Porträt
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Markus Hengstschläger - der Mensch hinter den Genen

Markus Hengstschläger zählt zu den bekanntesten Wissenschaftern Österreichs. Der Genetiker verbindet Spitzenforschung mit gesellschaftlichem Dialog und erklärt komplexe Medizin verständlich wie kaum ein anderer. Ein Einblick in Gene, KI, Ethik und warum der Mensch weit mehr ist als seine biologische Ausstattung.

Stefan Eckerieder-Donovan

Es gibt Menschen, die ihre Disziplin erklären, und es gibt jene, die sie in die Gesellschaft tragen. Markus Hengstschläger gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Der Genetiker spricht über DNA und molekulare Prozesse mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der andere über Alltagsthemen reden. Präzise, klar und ohne Pathos. Vielleicht liegt genau darin seine besondere Stärke: Wissenschaft verständlich zu machen, ohne sie zu vereinfachen. Wer ihm zuhört, merkt schnell, dass ihn weniger die Faszination für Technik antreibt als die Frage nach dem Menschen selbst. „Die Gene spielen zwar eine Rolle, aber die Geschichte schreiben wir selbst“, sagt Hengstschläger. Ein Satz, der sich wie ein roter Faden durch sein Denken zieht.

Dass er einmal Genetiker werden würde, war für ihn früh klar. „Ich wollte eigentlich immer etwas Naturwissenschaftliches machen“, erinnert er sich an die Zeit nach der Matura 1986. Die Genetik war damals in Österreich noch ein junges Feld, voller offener Fragen und Möglichkeiten. Für Hengstschläger stand jedoch von Beginn an fest, welchen Weg er einschlagen wollte: „Ich wollte immer Humangenetik machen, also verstehen, welche Rolle Gene bei der Entstehung von Krankheiten spielen.“

Heute zählt Markus Hengstschläger zu den bekanntesten Wissenschaftern des Landes. Er leitet das Zentrum für Pathobiochemie und Genetik an der MedUni Wien, gründete Unternehmen, schrieb Bestseller, moderierte fast zwei Jahrzehnte lang ein Wissenschaftsmagazin im ORF-Radio und rief mit „Impact Lech“ einen internationalen Kongress an der Schnittstelle von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft ins Leben. Für Außenstehende wirkt diese Vielzahl an Rollen vielleicht groß. Für ihn gehören sie aber untrennbar zusammen.

Zwischen Genetik, Gesellschaft und Verantwortung

„Da sind einerseits die Patientinnen und Patienten“, sagt er. „Zusätzlich die Forschung und natürlich auch die Lehre. Und dann kommt noch die Interaktion mit der Gesellschaft dazu.“ Wissenschaft dürfe sich nicht hinter Institutsmauern verstecken. „Die Vermittlung von Wissenschaft in der Öffentlichkeit war mir immer sehr wichtig.“ Gerade in Zeiten wachsender Wissenschaftsskepsis sieht Hengstschläger darin eine gesellschaftliche Aufgabe. Er beschreibt einen Kreislauf, der funktionieren müsse: Wissenschaft müsse transparent erklären, Journalistinnen und Journalisten müssten Erkenntnisse verständlich übersetzen, daraus entstehe ein demokratischer Prozess der Meinungsbildung, und die Politik müsse daraus Regeln ableiten. „Dann schließt sich der Kreis wieder“, sagt er. Dass dieses Vertrauen in den vergangenen Jahren gelitten hat, besonders während der Pandemie, beobachtet er mit Sorge, aber auch mit einer großen Portion Optimismus, dieses wieder zurückzugewinnen. „Ich glaube nicht, dass das eine unlösbare Aufgabe ist. Man muss aber dranbleiben und alle ins Boot holen.“ 

Sein Fachgebiet, die Genetik, erlebt derzeit eine Revolution. Für Hengstschläger ist sie „das beste Beispiel für die Errungenschaften der Wissenschaft in den vergangenen Jahren“. Die moderne Medizin basiere heute auf einem molekularen Verständnis von Krankheiten. Personalisierte Medizin, Präzisionstherapien oder sogenannte Biologicals wären ohne genetische Forschung nicht denkbar. Noch vor wenigen Jahrzehnten war die Analyse des menschlichen Erbguts aufwendig und lückenhaft. Heute können Forscherinnen und Forscher innerhalb kurzer Zeit ganze Genome untersuchen. „Wir können heute anhand von Proben alle Gene analysieren und auf Veränderungen kontrollieren“, sagt Hengstschläger. Künstliche Intelligenz werde künftig dabei helfen, die gewaltigen Datenmengen besser zu verstehen.

