Sie ist Buchautorin, Kabarettistin, Podcasterin und hat Alkoholsucht inklusive Burn-out hinter sich gelassen, er ist einer der renommiertesten Suchtexperten des Landes: Verena Titze und Michael Musalek. Das medial präsente Duo arbeitet nicht nur zusammen, sondern ist auch freundschaftlich verbunden.
Eva Kaiserseder
Verena Titze und Michael Musalek haben den gemeinsamen Podcast „Im Rausch des Lebens" 2023 gegründet.
Foto: Michaela Obermair
„Im Rausch des Lebens“ heißt der gemeinsame erfolgreiche Podcast von Verena Titze und Michael Musalek. Der Name ist so doppeldeutig wie zutreffend. „Ich bin jetzt über fünf Jahre nüchtern und was mich in dieser Zeit sehr gestärkt hat, ist diese Arbeit, die ich mache. Weil ich mein größtes Leid in meine größte Stärke verwandelt habe. Über Sucht und Burn-out so offen unter anderem in unserem Podcast zu sprechen und damit anderen helfen zu können, macht mich sehr stark. So eine Reise legt man natürlich nicht in ein paar Monaten zurück, das hat Jahre gedauert“, fasst Verena Titze zusammen, wo sie aktuell steht. Lange hatte sich die in Wien lebende frühere PR-Beraterin über ihr Image als wilde Grenzgängerin definiert. Endlose Arbeitstage in der Medienbranche werktags, ebenso endloses Feiern am Wochenende. „Ich war eine Person, die im Job alles gegeben hat und in der Freizeit das enthemmte Partygirl war. Das entsprach meinem Selbstbild, daran habe ich meine Identität geknüpft. Dass ich ein schweres Burn-out hatte und alkoholkrank war, habe ich damals ja nicht so empfunden. Mir selbst die Sucht einzugestehen, war ein riesiger Sprung“, erzählt sie aus dieser Zeit, die sie schlussendlich für drei Monate in die Alkoholreha und knapp danach in die Burn-out-Klinik gebracht hat. Längst ist das Image vom suchtkranken Menschen als Existenz am Rande der Gesellschaft dabei passé, viele trinken, um in einer permanent (über)fordernden Umgebung zu funktionieren. Egal ob junge Mutter mit Mehrfachbelastung oder High-End-Performer im Büro.
Verena Titze: „Ich war jemand, die im Job alles gegeben hat und in der Freizeit das enthemmte Partygirl war. Das entsprach meinem Selbstbild.“ Foto: Michaela Obermair
Zwischen Tabu und Normalität
„Die Grenze zur Alkoholkrankheit ist für jeden von uns schleichend, egal ob als Betroffene oder Betroffener oder in der Außensicht“, so Michael Musalek, der fast 20 Jahre lang Primar am Anton-Proksch-Institut, Österreichs wohl bekanntester Suchtklinik, war. Ein Grund dafür? Für Österreichs Bevölkerung ist das Trinken absolute Normalität. Mit durchschnittlich 11,3 Litern reinem Alkohol pro Kopf und Jahr liegt das Land im Spitzenfeld der OECD-Staaten und zudem deutlich über dem EU-Durchschnitt. 90 bis 95 Prozent trinken regelmäßig, allerdings kontrolliert und in Maßen. Bei Jugendlichen lässt sich gar ein Rückgang des Alkoholkonsums bemerken, Stichwort „Sober Curious“ statt Komasaufen. Was für Musalek bei all dem der entscheidende Faktor ist: Die ungebremst hohe Verfügbarkeit von Alkohol in Österreich. Problematisch wird es konsequenterweise daher auch nicht bei der Menge, sondern bei Regelmäßigkeit und Zweck. Ein akutes Alarmzeichen ist etwa, wenn Alkohol mehr Selbstmedikation als Genussmittel wird. Sprich, zur Beruhigung dient oder um den stressigen Job mit Dauerverfügbarkeitsanspruch auszuhalten. „Es gibt zudem eine recht simple Gretchenfrage, um herauszufinden, wo jemand in Sachen problematischem Konsum steht: Man fragt sie oder ihn, ob schon einmal versucht wurde, den Alkohol zu reduzieren oder gar wegzulassen. Wenn jemand daran schon ein paar Mal gescheitert ist, dann weiß ich als Arzt Bescheid. Eine Diagnostik ist das natürlich keine, aber ein guter Anhaltspunkt“, so Musalek.
