Traditionell am ersten Freitag im Dezember findet die forensisch-psychiatrische Tagung statt. „Unsere Themen wählen wir danach aus, was gerade wirklich brennt und was auch medial oft vorkommt. Ziel ist es, diese Themen dann gut sachlich einzuordnen und herunterzubrechen, damit man eine fundierte wissenschaftliche Basis hat“, so Harald David, erster stellvertretender Leiter des Gutachterreferats der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. Vom Jugendstrafvollzug über Femizide oder Attacken auf Menschen mit Migrationshintergrund waren die Vorträge im Dezember breit gefächert und die Tagung bestens besucht. „Das Schöne dabei ist, das nicht nur justizorientierte Ärztinnen und Ärzte dabei sind, sondern auch Psychologinnen und Psychologen oder Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Auch Mitarbeitende aus Rechtsprechung und Strafvollzug sind dabei. Wir sind hier sehr multiprofessionell aufgestellt“, fasst David zusammen.
Ersatzhandlungen und Scheinbefriedigungen
Die globale Gemengelage setzt den Menschen zu, das spürt die psychiatrische Zunft sehr deutlich. „Wir leben in äußerst unsicheren Zeiten und nachdem die Politik nur begrenzt Orientierungshilfe bieten kann, sind die Menschen auf ihre eigenen Ressourcen angewiesen. Und diese Ressourcen sind bei vielen mangelhaft entwickelt“, fasst David den Status quo zusammen. Ausdauer, Konzentrationsfähigkeit, Planungsfähigkeit oder Frustrationstoleranz, alles Eigenschaften, die längst im Abnehmen begriffen sind. „Ich denke, man kann durchaus sagen, dass wir als Gesellschaft einen sehr toleranten Umgang mit Jugendlichen im Speziellen hatten und haben, der Tenor war, alle Bedürfnisse bestmöglich zu erfüllen. Mittlerweile sind die sozialen Umstände aber rauher geworden, viele haben noch nicht gelernt, damit umzugehen“, skizziert David die Ursachen des Phänomens. Was dann passiert, ist die Suche nach Ersatzhandlungen, die Menschen landen auf der Suche nach seelischer und mentaler Unterstützung bei Scheinbefriedigungen wie Alkohol, Drogen oder Glücksspiel. Auch Internet- oder Computersucht seien stetig im Zunehmen. Themen, die die Fachkollegenschaft aktuell ebenfalls umtreiben, sind für David vor allem der nach wie vor grassierende Fachkräftemangel sowohl im therapeutischen als auch gutachterlichen Bereich. Auch das Thema Dokumentation, das viele Ressourcen bindet, brennt. „Ich sehe Kolleginnen und Kollegen, die sehr viel vor ihren Computern sitzen und dass im Kontakt mit den Patientinnen und Patienten vielfach ein Gerät zwischengeschaltet ist, auf das man sich mehr als auf den Menschen konzentrieren muss. Gleichzeitig fehlt aber noch immer zum Beispiel eine vernünftige Nachvollziehbarkeit der Medikation auf elektronischem Weg.“
Planung auf Hochtouren
Was die nächste Tagung bringen wird? „Voraussichtlich werden wir uns mit den vielen Facetten der posttraumatischen Belastungsstörung beschäftigen. Das ist ein inflationär verwendeter Begriff, bei dem es dringend mehr Sachlichkeit bräuchte. Viele Verteidigerinnen und Verteidiger verwenden das Wort Trauma meiner Meinung nach nicht immer zutreffend“, so David zur Themenwahl. Grundsätzlich gelte es, der Pathologisierung von seelischen Zuständen entgegenzuwirken, ein derartiger Sprachgebrauch würde mittlerweile merklich in den Alltag vieler Menschen überschwappen.
Save the date
Die 31. forensisch-psychiatrische Tagung findet am Freitag, 4. Dezember 2026, statt. Themenvorschläge können gerne bis spätestens Ende Mai an das Referat Gutachter der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien gesendet werden.
Kontakt: gutachter@aekwien.at