Auch die, die helfen, brauchen Hilfe: das ist die Kernbotschaft von „Second Victim“. Der Verein wurde 2021 von der Anästhesistin Eva Potura als psychosoziale Entlastung für medizinisches Personal nach Fehlern und potentiell traumatisierenden Erlebnissen in der Patientenversorgung gegründet. Das Echo war enorm, derartige Angebote wachsen seither stetig.
Eva Kaiserseder
Belastende und psychisch außerordentliche Situationen sind im Alltag derjenigen, die im Gesundheitssystem arbeiten, omnipräsent.
Foto: Unsplash
„Alle, die im Gesundheitsbereich arbeiten, kennen menschlich belastende Situationen, die nahegehen und Menschen an ihre eigenen Grenzen, teils sogar darüber hinaus, bringen. Auch Fehler passieren dabei natürlich. Sie lassen sich trotz aller Maßnahmen nicht immer verhindern. Entscheidend ist, aus belastenden Ereignissen zu lernen und mit diesen Situationen einen gesunden Umgang zu finden “, erzählt die Ärztin Eva Potura von ihren Beweggründen, den Verein „Second Victim“ ins Leben zu rufen. Betroffene aus dem Gesundheitswesen bekommen dabei unkompliziert, niederschwellig und anonym Hilfe. Essenziell ist: Kein Problem ist dabei zu unwichtig. Oft braucht es nämlich gar nicht viel, um kurz aus dem Tritt zu kommen: Schon eine vermeintlich falsche Einschätzung bei einer Routinediagnose an einem stressigen Tag oder eine Unsicherheit noch bevor ein Fehler passiert kann seelisch belastend sein.
Eva Potura ist Anästhesistin, hat den Verein „Second Victim“ gegründet und leitet mittlerweile die Abteilung für Qualitätssicherung und Patientensicherheit bei der Gesundheit Österreich (GÖG). Foto: R. Ettl
Der Begriff „Second Victim“ ist noch relativ jung. In den USA wurde er im medizinischen Kontext erstmals um 2000 von Albert Wu, Internist am Johns Hopkins Hospital, verwendet. Mit „First victims“ sind die unmittelbar Betroffenen von Behandlungsfehlern gemeint, also die Patientinnen und Patienten. Daneben gibt es aber die "Second victims", das handelnde Personal, das von den Folgen teils traumatisiert und psychisch belastet wird. Dieses Phänomen ist keine Seltenheit, ganz im Gegenteil: Es ist weltweit verbreitet und gehört zum medizinischen Alltag, sowohl im Spital als auch in der Niederlassung.
Stich ins Wespennest
Auch Potura, die damals als Anästhesistin arbeitete, kannte das Thema aus eigener Erfahrung bestens: „Der genaue Anlass zu sagen, hier muss etwas passieren, war ein konkreter Vorfall, wo danach Tränen einfach weggewischt worden sind und weitergearbeitet wurde. Dabei habe ich wieder einmal gemerkt, mit wie vielen belastenden und psychisch außerordentlichen Situationen wir uns als Arbeitende im Gesundheitssystem eigentlich auseinandersetzen müssen. Und dass es keine anonyme, klare Anlaufstelle für uns gibt, wo wir diese Last, die wir schultern, teilen dürfen.“ Damit war die Idee von „Second Victim“ geboren. Der Verein stieß, auch durch die starken Belastungen der damaligen Pandemie befeuert, sofort auf viel Echo in der Kollegenschaft. Auch Menschen, die ehrenamtlich mitarbeiten wollten, meldeten sich zahlreich. „Ich war zu Beginn skeptisch, weil ich vermutet habe, dass man über Belastungen lieber nicht sprechen möchte, weil es heikel sein könnte. Dabei war es ein absoluter Stich ins Wespennest und wir haben sofort extrem viel Zulauf gehabt“, erinnert sich Potura an die Anfänge der privat gegründeten Initiative.
Die Zahlen sind dabei bedrückend und sprechen für sich: Eine Studie des Vereins unter heimischen Kinderärztinnen- und -ärzten aus 2023 zeigt, dass sich 89 Prozent der Befragten schon als „Second Victims“ erlebt haben. Bei knapp einem Fünftel dauerte die vollständige Erholung länger als als ein Jahr. In der Pflege identifizierten sich 82 Prozent als Sekundäropfer. Aggressives Verhalten von Patienteninnen und Patienten oder Angehörigen war dabei Hauptgrund.
