Demenz – vorbeugen, erkennen, behandeln
Demenz – vorbeugen, erkennen, behandeln

Hälfte aller Demenzerkrankungen wäre verhinderbar

Asita Sepandj leitet das Gerontopsychiatrische Zentrum des PSD-Wien. Gemeinsam mit einem multiprofessionellen Team beriet und betreute sie im Vorjahr an die 2200 Menschen mit Demenz sowie rund 900 Neupatientinnen und -patienten. Die Psychiaterin im Gespräch darüber, wie man Betroffene unterstützen kann und welche Risikofaktoren für die Demenzprävention zentral sind.

Matthias Fauner

Ärzt*in für Wien: Wie kam es dazu, dass Sie Gerontopsychiaterin wurden?

Sepandj: Ich wollte immer Psychiaterin werden. Der Zufall wollte es, dass ich im Rahmen der Turnusausbildung ein Jahr auf der Baumgartner Höhe absolviert habe, wo ich zwei Stationen zugeteilt war: der Gerontopsychiatrie und der „Behindertenstation“, wie die damalige Bezeichnung lautete. So konnte ich bereits während der Ausbildung viel praktische Erfahrung sammeln, und über die Jahre ist mir die Gerontopsychiatrie ans Herz gewachsen. Im Gerontopsychiatrischen Zentrum des PSD-Wien (GPZ) arbeite ich seit seiner Eröffnung 2001, im Jahr 2010 habe ich die Leitung übernommen.

Ärzt*in für Wien: Was ist das Spezielle am Leistungsangebot des GPZ?

Sepandj: Im GPZ arbeiten Fachleute aus den Bereichen Psychiatrie, Psychologie, Pflege, soziale Arbeit und Verwaltung. Wir arbeiten vom Erstkontakt an als multiprofessionelles Team, beraten und betreuen die Patientinnen und Patienten immer gemeinsam mit ihren Vertrauens- und Betreuungspersonen. Ein sehr wichtiges Element der Therapie besteht darin, die Angehörigen bei dem Lernprozess zu unterstützen, auf adäquate Weise mit der demenzkranken Person zu kommunizieren. Denn sonst können unbeabsichtigt abweisende, aggressive oder paranoide Reaktionen provoziert werden.

Ärzt*in für Wien: Welche Menschen sind von Demenz am stärksten betroffen?

Sepandj: Nur ein bis zwei Prozent aller Demenzkranken haben die genetische Form der Alzheimer-Krankheit. Der größte Risikofaktor für Demenzerkrankungen ist das Alter: In der Altersgruppe zwischen 65 und 70 Jahren erkranken ungefähr 1,5 Prozent der Menschen an Demenz, und diese Prozentzahl verdoppelt sich ungefähr alle fünf Jahre. Bei den 85- bis 90-Jährigen und darüber sind bereits 40 bis 50 Prozent betroffen. Das Hauptsymptom am Beginn der Demenzerkrankung ist Vergesslichkeit. Zeitliche Orientierungsstörungen und viele weitere kognitive Defizite kommen im Lauf der Zeit hinzu. Wir lernen im GPZ immer wieder sehr hochbetagte Ehepaare kennen, bei denen eine Person sich um alles kümmert und auch den Beratungstermin organisiert, und die Partnerin oder der Partner ist eben von Demenz betroffen.

Ärzt*in für Wien: Die Altersgruppe der über 65-Jährigen wird auch in Wien stetig größer. Wie viele demenzkranke Menschen leben heute in der Stadt und wie viele davon betreut das GPZ?

Sepandj: Schätzungen zufolge leben in Wien rund 30.000 demenzkranke Menschen, viele davon in stationären Pflegeeinrichtungen. Das GPZ hat im Jahr 2025 an die 2200 Menschen mit Demenz sowie rund 900 Neupatientinnen und -patienten betreut, die in ihren eigenen vier Wänden leben. Dank dem dichten Netz an Betreuungsmöglichkeiten in Wien ist es in vielen Fällen die beste Lösung, die Patientinnen und Patienten zu Hause zu betreuen und zu versorgen.

