Übergewicht bei Kindern
Übergewicht bei Kindern

„Die Energiebilanz läuft aus dem Ruder“

Übergewicht und Adipositas bei Kindern ist eines der größten Gesundheitsprobleme und Basis für vermeidbare Erkrankungen im Erwachsenenalter – von Diabetes bis hin zu Herzkreislauferkrankungen. Diagnostik und Therapie stellen Ärztinnen und Ärzte vor große Herausforderungen. Der Kinderarzt und Ernährungsmediziner Kurt Widhalm zeigt Wege auf, wie man mit dem Problem auf medizinischer und zwischenmenschlicher Ebene umgehen kann.

Eva Kaiserseder

Ärzt*in für Wien: Übergewicht bei Kindern ist ein großes gesundheitliches Problem und nimmt stetig zu. Wie kann man dem begegnen? 
Widhalm: Vorab muss man festhalten, dass die Datenlage zur Prävalenz in Österreich völlig unzureichend ist. An den Schulen werden die Kinder – gesetzlich verankert – zwar jährlich gewogen und gemessen, aber die Daten sind unter dem Vorwand des Datenschutzes nicht verfügbar. Man könnte diese Zahlen für interventionelle Maßnahmen nutzen und daraus ableiten, welche Regionen oder welches Geschlecht zum Beispiel besonders betroffen ist. Eine wirksame Prävention funktioniert nur mit einem Anreizsystem. Der Eltern-Kind-Pass wäre das beste Tool. Problematisch ist, dass die Daten aus allen Untersuchungen des Eltern-Kind-Passes nicht ausgewertet werden, dabei könnte man viele Probleme schon sehr früh detektieren. Zum Beispiel manifestiert sich monogene Adipositas (ursächlich ein Gendefekt, Anm.) früh, zwischen drei und fünf Jahren. Hier wäre eine Gendiagnostik sinnvoll sowie in manchen Fällen eine frühzeitige Intervention durch Medikamente, die in den Stoffwechsel eingreifen.

Ärzt*in für Wien: Was sind die Hauptursachen für Adipositas im Kindesalter?
Widhalm: Viele hochverarbeitete, kalorienreiche Lebensmittel, deren ständige Verfügbarkeit und das riesige Angebot sind eine Hauptursache. Die Abnahme der körperlichen Aktivität und die dahinterstehenden familiären Gewohnheiten spielen natürlich eine große Rolle. Die Energiebilanz läuft somit aus dem Ruder. Übergewicht entsteht nicht im luftleeren Raum. Wir haben ein sehr einfaches Tool, Übergewicht gut im Auge zu behalten: die Perzentil-Kurven im Eltern-Kind-Pass, die dort aber derzeit nicht vorhanden sind. Mit Perzentil-Kurven kann man das Wachstum und den Gewichtsverlauf der Kinder gut verfolgen. Sobald die Ärztin oder der Arzt sieht, dass das Gewicht der Kinder über die 90-Prozent-Perzentile hinauswächst, sind wirksame Maßnahmen notwendig. Oft wird dann aber angenommen, das Problem „wächst sich sozusagen aus“. Es gibt einen massiven Mangel an ernährungsmedizinischem Wissen bei den Ärztinnen und Ärzten, weil die Ausbildung darin zu kurz kommt. Auch im Erwachsenenalter wird grundsätzlich zu wenig auf den Ernährungszustand bei den Patientinnen und Patienten geschaut.

Ärzt*in für Wien: Sind mehr Mädchen oder Burschen übergewichtig?
Widhalm: WHO-Zahlen von 2024 besagen, dass 30 Prozent der Buben und 22 Prozent der Mädchen zwischen sechs und neun Jahren in Österreich übergewichtig sind. Allerdings sind diese Zahlen aus der so genannten COSI-Studie (Österreichische Childhood Obesity Surveillance Initiative, Anm.) mit Vorsicht zu genießen, weil sie nicht wirklich repräsentativ sind. Viele Eltern haben keine Zustimmung dazu gegeben, ihre Kinder zu messen und zu wiegen. Gesetzlich vorgeschrieben machen das ja die Schulärztinnen und Schulärzte ohnehin, allerdings werden diese Daten, wie schon erwähnt, nicht weiterverarbeitet.

Ärzt*in für Wien: Stichwort Ernährungsmedizin: Was sind die Konsequenzen von Übergewicht und wie kann man gegensteuern?
Widhalm: Prävention ist wesentlich, sprich: Am besten ist es, wenn Übergewicht vermieden wird. Dabei ist die wichtigste Aufgabe, schon im Volksschulalter mit präventiven Maßnahmen zu beginnen und die Eltern und vor allem die Schulärztinnen und -ärzte mit ins Boot zu holen. Der zweite Punkt ist die Therapie, die schon beim Überschreiten der 90-Prozent-Perzentile beginnen sollte. Dazu brauchen wir nachweisbare und wirksame Maßnahmen, die von der Sozialversicherung übernommen werden. 