Mittlerweile leitet Potura die Abteilung für Qualitätssicherung und Patientensicherheit bei der Gesundheit Österreich (GÖG) und betont die Wichtigkeit einer konstruktiven Fehlerkultur im Gesundheitswesen, den Verein leitet sie nach wie vor ehrenamtlich. Es geht dabei darum, den Betroffenen Mittel und Wege zu zeigen, mit Konsequenzen und Belastungen umzugehen und Sinnvolles aus den Situationen mitzunehmen. Gerade in Österreich sei das Thema noch stark von hierarchischem Denken, wenig Transparenz und Schuldzuweisungen geprägt, weiß die „Second Victim“-Gründerin, die einen Teil ihrer Ausbildung in England gemacht hat und dort einen viel unverkrampfteren und freieren Umgang mit Fehlern erlebt hat.
Peer-Support und Kollegiale Hilfe
Wichtig war bei der Vereinsgründung, den Zugang zu den Angeboten möglichst niederschwellig zu gestalten. Konkret kann man sich als hilfesuchende Person ganz unkompliziert einen Termin für ein Erstgespräch per Telefon oder E-Mail ausmachen, anonym und ohne Zeitdruck. Und oft reicht schon das, um eine deutliche Entlastung zu erzielen. Zusätzlich gibt es das Angebot, in einem nächsten Schritt mit Psychotherapeutinnen und -therapeuten zu sprechen oder eine Supervision in Anspruch zu nehmen, auch das unter Zusicherung absoluter Anonymität. Mehr als 260 Beratungseinheiten hat der Verein mit Unterstützung des Wiener Städtischen Versicherungsverein bereits zur Verfügung gestellt. „Sehr wichtig ist auch der so genannte Peer Support“, erklärt Potura. Dabei wird kollegiale Unterstützung bei psychisch belastenden Situationen durch ausgebildete Peers geboten, die für Betroffene da sind und sie professionell begleiten. Der Verein hat bereits mehr als 50 Peers ausgebildet. Und auch abseits von „Second Victim“ hat sich in Wiens Spitälern einiges bewegt, was psychosoziale Angebote betrifft. Als Vorreiterin bei diesem Thema gilt dabei die Klinik Hietzing, die das Leuchtturmprojekt „KoHi-Kollegiale Hilfe“ 2019 ins Leben gerufen hat, ebenfalls ein auf Peer-Support basierendes Konzept. „Derartige Supportsysteme senken die Hemmschwelle beim Personal enorm, sich Hilfe zu suchen. Man kann sich nämlich direkt an dafür ausgebildete Kolleginnen und Kollegen vor Ort wenden. Natürlich ist hier aber noch viel Arbeit nötig“, fasst Potura den Status Quo zusammen.
Fakten zum Verein
„Second Victim“ wurde 2021 als Verein gegründet. Das ehrenamtlich arbeitende Team setzt sich aus Menschen unterschiedlichster Sparten zusammen, die etwa aus Gesundheitsberufen, Psychotherapie, Forschung oder Krisenintervention kommen. Niederschwellige Beratung und Informationsmaterial ohne Arbeitgeberbindung gehört zu den Kernaufgaben des Vereins. Ziel ist es, Betroffene nach belastenden Ereignissen schnell, vertraulich und auf Augenhöhe zu unterstützen. „Second Victim“ stellt konkrete Hilfsangebote kostenfrei, anonym und arbeitgeberunabhängig zur Verfügung und bietet zudem Fortbildungen, Awareness- und Öffentlichkeitsarbeit an.
„Ich habe wieder einmal gemerkt, mit wie vielen belastenden und psychisch außerordentlichen Situationen wir uns als Arbeitende im Gesundheitssystem an einem ganz durchschnittlichen Tag eigentlich auseinandersetzen müssen. Und dass es keine anonyme, klare Anlaufstelle für uns gibt, wo wir diese Last, die wir schultern, teilen dürfen.“
Eva Potura über die Vereinsgründung von „Second Victim“