Besonders große Hoffnungen setzt er in drei Bereiche: Stammzellforschung, KI-gestützte genetische Diagnostik und Gentherapie. Die Entwicklung der CRISPR-Genschere bezeichnet er als Meilenstein. „Man kann erwarten, dass in den nächsten zehn Jahren Gentherapien gegen immer mehr Erkrankungen zugelassen werden.“ 

Doch je größer die Möglichkeiten werden, desto drängender werden auch die ethischen Fragen. Hengstschläger kennt diese Debatten seit Jahrzehnten, nicht zuletzt durch seine Arbeit im Bereich der Präimplantationsdiagnostik. Seit mehr als zwanzig Jahren ist er in der Reproduktionsmedizin tätig und auch in einer Wiener Kinderwunschklinik engagiert. Gemeinsam mit dem Mediziner Wilfried Feichtinger gehörte er zu den Pionieren genetischer Untersuchungen im Rahmen künstlicher Befruchtungen. „Es gab viele ethische und gesellschaftliche Diskussionen darum“, sagt er rückblickend. In Österreich sei schließlich ein klar geregelter Rahmen entstanden. „Aus meiner Sicht wurde eine grundsätzlich gute Lösung gefunden, die genau regelt, was man darf und was nicht.“ Für Hengstschläger liegt darin der entscheidende Punkt: Nicht alles, was technisch möglich ist, soll automatisch angewendet werden.

Diese Haltung zieht sich durch seine gesamte Arbeit. Technologie sei „ethisch-moralisch neutral“, erklärt er. Entscheidend sei, wie Menschen damit umgehen. „Das ist wie mit einem Messer. Das Messer ist neutral. Wenn jemand damit verletzt wird, ist nicht das Messer schuld.“ Deshalb müsse jede neue Technologie gesellschaftlich diskutiert werden, von der Gentechnik bis zur Künstlichen Intelligenz.

Der Mensch ist mehr als seine DNA

Hengstschläger widerspricht der Vorstellung, der Mensch sei bloß das Produkt seiner Gene. Gerade in Österreich begegne ihm häufig die Frage, ob Eigenschaften „angeboren“ seien. Dahinter stehe oft die Haltung: Daran könne man ohnehin nichts ändern. Für ihn greift diese Sichtweise viel zu kurz. „Gerade bei Talenten und Begabungen ist der Mensch nicht auf seine Gene reduzierbar“, betont er. Lernen, Üben und persönliche Erfahrungen spielten eine enorme Rolle. Die Gene seien dabei Voraussetzungen, aber kein Schicksal.

Auch beim Altern zeigt sich für ihn dieses Zusammenspiel. Neue Studien würden zwar belegen, dass Gene für ein langes Leben wichtiger seien als lange angenommen. Gleichzeitig könne jeder Mensch selbst enorm viel beeinflussen durch Ernährung, Bewegung, Vorsorge und Lebensstil. „Das ist ein typisches Beispiel dafür, dass wir nicht nur von Genen abhängen, sondern es eine Wechselwirkung ist von Genen und Verhalten.“ Diese Sichtweise lebt er auch selbst, achtet auf einen gesunden Lebensstil und sucht regelmäßig Vorsorgeuntersuchungen auf. „Darin liegt die Chance, um ein langes gesundes Leben zu führen“, betont der Genetiker.

Seine nächsten Ziele liegen wieder dort, wo Zukunft entsteht: in der Forschung. Besonders intensiv arbeitet sein Team derzeit in der Stammzellforschung. Mithilfe sogenannter Organoide – künstlich gezüchteter Mini-Organe – simulieren Forscher biologische Prozesse, um besser zu verstehen, wie genetische Veränderungen Organe beeinflussen.

Parallel dazu beschäftigt er sich mit der Frage, wie KI genetische Diagnostik verbessern kann. „Dabei arbeiten wir daran, mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz Genomdaten auszuwerten, um Krankheiten zu erkennen.“ Die Verbindung aus Genetik, Datenanalyse und Medizin könnte die Gesundheitsversorgung der Zukunft grundlegend verändern. Dabei ist er sich stets bewusst, dass Wissenschaft nie Selbstzweck sein darf. Sie müsse den Menschen dienen. Und genau darin liegt wohl das Zentrum seines Denkens: Der Mensch ist mehr als seine biologische Ausstattung. Gene können Risiken beschreiben, Möglichkeiten eröffnen und Krankheiten erklären. Aber sie erzählen nicht die ganze Geschichte. „Die Gene spielen eine Rolle, aber unsere Geschichte schreiben wir selbst“, betont er.

Exklusive Verlosung

Ärzt*in für Wien - Das Online-Magazin verlost ein Exemplar von Markus Hengstschlägers Buch „Die Lösungsbegabung“. 

Teilnahme: 

Senden Sie uns eine E-Mail an pressestelle@aekwien.at mit dem Betreff „Genetik online“. Verlost wird nach dem Prinzip „First Come, First Served“. Bitte beachten Sie, dass wir Ihren vollen Namen, E-Mailadresse sowie Mobil- oder Telefonnummer benötigen. Nur bei Vollständigkeit der Daten kann am Gewinnspiel teilgenommen werden. Die Gewinnerin beziehungsweise der Gewinner wird bis spätestens 30. Juni 2026 verständigt. 
 

Mann mit großem Nussknacker
„Gerade bei Talenten und Begabungen ist der Mensch nicht auf seine Gene reduzierbar.“
Mann mit Brille
Markus Hengstschläger leitet das Zentrum für Pathobiochemie und Genetik an der MedUni Wien.
Foto: Udo Titz
 
© Ärztin für Wien | 09.06.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/index.php/panorama/markus-hengstschlaeger-der-mensch-hinter-den-genen