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Medicus et Musicus: Ein Chirurg mit Taktgefühl

Karl Christian Rabitsch, 75, wollte in jungen Jahren Karriere als Musiker machen, doch dann kam ihm die Medizin in die Quere. Er legte seine Drumsticks für eine Zeit nieder und schlüpfte in den Arztkittel. Trotz Pension hilft er ehrenamtlich in einem Spital auf den Kap Verde Inseln aus und – gar nicht so selten – hört man ihn in einer Jazz-Formation.

David Hell
Ein Mann blickt in die Kamera - hinter ihm sind Bäume zu sehen.
Karl Christian Rabitsch fühlt sich im Ensemble am wohlsten - in der Medizin und Musik.
Foto: David Hell

Karl Christian Rabitsch, von offizieller Seite Karl und von seinen Freunden und Verwandten Christian genannt, wuchs teilweise in bescheidenen Verhältnissen auf. Der Vater war früh verstorben und hinterließ seine Frau mitsamt drei kleinen Buben: acht, fünf und zwei Jahre. Einer davon war Karl Christian, der Erstgeborene. Die junge Familie lebte in einer Zwei-Zimmerwohnung mit Küche und Toilette am Gang in der Sandleitengasse in Ottakring. Das kleine Radio in der Küche öffnete den Weg zur Welt hinaus. Die drei Brüder hingen förmlich an den neuen Klängen der Beatles, Rolling Stones und Beach Boys. „Diese Art der Musik war für mich und meine kleineren Brüder ein Erweckungserlebnis, manchmal sangen wir vor dem Einschlafen zusammen“, sagt Rabitsch.

Das Musikvirus infizierte das Rabitsch-Trio und so wurden aus den Zuhörern selbst Musiker: Karl Christian begann in einer Schülerband, erhielt Schlagzeugunterricht und studierte drei Jahre lang Jazz-Schlagzeug am Wiener Konservatorium. Sein Bruder Bernhard ist Trompeter und Sänger bei namhaften Bands geworden. Thomas, der Jüngste von den Dreien, ist zu einem der einflussreichsten Musikproduzenten des Landes und Keyboarder der Musikszene aufgestiegen. Die Brüder spielten in unterschiedlichen Bands – und teilweise zusammen unter anderem bei „Spinning Wheel Showband“, oder bei „Drahdiwaberl“, wo sie viele Jahre Seite an Seite mit dem wohl bekanntesten musikalischen Aushängeschild Österreichs waren: Falco. Zusammen mit ihm hinterließen sie noch den Hit „Ganz Wien“. Für Karl Christian war das eine Zäsur, die Brüder gingen fortan getrennte musikalische Wege. Privat aber blieben sie ein enges Ensemble. Und so teilen sie sich bis heute ein Haus.

Ein Mann sitzt bei seinem Schlagzeug - die Aufnahme ist aus den 1980er Jahren und daher schwarz-weiß.
Karl Christian Rabitsch am Schlagzeug der Punk-Rock-Band „Drahdiwaberl“, bei der auch Falco mitgespielt hat. / Foto: privat

Falco, Nachtfalke und Nachtdienst
Nach der Matura 1969 am Gymnasium Maroltingergasse begann Karl Rabitsch zwei Studien: eben Musik und dazu noch Humanmedizin an der Universität Wien. Zu der Zeit  spielte er in mehreren Jazzformationen, zum Beispiel mit dem Albert Mair Quartett. Um sich finanziell über Wasser zu halten, spielte er unter anderem in einem Bar-Trio im Cabaret Fledermaus, das Gerhard Bronner gehörte. Bis die nächtlichen Auftritte, vernebelt durch Zigarettenrauch und Whiskeydunst, vorüber waren und Rabitsch endlich zu Hause ankam, lugte zumeist schon die Sonne am Horizont hervor. „Und da habe ich mir gedacht, das ist doch ungesund, jetzt mache ich Medizin fertig und führe ein geordneteres Leben. Nicht ahnend, dass ich später als Unfallchirurg noch mehr Nachtdienste verrichten musste“, sagt Rabitsch lächelnd. Warum er sich ausgerechnet zum Unfallchirurgen ausbilden ließ, schildert er so: „Während des Turnus an der Chirurgischen Abteilung mit Unfallchirurgie im Wilhelminenspital habe ich die Chance bekommen, den zuständigen Arzt für sechs Wochen im Gipszimmer vertreten zu dürfen. Und das hat mich fasziniert – Brüche einrichten, gipsen und modellieren, alles nach der Böhler-Schule. Vermutlich wäre ich kein guter Internist oder Psychiater  geworden, das Handwerkliche war aber genau meine Zukunft. Und aus diesem Grund habe ich mit der Unfallchirurgie-Ausbildung begonnen.“