Champagner unterm Weihnachtsbaum
Für Verena Titze war der „Point of no Return“ 2020 erreicht. Sie hatte einen Zusammenbruch und beschloss, einen Alkoholentzug zu machen. Diese Zeit war extrem prägend für sie. „Es war so eine Erleichterung, als ich dann in diesem Safe Space war, in Sicherheit, mitten in der Pandemie, in guten Händen und dort jegliche Verantwortung abgeben konnte. Nicht einmal Besuche waren aufgrund der Situation möglich. Man setzt sich dort also gezwungenermaßen mit seinen Dämonen auseinander, die man davor sehr erfolgreich weggetrunken hat. Das Craving, dieses schier unstillbare Verlangen nach dem Suchtmittel, war ein Dauerbegleiter und gleichzeitig bin ich jeden Tag im Wald spazieren gegangen, war viel in der Natur und alles hat sich nach Erwachen angefühlt. Gefühle, die man jahrelang nicht gespürt hat, sind plötzlich wieder aufgetaucht. Dunkles und Wundervolles haben gleichzeitig nebeneinander existiert. Und trotzdem ich für mich mutig diesen Schritt gegangen bin, gab es beim Darüberreden noch viel Scham. Ich war zum Beispiel offiziell auf Kur, nicht im Entzug“, rekapituliert sie diese Zäsur in ihrem Leben. Nach Wien zurückzukehren, in den gewohnten Alltag, aber ohne vertraute Rituale von früher, war für Titze eine absolute Herausforderung: „Alkohol ist omnipräsent. Überall gibt es Bars, in jedem Supermarkt ist er zu finden. Eine Situation ist mir aus dieser Zeit ganz besonders in Erinnerung geblieben: Es gab Champagner unter dem Weihnachtsbaum meiner Familie und alleine der Geruch hat bei mir ein extremes ‚Wie soll ich das bloß aushalten?‘-Gefühl ausgelöst. Die ersten Wochen zuhause, das war der schwierigste Kampf, viel schwieriger noch als die Reha.“ Titzes erster fiktiver Roman „Gin Boom“ (Gewinnspiel siehe unten) handelt genau davon: Wie sich der neue, nüchterne Alltag in gewohnten Gefilden anfühlt und welche Hürden dort auftauchen. Helena, die Protagonistin, kehrt nach ihrem Alkoholentzug wieder in ihren angestammten Beruf als PR-Frau zurück. „Ich habe mit ihr eine Figur entworfen, die ganz klar erfunden ist, aber natürlich konnte ich einiges aus meinen eigenen Erfahrungen dafür verwenden. Helena kämpft zwar mit vielen Dämonen – alle Figuren in dem Roman tun das – aber sie lässt ihre Schwächen zu und wächst daran“, erzählt sie vom Schreibprozess.
