„Wenn Prostatakrebs früh erkannt wird, kann er geheilt werden“
Im November rückt die internationale Movember-Bewegung die Männergesundheit in den Mittelpunkt. In Österreich macht die Loose-Tie-Aktion auf die Bedeutung der Prostatakrebsfrüherkennung aufmerksam. Der Wiener Urologe und Loose-Tie-Mitinitiator Anton Ponholzer spricht über Vorsorge, die Chancen eines strukturierten Früherkennungsprogramms und Fortschritte in der Behandlung.
Ärzt*in für Wien: Sie engagieren sich bei der Loose-Tie-Aktion, die auf die Prostatakrebsfrüherkennung aufmerksam macht. Warum braucht es dieses zusätzliche Engagement?
Ponholzer: Wir haben uns die Brustkrebsfrüherkennungskampagne Pink Ribbon zum Vorbild genommen. Sie ist eine große Erfolgsgeschichte und macht darauf aufmerksam, dass Früherkennung Leben retten und Leiden vermeiden kann. Für die Prostata gab es lange nichts Vergleichbares, obwohl Prostatakrebs bereits häufiger ist als Brustkrebs. Mittlerweile haben wir in Österreich mehr als 8.000 Erkrankungsfälle pro Jahr.
In der Öffentlichkeit wird aber kaum darüber gesprochen, dass man auch hier Früherkennung betreiben kann. Dabei ist die Erhebung des PSA-Werts erwiesenermaßen in der Lage, die Sterblichkeit an Prostatakrebs zu senken. Deshalb hat die Österreichische Gesellschaft für Urologie und Andrologie (ÖGU) eine Kampagne ins Leben gerufen, die über die Früherkennung von Prostatakrebs informieren soll. Wir haben dann gemeinsam mit der Krebshilfe die Loose-Tie-Kampagne entwickelt.
Ärzt*in für Wien: Warum ist es gerade bei Männern wichtig, das Bewusstsein für Prävention zu stärken?
Ponholzer: Frauen beginnen bereits früher sich mit Vorsorge auseinanderzusetzen und Untersuchungen wahrzunehmen, obwohl sie gesund sind. Das hängt auch mit den regelmäßigen Kontrollen bei der Frauenärztin oder beim Frauenarzt zusammen, bei denen Vorsorge bereits etabliert ist. Männer haben das nicht. Manche sind vielleicht zu bequem oder ängstlich, andere wissen nicht, welche Möglichkeiten es gibt. Insgesamt ist das Bewusstsein dafür bei Männern leider geringer. Genau hier wollen wir mit der Loose-Tie-Aktion ansetzen.
Ärzt*in für Wien: In Österreich wird ein strukturiertes Programm zur Prostatakrebsfrüherkennung diskutiert, ein Anliegen, das auch von der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien unterstützt wird. Was könnte ein solches Programm verbessern?
Ponholzer: Die Österreichische Gesellschaft für Urologie hat gemeinsam mit anderen Fachbereichen ein Positionspapier erarbeitet. Darin fordern wir, Männer ab dem 50. Lebensjahr darüber zu informieren, dass mittels PSA-Wert Früherkennung betrieben werden kann, und sie auch dazu einzuladen.
Aktuell wissen viele Männer nicht, dass die Möglichkeit eines PSA-Tests besteht. Das derzeitige Vorsorgeprogramm wird nur von einem relativ geringen Teil der Männer angenommen. Vor allem sozioökonomisch bessergestellte Bevölkerungsgruppen nutzen diese Gelegenheit. Darin zeigt sich auch eine soziale Ungerechtigkeit, die durch ein strukturiertes Vorsorgeprogramm beseitigt werden könnte.
Zudem erfolgt ein Großteil der PSA-Messungen erst im höheren Alter, wenn sie nicht mehr so sinnvoll sind. Eine frühere Messung würde mehr bringen und könnte in größeren Abständen erfolgen. Die gezielten Testungen würden somit auch eine Kostenersparnis für das Gesundheitssystem bedeuten.
Ärzt*in für Wien: Welchen Unterschied macht es in der Behandlung und beim Behandlungserfolg, ob Prostatakrebs früher oder später erkannt wird?
Ponholzer: Die Früherkennung führt dazu, dass bei den meisten Männern der Krebs in einem Stadium diagnostiziert wird, in dem er geheilt werden kann. Bei der Behandlung gibt es dann unterschiedliche Möglichkeiten: Nicht jeder Befund erfordert eine sofortige Behandlung. In manchen Fällen reicht es zunächst aus, die Entwicklung regelmäßig zu kontrollieren. Wenn eine Behandlung notwendig ist, kann diese aus einer lokalen Therapie bestehen, also einer Operation oder Bestrahlung.
Ohne PSA-Früherkennung erfolgt die Diagnose deutlich später. Dann ist der Anteil jener Männer höher, die man zwar behandeln, aber nicht mehr heilen kann – etwa weil es bereits Metastasen gibt oder der Krebs weit fortgeschritten ist. Diese Patienten bleiben ein Leben lang in Behandlung und müssen mit den Folgen der Erkrankung und der Therapie leben, ohne Aussicht auf Heilung.
Ärzt*in für Wien: Welche Fortschritte gab es bei der Behandlung in den vergangenen Jahren?
Ponholzer: Ein großer Fortschritt war die Einführung der roboterunterstützten Operation mittels Da-Vinci-Roboter. Er ermöglicht uns, sehr schonend zu arbeiten und Nebenwirkungen wie Potenz- und Kontinenzprobleme deutlich zu reduzieren. Darüber hinaus werden die Belastungen durch die Operation heute so gut wie möglich verringert, etwa indem weniger Lymphknoten entfernt werden und stärker nervenerhaltend operiert wird. Außerdem sind wir mit Operationen und Behandlungen zurückhaltender geworden. Nicht jeder Tumor wird operiert oder bestrahlt. Bei sogenannten Low-Risk-Tumoren wartet man eher ab. Auch das ist ein Fortschritt.
Bei einem bereits metastasierten Karzinom behandeln wir die Patienten medikamentös. Auch hier gibt es Fortschritte: Tabletten, die in den Hormonhaushalt eingreifen, ermöglichen es uns, die Krankheit schonender unter Kontrolle zu halten als in der Vergangenheit.
Ärzt*in für Wien: Viele Männer fürchten, dass eine Behandlung Auswirkungen auf Potenz und Kontinenz hat. Wie hat sich die Situation verändert?
Ponholzer: Das hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Die Mehrzahl der Patienten hat kein Kontinenzproblem. Dieses Ziel erreichen wir bei 90 Prozent der Patienten, sodass ein soziales Leben gut möglich ist.
Potenzprobleme lassen sich bei rund 50 Prozent der Patienten nicht vermeiden. Diese können aber ebenfalls behandelt werden – etwa mit Medikamenten und anderen Techniken. Wichtig ist, dass Männer über diese Möglichkeiten sprechen und sich beraten lassen.
PSA-Test: Was der Blutwert verrät
Der PSA-Test ist eine Blutuntersuchung zur Früherkennung von Prostatakrebs. Er misst die Konzentration des prostataspezifischen Antigens (PSA), eines Eiweißes, das in der Prostata gebildet wird. Ein erhöhter Wert kann auf Krebs hinweisen, aber auch durch eine gutartige Vergrößerung oder eine Entzündung der Prostata entstehen. Er bedeutet daher noch keine Krebsdiagnose, sondern muss ärztlich abgeklärt werden.