Ärzt*in für Wien: Gibt es wissenschaftlich fundierte Empfehlungen, wie ich als gesunder oder jüngerer Mensch einer Demenzerkrankung vorbeugen kann?

Sepandj: Aus der medizinischen Forschung wissen wir, dass 45 Prozent, also knapp die Hälfte aller Demenzerkrankungen verhinderbar wäre, wenn wir die 14 relevantesten Risikofaktoren positiv beeinflussen. Drei Beispiele: Gerechte Bildungschancen in der Kindheit und Jugend machen 5 Prozent aus, einen Hörverlust korrigieren und erhöhtes Cholesterin senken jeweils 7 Prozent – allein über diese drei Faktoren ließe sich fast ein Fünftel aller Erkrankungen verhindern. Im hohen Alter ist dann soziale Isolation ein Treiber für das raschere Fortschreiten von Demenzerkrankungen, auch Sehverlust wirkt sich negativ aus. Unterm Strich lautet die einfache Empfehlung an alle jüngeren Altersgruppen: Achten Sie auf einen gesunden Lebensstil mit ausreichend Bewegung und ausgewogener Ernährung und behalten Sie Risikofaktoren wie Cholesterin oder Bluthochdruck im Blick, indem Sie etwa regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung gehen. Und dass Sie bei risikoreichen Sportarten Ihren Kopf schützen sollten, versteht sich ohnehin von selbst.

Ärzt*in für Wien: Wie kommen Sie mit Ihren Patientinnen und Patienten in Kontakt?

Sepandj: In knapp einem Drittel unserer Neukontakte geht die Initiative von den Patientinnen und Patienten selbst aus, in mehr als zwei Dritteln von Angehörigen, Freundinnen und Freunden, Nachbarinnen und Nachbarn, aber auch von professionellen Kräften wie Heimhelferinnen oder Besuchsdiensten. Wenn andere für Patientinnen und Patienten anrufen, ist die Demenz meistens schon in einem fortgeschrittenen Stadium. In vielen Fällen sind es Hausärztinnen und -ärzte, die den Betroffenen oder ihren Angehörigen empfehlen, einen Beratungstermin bei uns im GPZ zu vereinbaren. Oft geht die Empfehlung auch von Sozialorganisationen wie Caritas, Volkshilfe, Diakonie oder Hilfswerk aus, die viele ältere Menschen bereits zu Hause betreuen. Wenn sich Betroffene nicht mehr dazu motivieren lassen, für eine ärztliche Untersuchung ihre Wohnung zu verlassen, bieten wir gerne einen Hausbesuch an – rund 40 Prozent der Erstgespräche absolvieren wir im Rahmen von Hausbesuchen.

Ärzt*in für Wien: Was raten Sie Patientinnen und Patienten, aber auch Angehörigen im ersten Stadium der Erkrankung?

Sepandj: Am Beginn einer Demenzerkrankung ist den Menschen durchaus bewusst, dass sie zunehmend vergesslich werden. Viele versuchen, diese Defizite zu kaschieren und möglichst lange eine Fassade aufrechtzuerhalten. Ich rate Betroffenen wie Angehörigen, möglichst offen über das Thema zu sprechen. Demenz ist kein Zustand, der über Nacht eintritt, sondern ein Prozess – und eine Erkrankung wie viele andere Erkrankungen auch, also nichts, wofür wir uns schämen müssen. Indem beispielsweise Angehörige den Freundeskreis aufklären, ermöglichen sie es diesen Menschen erst, achtsam auf die von Demenz betroffene Person zuzugehen, statt den Kontakt einzuschränken oder vielleicht sogar abzubrechen, um unangenehmen Situationen auszuweichen. Und Betroffenen empfehlen wir, Angehörige und Freunde einfach zu bitten, wichtige Informationen für sie aufzuschreiben, weil sie sich manche Dinge nicht mehr so gut merken.

Ärzt*in für Wien: Wenn Betroffene oder ihre Angehörigen eine Erstberatung im GPZ vereinbaren, wie sieht die Patienten-Journey üblicherweise aus?

