei vor allem ein Dreh- und Schlüsselfach im Hinblick auf Diagnosen. Statt der Obduktion von Leichen stehen für Pathologinnen und Pathologen Früherkennung, Diagnostik, gezielte Therapien und Therapiekontrollen im Fokus. „Gerade in der Onkologie sind Pathologinnen und Pathologen von zentraler Bedeutung“, unterstreicht Steinhart. 
Doch massive Strukturprobleme gefährden aktuell die pathologische Versorgung, was auf Dauer große Probleme für das gesamte Gesundheitssystem mit sich bringen wird, warnt der Präsident. Gerade bei der Auswahl der Chemotherapie könnte es gravierende Auswirkungen auf Patientinnen und Patienten haben, wenn die individuelle Therapieplanung und Verträglichkeit zu kurz kommt. Die Zahlen zeigen, wie ernst inzwischen die Lage ist: Österreichweit arbeiten aktuell 365 Ärztinnen und Ärzte im Fachgebiet Klinische Pathologie und Molekularpathologie - inzwischen sind 54 Prozent Frauen, vor 20 Jahren waren es noch 38,4 Prozent. Besorgniserregend ist laut Steinhart die Altersstruktur: Von den 365 Pathologinnen und Pathologen sind 62 (entspricht 17 Prozent) zwischen 60 und 65 Jahre alt, weitere 60 (entspricht 16,4 Prozent) bereits über 65. Der Anteil der 25- bis 45-Jährigen stagniert, der Altersschnitt liegt bei 53,17 Jahren: „Wir werden also in den kommenden zehn Jahren nicht nur eine große Zahl an Expertinnen und Experten verlieren, sondern es wird auch viel Expertise verloren gehen, die zum Teil unwiederbringlich sein wird“, sagt Steinhart, und appelliert an die Verantwortlichen in Politik, Kasse und Universitäten, gemeinsam mit der Ärzteschaft an einer Attraktivierung des Berufsbildes zu arbeiten. „Wenn sich die Pathologenknappheit weiter zuspitzen sollte, wäre ein Spitalsbetrieb wohl nicht mehr möglich. Man muss bedenken, dass viele Maßnahmen, vor allem in der Ausbildung, erst in zehn oder mehr Jahren Resultate zeigen – angesichts der genannten Zahlen wird das Zeitfenster für eine Kurskorrektur bald geschlossen sein.“  

Ohne Pathologie keine moderne Medizin
Eva Maria Compérat, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Klinische Pathologie und Molekularpathologie (ÖGPath) und Professorin für Urologische Pathologie an der MedUni Wien, unterstreicht ebenfalls: „Wir Pathologinnen und Pathologen arbeiten zu mindestens 98 Prozent mit Proben von lebenden Menschen, zudem ist die Pathologie ein extrem breit gefächertes Fach. Wir sehen uns vielen unterschiedlichen Aufgaben gegenüber, die ganz unterschiedliche Zugänge zur Medizin erfordern.“ Nachwuchs für dieses spannende Aufgabengebiet zu finden sei für die gesamte Versorgung extrem wichtig: „Aus der Onkologie und aus der gesamten modernen Medizin ist die Pathologie gar nicht wegzudenken. Die Pathologie muss sicht- und hörbarer und generell attraktiver als Berufsbild werden, damit sich junge Kolleginnen und Kollegen, besonders die klinisch-diagnostisch Interessierten, wieder für dieses Fach begeistern“, sagt Compérat. Ein großes Problem sei aktuell die steigende Arbeitsbelastung, nicht nur durch den Fachkräftemangel, sondern auch durch die Entwicklungen bei Früherkennung und Bildgebung. „Für den aktuellen Aufwand brauchen wir zumindest ein Drittel mehr Pathologinnen und Pathologen – für eine gewisse Zukunftssicherheit vor allem im Nachwuchsbereich“, unterstreicht Compérat.

Wichtiger Teil der Gesundheitsversorgung
Wer sich für die Pathologie entscheide, entscheide sich für einen abwechslungsreiche und hochinteressante Aufgabe. „Pathologinnen und Pathologen sind Teamplayer. Die Herstellung von Objektträgern oder Zusatzleistungen wie molekularpathologische oder mikrobiologische Untersuchungen brauchen perfektes Zusammenspiel. In den Tumorboards zählt die Abstimmung mit Chirurgie, Onkologie und Radiologie, um die optimale Therapie für die Patientinnen und Patienten zu finden“, schildert Compérat. Auch mit der Gastroenterologie gibt enge Kooperationen, um etwa suspekte Veränderungen der Darmschleimhaut zu überprüfen und gemeinsam nach einer eventuellen Entfernung der Gewebes die Nachsorge festzulegen. Wie eminent wichtig die Tätigkeit von Pathologinnen und Pathologen bei aktuell stark diskutierten Vorsorgeuntersuchungen wie Koloskopien oder Mammographien ist, sei vielen nicht bekannt. 

Hier sei die Analyse der Pathologinnen und Pathologen mit hochauflösenden Licht- und digitalen Mikroskopen und Scannern zentral, mit denen Schnitte in Tausendstel-Millimeter-Dicke untersucht werden. Dabei könne gerade die Pathologie auch von den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz profitieren. „Algorithmen können große Datenmengen in kurzer Zeit verarbeiten, Muster erkennen und so bei Analyse und Diagnostik unterstützen, erhöhen aber auf der anderen Seite den Ressourceneinsatz: Qualifiziertes Personal, Technik, Speicher – all das muss gewährleistet und finanziert werden“, gibt Compérat zu bedenken. Zusammenfassend wünscht sich die ÖGPath-Präsidentin: „Aufmerksamkeit, Wertschätzung und dass sich Öffentlichkeit und alle Systempartner bewusst werden, wie groß der Beitrag ist, den Pathologinnen und Pathologen für die Gesundheitsversorgung und auch die Gesundheitsvorsorge leisten.“

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„In den Tumorboards zählt die Abstimmung mit Chirurgie, Onkologie und Radiologie, um die optimale Therapie für die Patientinnen und Patienten zu finden.“
Eva Maria Compérat
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