Mitten im Bürgerkrieg
1986 war Rabitsch mit der Ausbildung fertig und startete als Facharzt für Unfallchirurgie im Wilhelminenspital (Klinik Ottakring), wo er im Wesentlichen bis zu seiner Pensionierung als Oberarzt tätig war. Mehrmals rief ihn die weite Welt. Ein guter Kollege und Freund machte ihn auf die Arbeit beim Internationalen Roten Kreuz aufmerksam und er bewarb sich. „Und so war ich 1995 und 1997 im Norden von Kenia jeweils für mehrere Monate in einem kleinen Ort namens Lokichoggio an der Grenze zum Südsudan“, sagt Rabitsch. Im Sudan herrschte Bürgerkrieg und die Verwundeten mussten chirurgisch versorgt werden. „Es war ein lehrreiches und aufregendes Erlebnis, wie man mit einfachen Dingen, aber einem ausgeklügelten System gute Erfolge erzielen kann“, erzählt Karl Rabitsch. In einem großen Feldlazarett wurden die Verwundeten versorgt und in einem gemauerten Trakt wurde auf vier OP-Tischen in einem Raum operiert. „Wie am Fließband lief das ab. Aber wir hatten ein großartiges internationales Team. Andererseits habe ich die Folgen eines erbarmungslosen Krieges gesehen, um so mehr verachte ich heute zutiefst Kriegsverbrecher, die ein Land überfallen und für Millionen Tote verantwortlich sind.“

Ein Blick in den OP-Saal in einem Spital auf den Cap Verde Inseln.
Karl Christian Rabtisch im OP-Saal im Spital auf der Hauptinsel Santiago auf Cap Verde. / Foto: privat

Später verschlug es ihn auf die andere Seite Afrikas, den Westen, nach Cap Verde. Anfang der 2000er Jahre war die einstige portugiesische Kolonie noch ein Entwicklungsland. Gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Hans Kohlmann aus dem Wilhelminenspital starteten sie 2002 das Hilfsprojekt „Cosmas“ – einem auf Spenden angewiesenen gemeinnützigen Verein, dessen Vorstand er bis heute angehört und der sich seit Bestehen darauf konzentriert hat, die Ortho-Trauma-Abteilung des zentralen Krankenhauses auf Santiago, der größten Kap-Verde-Insel, mit Material und Wissen zu unterstützen. In der Folgezeit organisierten und transportierten sie große Mengen an Material, weil es einfach zu wenig moderne Instrumente und Implantate gab. Dafür wurden alle Spitäler in Wien angefragt, um aussortiertes aber noch voll brauchbares Material zu bekommen. Mittlerweile haben engagierte Anästhesisten die Führungspositionen im Verein übernommen, sodass die Kooperation mit dem Spital fächerübergreifend gewachsen ist.

Ein Arzt sitzt neben einer jungen Patientin, die gerade einen Gips am linken Arm bekommen hat.
Karl Christian Rabitsch mit einer jungen Patientin, deren linker Arm gerade eingegipst wurde. / Foto: privat

„Seit 2003 war ich schon 20 Mal auf Cap Verde. Mittlerweile kann sich das Spital auf Cap Verde viele Materialien selbst besorgen, denn aus dem einstigen Dritte-Welt-Land ist ein Schwellenland geworden mit boomendem Tourismus. Wir helfen dabei, dass die ansässigen Ärztinnen und Ärzte möglichst selbstständig werden und gar nicht mehr unsere Hilfe benötigen. Der Großteil der Spenden ist der Ausbildung und Fortbildung des Personals gewidmet. Immerhin konnten zwei Kollegen mit Unterstützung des Spitalsträgers in Wien eine Fachausbildung absolvieren.“

Ende November fliegt Rabitsch wieder für drei Wochen nach Cap Verde: „Wissen Sie, ich finde nicht, dass ich was besonderes mache. Wir sind sehr privilegiert, in Mitteleuropa zu leben und, bei aller Kritik haben wir im Vergleich ein sehr gutes Gesundheitssystem. Ich möchte nur ein wenig von dem Glück und der Freude, die ich an der Sache hatte, an ein Land, einen Kontinent weitergeben, der über Jahrhunderte ausgeplündert wurde und dem wir einen Teil unseres Wohlstandes verdanken. Ich möchte nur ein wenig von dem Glück und der Freude, die ich an der Sache hatte, weitergeben. Was mir immer wichtig war, oder auch noch ist: das harmonische Teamwork aller Beteiligten bei der Behandlung von Patientinnen und Patienten im OP, in der Ambulanz oder auf der Station.“ Im Ensemble müssen eben alle zusammenwirken – in der Musik als auch in der Medizin. Nicht zuletzt möchte ich mich bei meiner Frau und Tochter bedanken, dass sie mich in allen meinen Tätigkeiten unterstützt haben.“

 

Ein Mann der am Schlagzeug sitzt lächelt gerade in die Kamera.
Am Schlagzeug des renommierten und jazzigen Albert-Mair-Trios. / Foto: privat

COSMAS – Verein für medizinische
Entwicklungsarbeit
Der Verein „COSMAS – Verein für medizinische Entwicklungsarbeit“ ist eine Non-Profit-Organisation, die sich aus Spendengeldern finanziert. Wer ehrenamtlich mitarbeiten möchte, kann sich unter www.cosmas.at mit den Verantwortlichen in Verbindung setzen. Info vorab: Jede/jeder, die/der für Cosmas nach Cap Verde fliegt, trägt die Kosten für Flug und Aufenthalt selbst.

„Ich finde nicht, dass ich etwas besonderes mache. Ich möchte nur ein wenig von dem Glück und der Freude zurückgeben, die ich hatte.“