Kinder und Jugendliche
Kinder und Jugendliche

„Inaktivität dürfte das größte Problem sein“

Paul Plener leitet die Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Medizinischen Universität Wien und analysiert die Auswirkungen von Smartphone-Nutzung, Social Media-Use und Mobbing an Jugendlichen.

David Hell

Ärzt*in für Wien: Gleich vorweg, wie zufrieden sind Kinder und Jugendliche mit ihrem Leben?
Paul Plener: Internationale Studien der Lebenszufriedenheit, die über viele Jahrzehnte hinweg einen relativ konstanten Befund in der Sozialforschung lieferten, sind in Bewegung. Es geht um den sogenannten ‚hump of misery', also den Buckel des Unglücklichseins. Dieser war bei den Personen mittleren Alters, also der 30- bis 50-Jährigen, am ausgeprägtesten. Den Jugendlichen ging es bislang immer recht gut. Doch seit 2015 wandert der Buckel in ihre Richtung. Seither sind die Jugendlichen die Unglücklichsten.

Ärzt*in für Wien: Warum sind die Jugendlichen am unglücklichsten?
Plener: Viele vermuten, dass die Covid-Pandemie verantwortlich dafür sei. Sie hat sicher dazu beigetragen, aber der Trend setzte schon mit 2015 ein – also lange davor. Vielfach wird der schwierige Einstieg in den Arbeitsmarkt und die häufige Nutzung von Smartphones genannt.

Ärzt*in für Wien: In Österreich wurde vor wenigen Monaten die Ö3-Jugendstudie vorgelegt. Demnach sind 87 Prozent der Jugendlichen mit ihrem Leben zufrieden. Wie passt das mit der Verschiebung des ‚hump of mysery' zusammen?
Plener: Die Ö3-Jugendstudie liefert interessante Daten und ist als Trendmesser sehr spannend, aber es ist letztlich keine wissenschaftliche Studie, die bei diesem Thema in die Tiefe geht. Die 16- bis 25-Jährigen sind demnach zu 87 Prozent mit ihrem Leben zufrieden. Uns stehen noch andere Daten zur Verfügung: Bei der letzten Mental-Health-Days-Studie aus 2025, die wir von der MedUni bereits zum dritten Mal begleiten durften und die 8000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatte, kommen recht ähnliche Ergebnisse heraus. Also durchwegs positiv. Und wir sehen zum ersten Mal eine fallende depressive Symptomatik bei den Jugendlichen. Und dennoch scheint sich ein großer Trend hin zu mehr Unzufriedenheit verschoben zu haben.

Ärzt*in für Wien: Welchen Stellenwert haben psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen?
Plener: Tatsächlich sind laut Global Burden of Disease Study in dieser Altersgruppe psychische Erkrankungen die Nummer 1. Dahinter folgen neurologische Erkrankungen und Hauterkrankungen.

Ärzt*in für Wien: Wie viele psychisch kranke Kinder und Jugendliche haben wir in Österreich?
Plener: Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Um das seriös zu tun, müsste man repräsentative Studien haben. Die haben wir aber in Österreich nicht. Wir wissen überhaupt nicht, wie viele psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche es in Österreich gibt. Das heißt, wir müssen andere Länderdaten heranziehen, wo das sehr wohl gemacht wird. Wenn man sich also Australien, Großbritannien, Dänemark und die USA, wo die großen Kohortenstudien vorliegen, hernimmt, dann sieht es sehr danach aus, als ob es tatsächlich einen Anstieg der Prävalenz psychischer Erkrankungen in dieser Altersgruppe gibt.

Ärzt*in für Wien: Was sind die Risikofaktoren im Jugendalter für psychische Erkrankungen?
Plener: Dazu zählen belastende traumatische Erfahrungen, es sind Peer-Einflüsse, Gewalterfahrungen – vor allem im sexuellen Kontext, Mobbing oder auch Medieneinflüsse, um ein paar zu nennen. Das sind aber bei weitem nicht die einzigen Themen, die Kindern und Jugendlichen psychisch zusetzen. Natürlich spielt auch die elterliche emotionale Belastung eine Rolle. Und die körperliche Gesundheit ist ein riesiges Thema – wenn wir über Ernährung, Bewegung und auch über Substanzkonsum sprechen. Aber auch Mobbing, genauso wie Cybermobbing und der Druck im Bildungssystem, werden als zunehmend empfunden.

Ärzt*in für Wien: Wie sehr verstärkt Mobbing die psychische Belastung von Jugendlichen?
Plener: Wir wissen, dass Mobbing rund ein Viertel der Jugendlichen betrifft – körperliches Mobbing, Cybermobbing oder verbales Mobbing. Die Auswirkungen sind groß. Es kommt zu Einsamkeit, Angstsymptomen, depressiver Symptomatik, aber auch zu Suizidgedanken, Suizidversuchen und selbstverletzendem Verhalten. All das wird durch Mobbing begünstigt. Die britische Alspac-Studie beziehungsweise die Great Smoky Mountains-Studie aus den USA sind zwar schon etwas älter, aber die Daten sind von besonderer Güte. Die Auswertung zeigt, dass Mobbing einen durchgreifenden Effekt auf psychische Probleme in dieser Lebensspanne bewirkt. Diese verstärken sich, wenn Polytraumatisierungen hinzukommen. Und das ist leider eine relativ häufige Kombination.