Michael Musalek: „Bei einer regelmäßigen Behandlung können wir davon ausgehen, dass bei 80 Prozent der Betroffenen Symptomfreiheit über lange Zeit erreicht werden kann.“ Foto: Michaela Obermair
Alkoholsucht kommt nie alleine
Was auffällig ist: Der Konnex zwischen psychischen Krankheiten und Alkoholsucht. Auch bei Verena Titze gab es diese fast klassische Verbindung. Die Alkoholsucht tauchte parallel mit Burn-out und Depression auf. „Eine Alkoholkrankheit kommt nie alleine. Als über 40 Jahre in diesem Bereich tätiger Arzt sage ich aus Erfahrung: Das gibt es nicht. Eine Fülle von psychischen Erkrankungen begleitet die Alkoholsucht. Sehr häufig sind Depressionen der Ausgangspunkt dafür. Depressiven Menschen ist alles zu viel, sie sind extrem schnell überfordert. Alkohol nimmt sofort und unmittelbar Spannungsgefühle und Angst. Wenn man die Dosis erhöht, wirkt er allerdings stark depressiogen. Ein Teufelskreis“, merkt Musalek an. Für Titze war es dabei deutlich schwerer, ihre Ängste und Depressionen zu besiegen als den Alkohol an sich. „Und dabei dachte ich, nichts kann schwieriger sein als das. Es stellte sich heraus: Die Alkoholsucht zu bekämpfen war erst der Anfang“, sagt sie. Für den Mediziner Musalek ist es in diesem Zusammenhang extrem wichtig zu betonen, wie gut und erfolgreich Alkoholsucht zu behandeln ist: „Ja, es ist eine chronische Krankheit. Aber das Vorurteil, dass es eine chronische Krankheit mit schlechter Prognose ist, stimmt nicht. Bei einer regelmäßigen Behandlung können wir davon ausgehen, dass bei 80 Prozent der Betroffenen Symptomfreiheit über lange Zeit erreicht werden kann. Das schafft man bei keiner anderen chronischen Krankheit.“
Kennengelernt haben sich Musalek und Titze übrigens auf denkbar unkomplizierte Art und Weise. „Ich war ein richtiges Fangirl und habe mir aus der Ferne durch Professor Musaleks Vorträge über Sucht Kraft geholt. Und irgendwann habe ich ihm dann spontan ins Blaue hinein eine Mail an seine Universitätsadresse geschrieben. Der Betreff lautete ‚Junge Alkoholikerin sendet begeisterte Grüße‘. Damit habe ich ihn zu meinem ersten Kabarettprogramm ‚Burnt.Out‘ eingeladen und gar nicht mit einer Antwort gerechnet“, erinnert sich Titze. Es kam bekanntlich anders. Getroffen haben sich die beiden dann das erste Mal im Wiener Traditionscafé Sperl und schnell stand fest: Die Chemie stimmt. „Wir haben sehr bald einige Ideen gehabt, um das Stigma Alkohol ganz praktisch aufzubrechen und die breite Masse unkompliziert zu erreichen. Unter anderem entstand daraus später der Podcast ‚Im Rausch des Lebens ‘“, erzählt Musalek. Besagter Podcast stieß schnell auf breites mediales Echo und wurde zum Publikumsliebling. Das Konzept der Sendung wurde schließlich mit Ende 2025 fürs Fernsehen adaptiert. „The Gentle People's Club“ läuft seither auf dem Wiener Stadtsender W24 und stellt das Thema psychische Krankheiten und Sucht tabulos und offen in den Fokus. Eines lässt sich jedenfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagen: Es wird nicht das letzte gemeinsame Projekt der beiden gewesen sein.
Gewinnspiel: Verlosung eines Exemplares von „Gin Boom“ (Ueberreuter)
Gewinnen Sie Verena Titzes neues Buch „Gin Boom“ (Ueberreuter). Gewinnspiel-Teilnahme: Bitte senden Sie uns eine E-Mail an pressestelle@aekwien.at mit dem Betreff Betreff „Gin Boom Online“. Verlost wird nach dem Prinzip „first come, first served“. Bitte beachten Sie, dass wir Ihren vollen Namen, E-Mail Adresse sowie Mobil- oder Telefonnummer benötigen. Nur dann kann am Gewinnspiel teilgenommen werden. Die Gewinnerin bzw. der Gewinner werden bis 20. Mai 2026 verständigt.
„Alkohol ist omnipräsent. Überall gibt es Bars, in jedem Supermarkt ist er zu finden. Die ersten Wochen zuhause, das war der schwierigste Kampf, viel schwieriger noch als die Reha.“
Verena Titze
„Eine Alkoholkrankheit kommt nie alleine. Als über 40 Jahre in diesem Bereich tätiger Arzt sage ich aus Erfahrung: Das gibt es nicht. Eine Fülle von psychischen Erkrankungen begleitet die Alkoholsucht.“