„Wir sind Teamplayer aus Begeisterung und Überzeugung“, sagt Claudia Ernstberger über das Referat „Betriebsärzt*innen, Arbeitsmedizin und Ärzt*innensicherheit“. Sie leitet das Referat seit einigen Jahren in der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, momentan gemeinsam mit Markus Putz, Assistent in Ausbildung zum Facharzt für Anästhesie und Arbeitsmediziner und Susanne Witkowski, die wie Ernstberger ebenfalls Allgemein- und Arbeitsmedizinerin ist. „Für uns sind Veranstaltungen, Weiterbildungen und hier vor allem die Qualitätszirkel wesentlich. Es geht um Austausch auf Augenhöhe mit den Kolleginnen und Kollegen. Das wird auch sehr gut angenommen“, erzählt Ernstberger. Eine hochkarätig besetzte Veranstaltung fand zuletzt in der Kammer statt: Die Chefärztin der Wiener Polizei, Patricia Fous-Zeiner, sprach über das Thema „Gesundheitliche Eignung zur Lenkung von KFZ im Beruf“.
Gesundheit und Wohlbefinden als Basis für Leistungsfähigkeit
Die Arbeitsmedizin versteht sich als Dreh- und Angelpunkt für die Gesundheit aller Mitarbeitenden und als Ansprechpartnerin für sämtliche Gesundheitsthemen. Ein wichtiger Aspekt dabei ist: Gesundheit und Wohlbefinden sind die Basis für Leistungsfähigkeit. Arbeitsmedizin ist also für den Arbeitgeber ein ebenso wichtiges Asset wie für die Mitarbeitenden. „Das lässt sich auch ganz klar belegen: Jeder Cent, der hier investiert wird, kommt mindestens doppelt wieder retour. Alle Studien zu diesem Thema zeigen das. Der Return on Investment ist hoch“, so Ernstberger.
Das Fach ist ein weites Feld mit vielen Umbrüchen. Spürbar ist etwa die starke Zunahme psychischer Erkrankungen und Störungen wie etwa ADHS. Ein weiteres aktuell brandheißes Thema ist daher aktuell auch die Medikation und Arbeitsfähigkeit. „Wenn wir allen Menschen, die komplexe medikamentöse Therapien einnehmen, untersagen, ihren Job auszuüben, den sie bei guter medikamentöser Einstellung problemlos und gut machen, hat nicht nur der Arbeitsmarkt ein Problem. Es fiele für eine große Zahl an Menschen auch die mental stabilisierende Funktion der Erwerbstätigkeit weg“, bringt Ernstberger das Problem auf den Punkt. Der Balanceakt aus ärztlicher Verschwiegenheit, die auf keinen Fall ausgehöhlt werden darf, und der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers ist hier besonders schwierig. Auch der Mangel in der allgemeinmedizinischen Versorgung macht sich in den Betrieben stark bemerkbar und geht Hand in Hand mit Präsentismus, sprich, trotz Erkrankung zur Arbeit zu gehen. Üblicherweise beschäftigt sich die Arbeitsmedizin aber mit dem genau Gegenteiligen: „Wir haben einen wesentlichen Vorteil: Die Betreuung gesunder Menschen steht bei uns im Vordergrund, noch dazu im Arbeitskontext, wo Informationen etwa rund um Prävention besser angenommen werden als im Privaten. Wir können hier sehr viele Themen sehr gut vermitteln und bekommen zum Glück die nötige Aufmerksamkeit“, streicht Ernstberger die Rolle der Arbeitsmedizin im Public Health Kontext hervor.
„Sitzen ist das neue Rauchen“
Die häufigste Berufskrankheit ist Schädigung durch Lärm. Lärm ist insofern problematisch, weil ein entsprechender Gehörschutz meist zu spät angewendet wird, nämlich dann, wenn schon Schäden aufgetreten sind. „Das Traurige und eigentlich Vermeidbare dabei ist: Die Lebenserwartung bei Lärmschwerhörigkeit ist um Jahre verkürzt. Lärmschwerhörigkeit kann zu sozialen Problemen und Depressionen führen. Außerdem steigt das Demenzrisiko. All das tritt aber meist erst in der Pension ein, deswegen sind wir bei diesem Thema oftmals zu spät dran. Bis zu 20 Prozent der Bauarbeiter sind von Höreinschränkungen betroffen. Es gilt daher, einen gut passenden Gehörschutz zu finden, der für die Arbeitssituation der jeweiligen Trägerinnen und Träger so gestaltet ist, dass er zuverlässig verwendet wird“, so Ernstberger. Im Bürobereich trifft der Satz „Sitzen ist das neue Rauchen“ ins Schwarze, Rückenbeschwerden gehören hier zum Berufsleben mittlerweile fast dazu. Effizientestes Gegenprogramm ist dabei Bewegung, sie ist zudem kostengünstig und für jeden machbar. Das Referatsteam empfiehlt ganz klar, dafür Pausen einzulegen: „Bewegung muss enttabuisiert werden. Wir alle sind von klein auf dazu angehalten, still an unseren Tischen zu sitzen. Nur dann gilt man als fleißig arbeitend oder lernend. Dieses Bild sitzt tief. Dabei ist ein Bewegungsprogramm zwischendurch, und sei es nur kurzes Arme kreisen oder hinüber zu den Kolleginnen und Kollegen zu gehen, statt eine Mail zu schreiben, auch für die Konzentration wichtig!“ Mittlerweile gibt es viele Anregungen und Angebote, wie Unternehmen mehr Bewegung trotz eng getaktetem Arbeitsalltag fördern können. Dazu zählen etwa „bewegte“ Sitzungsräume mit ergonomischen Möbeln, die zu Haltungswechseln und mehr Bewegung anregen. „Man muss sich auf jeden Fall bewusst machen: zehn bis 15 Jahre einen Vollzeitjob am Schreibtisch ohne Begleitmaßnahmen zu machen hält keine Wirbelsäule aus“, so der Appell aus dem Referat.
Nächste Veranstaltungen des Referats:
Dienstag, 27. Oktober 2026
Arbeitsmedizin – eine vielseitige und spannende Tätigkeit: Informationsveranstaltung zur Ausbildung und Tätigkeit als Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner
Dienstag, 1. Dezember 2026
Augenheilkundliche Aspekte in der Arbeitsmedizin – korrekte Verschreibung von Sehbehelfen
Veranstaltungsort ist jeweils die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien.
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