Ärzt*in für Wien: Macht es einen Unterschied, in welcher Form gemobbt wird?
Plener: Es gibt unterschiedliche Risikoerhöhungen für diejenigen, die klassisches Mobbing erfahren haben und solche, die Cybermobbing erlebt haben. So ist etwa das Risiko zur Selbstverletzung, da ist eine Metastudie unmissverständlich, bei Cybermobbing etwas ausgeprägter als beim traditionellen Mobbing. Und noch ausgeprägter sind die Risikoerhöhungen bei Personen, denen beides widerfahren ist. Das Problem beim Vergleich von traditionellem und Cybermobbing liegt darin, dass man zwei Phänomene vor sich hat: Das eine ist, dass es keine zeitliche Eingrenzung gibt. Wenn ich in der Schule auf ‚traditionelle' Weise gemobbt werde, dann ist das sehr übel. Wenn ich die Schule am Nachmittag verlasse und nach Hause gehe, dann ist die Mobbingsituation, normalerweise, vorbei. Das andere Phänomen ist Cybermobbing, das die Betroffenen in die Freizeit begleitet – rund um die Uhr also. Verschärft wird die Situation dadurch, dass ein einziger Akt von Mobbing via Social Media, also ein Meme von einem Klassenkollegen, irgendein Video oder Foto, in kürzester Zeit weite Kreise ziehen kann – also viral geht. Während eine Beschimpfung in der Schule oder eine miese Aktion begrenzte Wirkung hat, bleibt ein Meme.

Ärzt*in für Wien: Wie viel Zeit verbringen Jugendliche am Smartphone?
Plener: Nach den Daten einer HSBC-Studie aus 2025 verbringen die Jugendlichen im Schnitt 230 Minuten pro Werktag am Smartphone. In Österreich, da haben wir die Daten der Mental-Health-Days-Studie, die zuletzt 2025 durchgeführt wurde und 8000 Teilnehmende hatte, gibt es fallende Zahlen. Wir sind nun bei 190 Minuten pro Tag Nutzung des Smartphones – um eine halbe Stunde weniger als im Jahr davor.

Ärzt*in für Wien: Wie kam es zu dieser Reduktion?
Plener: Man könnte die teilweise schon geltenden Schulregularien als Erklärung anbieten. Ich glaube, es ist ein Teil der Wahrheit, aber nicht alles. Aus britischen Studien wissen wir, dass die Zeitdifferenz, ob Jugendliche eine Schule mit oder ohne Smartphone-Verbot besuchen, nur 15 Minuten beträgt – aus diesem Grund gab es in dieser Studie auch keine Effekte auf Wohlbefinden oder ähnliches. Denn die Schüler, die das Smartphone in der Pause nicht nutzen dürfen, holen das nach der Schule, wo sie nicht kontrolliert werden, wieder auf. Also ich denke, dass es ein Teil eines größeren Phänomens ist, dass wir auch eine verminderte Social Media Nutzung sehen. Die Daten, die Safer Internet in ihrer jährlich erscheinenden Analyse rausbringt, zeigen in die gleiche Richtung. Also es dürfte sich in der Jugend etwas in Richtung gemäßigter Umgang mit Social Media tun. 

Ärzt*in für Wien: Gibt es einen Zusammenhang von Social Media Nutzung und Lebenszufriedenheit?
Plener: Den gibt es, ja. Wir haben uns in der Mental Health Days-Studie die Auswirkung auf die Lebenszufriedenheit angeschaut und da ist es so, dass Menschen, die Social Media viel nutzen, auch eine geringere Lebenszufriedenheit aufweisen. Die Kausalität bleibt dabei unklar. Wenn ich unzufrieden mit meinem Leben bin, ziehe ich mich vielleicht auch eher auf die Dienste zurück.

Ärzt*in für Wien: Wie würden sich Social Media-Verbote auswirken?
Plener: Das ist noch völlig offen. Und es ist wichtig, nicht alles über denselben Kamm zu scheren. Messengerdienste stellen in unserer Studie, und in vielen anderen übrigens auch, kein Problem dar. Und es ist fraglich, ob die auch auf der Verbotsliste stehen. Aber Social Media ist zumindest vergeudetet Zeit und da passiert wenig soziale Interaktion, weil ich mich berieseln lasse.

Ärzt*in für Wien: Die genannte Zeit, in der Jugendliche am Smartphone verbringen. Wie beurteilen Sie die?
Plener: Wer mehr als drei Stunden pro Tag am Smartphone verbringt, kommt auf einen ganzen Tag wache Zeit pro Woche. Ein ununterbrochener Tag, der nur am Smartphone zugebracht wird. Auf das ganze Jahr hochgerechnet, kommt man fast schon auf die gesamten Sommerferien – in denen man nicht schliefe und durchgängig am Smartphone wäre. Wer darüber den Kopf schüttelt, muss auch wissen, dass die Gruppe mit den höchsten Zuwachsraten auf Social Media die mit 55 Jahren plus ist. Wir reden also nicht über eine Jugendentwicklung, sondern über ein komplettes Massenphänomen.