Ärzt*in für Wien: Lässt sich der Nutzen von Prävention auch in wirtschaftlichen Parametern bemessen?
Widhalm: Es gibt ganz klare Zahlen von der OECD dazu. Jeder in die Prävention investierte Euro erspart später sechs Euro in der Behandlung. Zu diesen Benefits gibt es einiges an internationalen Studien. Acht Prozent der Gesundheitsausgaben gehen auf Kosten der Übergewichtigkeit mit all ihren Konsequenzen, wie etwa Diabetes. Der Satz, dass übergewichtige Kinder die Diabetiker von morgen sind, ist evident. Das Großartige ist: Wir können gerade Diabetes großteils verhindern. Wir können kardiovaskuläre Erkrankungen verhindern, auch Folgen von Skeletterkrankungen und psychischen Krankheiten ließen sich teilweise vorbeugen. Dazu braucht es eine gemeinsame Kraftanstrengung aller Beteiligten.

Ärzt*in für Wien: Sie sind federführend beteiligt gewesen bei EDDY, einer Initiative gegen Übergewicht bei Kindern. Ernährung und Bewegung im Volksschulalter standen dabei im Fokus. Was war das Ziel des Projektes und wie lief es konkret ab?
Widhalm: EDDY ist ein wissenschaftlich fundiertes Projekt, gefördert vom Bildungsministerium, das ganz klare Daten und Ergebnisse geliefert hat. Durch konkrete Maßnahmen, wie Ernährungsschulung und Schulung zur körperlichen Aktivität, kann die Entwicklung von Übergewicht – im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne Intervention – eingebremst werden. 
Das Thema Ernährungsschulung ist dabei wesentlich und sehr effizient, und dabei liegt der Wert auf dem Wort „Schulung“ und nicht Information. Es geht darum, die Kinder und auch die Eltern miteinzubeziehen, wobei ein Anreizsystem sinnvoll ist. Daneben ist Bewegung ein entscheidender Faktor gegen das Übergewicht. Die schulischen Sportstunden gehören dabei dringend adaptiert, denn nur Doppelstunden sind sinnvoll. Das Thema Bewegung muss man professionell erarbeiten, wir haben dabei in den Sportstunden mit Kolleginnen und Kollegen der Sportwissenschaft der Universität Wien zusammengearbeitet und Vereine miteinbezogen. Selbst hochgradig übergewichtige Kinder haben dabei begeistert mitgemacht. Sportliche Aktivität ist jedenfalls essenzieller Bestandteil jeder präventiven Maßnahme.

Ärzt*in für Wien: Was kann man Ärztinnen und Ärzten Praktisches an die Hand geben, wenn das Thema Ernährung und Übergewicht aufkommt?
Widhalm: Ganz simpel: sich Zeit zu nehmen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie wichtig dieses Thema ist. Es ist völlig klar, wie schwer das zum Beispiel in einer Kassenordination umzusetzen ist. Daher ist das Problem auch mit der Kassenmedizin verknüpft, denn Zeit fehlt dort bekanntlich und Gesprächsmedizin wird nicht ausreichend honoriert. Man muss auf jeden Fall eine Familienanalyse machen und schauen, ob es in der Familie etwa bereits Diabetes oder Adipositas gibt. Und ganz wichtig ist die Kooperation mit den Eltern bei dem Thema. Wir als Ärztinnen und Ärzte können die Behandlung nur anstoßen und in die Wege leiten, umgesetzt muss es im Alltag werden. Die Eltern müssen dann die Ernährung und die tägliche Bewegung fördern. Es zahlt sich eben aus, auch am Wochenende komplett umzustrukturieren. Eine solche Lebensstil-Veränderung ist ein Lernprozess, der Zeit, oft monatelang, braucht.

„Eine wirksame Prävention funktioniert nur mit einem Anreizsystem. Der Eltern-Kind-Pass wäre das beste Tool.“
Älterer Mann mit Bart.
Kurt Widhalm: „Die Abnahme der körperlichen Aktivität spielt eine große Rolle.“
Foto: OEAIE citronenrot.at
„Es gibt einen massiven Mangel an ernährungsmedizinischem Wissen bei den Ärztinnen und Ärzten, weil die Ausbildung darin zu kurz kommt. Auch im Erwachsenenalter wird grundsätzlich zu wenig auf den Ernährungszustand bei den Patientinnen und Patienten geschaut.“
 
© Ärztin für Wien | 01.09.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/index.php/medizin/die-energiebilanz-laeuft-aus-dem-ruder