Kommentar von außen
Kommentar von außen

Das Verbindende als das besondere der Medizin

Die Medizin ist ein außergewöhnlicher Beruf. Wie der mitmenschliche Aspekt in der ärztlichen Arbeit noch genügend Raum trotz wachsender Ökonomisierung bekommt, ist für den Medizinethiker Giovanni Maio wesentlich. 

Giovanni Maio

Die Medizin ist etwas ganz Besonderes. Das gerät im Alltag allzu leicht aus dem Blick, aber wer ärztlich tätig ist, berührt so viele verschiedene Schichten des Menschen und des Lebens, dass man mit Fug und Recht sagen kann, dass die Medizin von ihrer Essenz her eine Verbindungsdisziplin darstellt. Sie verbindet Sichtweisen, Wissensformen, Zielsetzungen, Methoden und Werte miteinander. Diese Perspektive auf die Medizin als einer Verbindungsdisziplin soll im Folgenden vertieft werden, um auf diese Weise der Medizin das zurückzugeben, was sie zu verloren droht, nämlich einen inneren Kompass für ihr tägliches Handeln. Die innere Identität, etwas Verbindendes zu sein, soll in fünf Schritten entworfen werden.

1. Verbindung von Wissensformen
Was weiß die Medizin? So einfach die Frage anmuten mag, sie ist schwer zu beantworten, gerade weil die Medizin keinen eingliedrigen Wissenskanon hat, den man einfach auswendig zu lernen hat, um Medizin zu praktizieren. Medizin ist viel komplexer als ein einziger Wissenskanon übermitteln könnte. Und diese Komplexität der Medizin liegt schlichtweg an der Komplexität der Wissensformen der Medizin. So verbindet die Medizin das formale Faktenwissen, das man im Lehrbuch nachlesen kann, unweigerlich mit einem weniger formalen interpretativen Wissen, das man eben nicht einfach auswendig lernen kann, das aber genauso wichtig ist für die Medizin. Dieses interpretative Wissen ist ein Wissen, das eben nicht Bezug nimmt auf das Laborwissen, sondern es nimmt Bezug auf das Leben selbst. Zentraler Bezugspunkt für dieses Wissen ist eben nicht mehr die Laborwelt, sondern vielmehr die konkrete Lebenswelt. Beim interpretativen Wissen geht es eben um Lebensfragen, es geht um sinnadäquate Fragen, es geht um die Frage nach dem Sinnvollen. Das Labor weiß nichts vom Sinnvollen, aber diese Frage muss beantwortet werden, damit man Medizin praktizieren kann. Daher ist die Medizin eine Verbindung von Wissensformen. Sie verbindet das Labor mit der Lebenswelt, sie verbindet das Erklären eines Symptoms mit dem Verstehen der Bedeutung des Symptoms für das Leben des Patienten.

2. Verbindung von Handlungsformen
Das Besondere in der Medizin liegt darin, dass sie sich einerseits dem zweckrationalen Handeln verschreibt. Sie muss zweckrational denken, um gut handeln zu können, aber im zweckrationalen Handeln geht das Medizinische nicht auf, denn sie muss gleichzeitig auch verständigungsorientiert handeln. Die Medizin muss eben sich erst verständigen, um zu wissen, wie zu handeln ist. Dieses verständigungsorientierte Handeln wird oft unterschätzt, obwohl es die Grundlage für alles ist. Ohne Gespräch lässt sich nämlich keine Indikation stellen, und ohne Zuhören wird man nicht wirklich helfen können.

3. Verbindung von Zielsetzungen
So vorherrschend das Reparaturparadigma in der Medizin ist, das Ziel der Medizin erschöpft sich nicht im Reparieren, denn auch hier gilt, dass die Medizin verschiedene Ziele verbindet. Sie verfolgt das Ziel der korrigierenden Intervention dort, wo es sinnvoll ist. Gleichzeitig aber verfolgt die Medizin das Ziel, den Menschen dabei zu helfen, auch mit der Krankheit gut zu leben. Das Ziel der Behandlung wird hier also verbunden mit dem Ziel des Begleitens, das Ziel des Kampfes gegen die Krankheit mit dem Ziel, einen guten Umgang mit der Krankheit zu finden.

4. Verbindung von Kompetenzen
Aus den verschiedenen Zielsetzungen ergeben sich dann folgerichtig auch die verschiedenen Kompetenzen in der Medizin. So erschöpfen sich diese Kompetenzen nicht in den Handlungskompetenzen, sondern genauso wichtig ist die Unterlassenskompetenz. Die Medizin muss viel wissen, um Unnötiges und nicht Sinnvolles auch unterlassen zu können.

5. Verbindung von Werten
Aus alldem folgt, dass die Medizin unterschiedliche Werte verinnerlicht haben muss, um Medizin zu sein. Sie folgt den Werten der Genauigkeit, der Messbarkeit, der Handhabbarkeit genauso wie den Werten der Einfühlung, des Verstehens, der Zuhörbereitschaft. So verbindet sich in der Medizin die pragmatischen Werte mit den beziehungsstabilisierenden Werten. Medizin ist eben mehr als nur eine pragmatische Korrektur, sie ist eben zugleich zwischenmenschliche Praxis, und beide Aspekte der Medizin gilt es miteinander zu verbinden, sodass sich sagen lässt, dass Medizin nichts anderes ist als die Verbindung aus Wissenschaftlichkeit und Zwischenmenschlichkeit.

In einer Zeit der zunehmenden Ökonomisierung werden die beziehungsstabilisierenden Werte unterbewertet und das verständigungsorientierte Vorgehen eher als dysfunktional vermittelt. Daher gilt es, gerade in unserer Ära der Durchökonomisierung der Medizin diese weiterhin als eine Disziplin der Verbindung zu sehen, denn nur in diesem Verbindenden kann Medizin sie selbst sein. Ohne das Verbindende wäre sie lediglich Reparaturpraxis oder gar eine Durchschleusungspraxis, und darin würde Medizin ihre Identität vollkommen verlieren.

Heilen statt rechnen: Wie viel Wirtschaftlichkeit verträgt die Medizin?  

Giovanni Maio ist am Mittwoch, 11. November 2026, ab 19 Uhr in der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien bei einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion zu Gast.  

Wie verändert sich ärztliches Handeln unter zunehmendem ökonomischen Druck? Und wie lässt sich das Patientenwohl dabei im Mittelpunkt halten? Diesen Fragen widmet sich eine Expertenrunde in der Kammer. Unter dem Motto „Heilung und Ökonomie“  wird das Spannungsfeld zwischen medizinischer Verantwortung und wirtschaftlichen Vorgaben beleuchtet.

Infos und Anmeldung

 

 

Porträt von skeptisch dreinsehendem Mann
Giovanni Maio ist Arzt, Philosoph und Universitätsprofessor für Medizinethik in Freiburg.
Foto: Jeanette Petri
 
© Ärztin für Wien | 04.11.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/gesundheitspolitik/das-verbindende-als-das-besondere-der-medizin