Ärzt*in für Wien: Aber vielleicht hinterlässt der Konsum bei den Jugendlichen mehr Schaden?
Plener: In klinischen wie auch in nicht-klinischen Stichproben zum Zusammenhang zwischen der auf Social Media verbrachten Zeit und internalisierenden Symptomen psychischer Erkrankungen sieht man signifikante, aber keine besonders hohen Effekte. Wer das als alleinigen Auslöser der Mental Health-Krise von Jugendlichen sieht, der bleibt, angesichts der Effekte, einen großen Teil der Erklärung schuldig.

Ärzt*in für Wien: Also ist die ganze Hysterie um die Screen-Activity unbegründet?
Plener: Kinder und Jugendliche, genauso wie Erwachsene, die mehr als vier Stunden am Tag online sind, zeigen erhöhte Werte bei psychischen Belastungen – wie etwa Symptome von Depressionen, Angststörungen, Verhaltensauffälligkeiten und ADHS-ähnliche Symptome. Das geht aus einer groß angelegten aktuellen Querschnitt-Studie hervor. Diese Studie hat sich auch mit Mediatoren beschäftigt. Dabei zeigte sich, dass die Effekte vor allem über körperliche Inaktivität vermittelt werden.

Ärzt*in für Wien: Es liegt also nicht an der ‚Berieselung', sondern am Nichtstun?
Plener: Wenn ich dreieinhalb Stunden oder drei Stunden am Tag am Smartphone verbringe, dann mache ich nichts anderes. Und das ist das Problem – vermutlich hauptsächlich. Das wird sehr stark beeinflusst durch körperliche Inaktivität, durch irreguläre Schlafenszeiten und durch eine kurze Schlafdauer. Das sollten wir, wenn wir über Alternativen nachdenken, im Blick behalten.

Ärzt*in für Wien: Wie bewerten Kinder und Jugendliche ihren eigenen Smartphone- und Social-Media-Konsum?
Plener: Laut der deutschen JIM-Studie sagen 61 Prozent, dass ‚ich mich vergesse' und ‚viel mehr Zeit am Handy verbringe als ich geplant hatte'. 53 Prozent sagen, ‚Ich genieße es, wenn ich Zeit ohne Handy und Internet verbringen kann'. Also da scheint ein wachsendes Problembewusstsein zu existieren. Die Auswertung aus dem Jugend-Internet-Monitor 2026 von Safer Internet zeigt ein ähnliches Bild. Zum ersten Mal gibt es fallende Zahlen der Nutzung der Social Media-Kanäle: weniger WhatsApp, YouTube, Snapchat, TikTok und Instagram. Es tut sich hier etwas. Eine Studie bei Studierenden in Österreich von Professor Pieh hat zudem Interessantes ergeben: Es wurden zwei Gruppen gebildet. In einer wurden freiwillig pro Tag nur zwei Stunden Social Media genutzt. In der anderen Gruppe konnte man so viel man wollte Social Media nutzen. Das war dann fast das doppelte an Zeit – also knapp vier Stunden. Und da sieht man ganz klar, dass es in der Reduktionsgruppe zu einer Abnahme der depressiven Symptomatik gekommen ist. Der Schlaf hat sich verbessert und auch der Stresslevel ist geringer geworden. Dann wurde die Gruppe zwar ‚freigelassen‘, aber nach Studienende weiter beobachtet. Und obwohl die Leute gesagt haben, dass es ihnen mit weniger Social-Media-Konsum besser gehe, sind sie schnell in ihre alten Muster zurückgefallen.

Ärzt*in für Wien: Stimmt es, dass sich die Aufmerksamkeitsspanne durch Social-Media-Konsum verkürzt?
Plener: Das ist eine schlecht belegte Behauptung, die es in der gesellschaftlichen Debatte schon gibt, seitdem Fernsehen existiert. Unser Gehirn scheint zum Glück anpassungsfähiger zu sein, als wir ihm generell zutrauen.

„Wenn ich dreieinhalb Stunden oder drei Stunden am Tag am Smartphone verbringe, dann mache ich nichts anderes. Und das ist das Problem – vermutlich hauptsächlich.“
Ein Mann steht bei einem Vortrag und spricht, während er beide Hände vorne zusammenführt beim Sprechen.
Paul Plener, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, ist Universitätsprofessor an der Medizinischen Universität Wien.
Foto: Stefan Seelig
„Es gibt unterschiedliche Risikoerhöhungen für diejenigen, die klassisches Mobbing erfahren haben und solche, die Cybermobbing erlebt haben. So ist etwa das Risiko zur Selbstverletzung, da ist eine Metastudie unmissverständlich, bei Cybermobbing etwas ausgeprägter als beim traditionellen Mobbing.“
 
© Ärztin für Wien | 16.06.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/index.php/medizin/inaktivitaet-duerfte-das-groesste-problem-sein