Sepandj: Die Außenanamnese – ergänzend zu den Schilderungen der Betroffenen selbst – ist für uns sehr wichtig: In einem separaten Gespräch fragen wir bei Angehörigen oder Betreuungspersonen sehr genau nach, welche Defizite im Alltag bestehen und welche Symptome ihnen über einen gewissen Zeitverlauf aufgefallen sind. Zur Erstberatung im GPZ kommen die Patientinnen und Patienten meistens ohne irgendeinen Befund. Als Erstes machen wir uns daher ein genaues Bild, beginnend mit der pflegerischen Abklärung. Dann folgt die psychologische Testung zur Überprüfung der kognitiven Leistungsfähigkeit, etwa anhand des Mini-Mental-Status-Tests, im nächsten Schritt die medizinische Abklärung. Im Regelfall brauchen wir dazu Hilfsbefunde. Dank dem Projekt „Integrierte Versorgung Demenz in Wien“ in Kooperation mit dem Fonds Soziales Wien und der Österreichischen Gesundheitskasse können Betroffene inzwischen alle erforderlichen Untersuchungen wie MRT, Labor, Ultraschall und EKG an einem Tag im ÖGK-Ambulatorium am Wienerberg durchführen. Wir im GPZ übernehmen die Terminvereinbarung und erhalten alle Befunde zugeschickt.

Ärzt*in für Wien: Wie läuft die anschließende Befundbesprechung üblicherweise ab?

Sepandj: Im Vorfeld klären wir die Einstellung von Betroffenen und Angehörigen zur Diagnose Demenz und ihre weiteren Erwartungshaltungen. Mit diesen Informationen können wir dann die Befunde für alle nachvollziehbar erklären und zu sämtlichen Therapie- und Unterstützungsschritten die richtigen Worte finden. Prinzipiell laden wir immer Betroffene und Angehörige zur Befundbesprechung ein, schauen uns die Befunde gemeinsam an und empfehlen eine individuell passende Therapie. Beim ersten persönlichen Gespräch beraten wir auch schon, welche unterstützenden Maßnahmen für den Alltag sinnvoll sind und die pflegenden Angehörigen entlasten. Das sind beispielsweise die Heimhilfe, der Besuchsdienst, die mobile Hauskrankenpflege oder ein Tageszentrum. Wenn die betroffene Person bereits schwer dement ist und durch die Befundbesprechung nur verängstigt oder verunsichert würde, laden wir Angehörige auch allein zum Termin ein.

Ärzt*in für Wien: Mit welcher Frequenz hält das GPZ nach dem Erstgespräch Kontakt mit Betroffenen und Angehörigen?

Sepandj: In der Regel sind im ersten halben Jahr drei oder vier Kontakte erforderlich, einschließlich einer Kontrolle nach vier oder sechs Wochen, wenn wir Medikamente verschreiben. Wenn alles einmal gut eingerichtet ist, sehen wir die Menschen zumindest einmal pro Jahr für eine Verlaufskontrolle, wo wir erneut psychologische Tests durchführen. In vielen Fällen bleiben dann Angehörige oder Pflegepersonen unsere wichtigsten Kontaktpersonen – sie können sich auch jederzeit mit Fragen an das GPZ wenden. Bei einer guten medizinischen und sozialen Versorgung der Betroffenen stabilisieren sich die Zustandsbilder oft über ein oder zwei Jahre, womit sich die Lebensqualität von Betreuten und Betreuenden spürbar verbessert.

Ärzt*in für Wien: Welche Rolle spielen innovative Medikamente, mit denen sich der Krankheitsverlauf im Frühstadium verzögern lässt?

Sepandj: Diese Medikamente werden derzeit nur im AKH eingesetzt und kommen aufgrund sehr enger medizinischer Einschluss- und Ausschlusskriterien nur für eine sehr kleine Patientenpopulation in Frage. Daher spielt diese Form der Therapie in unserem klinischen Alltag im GPZ keine wichtige Rolle. Im Regelfall brauchen Menschen mit Demenz viel mehr als ein Rezept mit einem Medikament. Insbesondere braucht es ausführliche Beratung der Betroffenen und der Betreuenden sowie eine geregelte Tagesstruktur. Wichtig ist auch die richtige Einschätzung des Betreuungsbedarfs im Zusammenhang mit dem Pflegegeld. Hier unterstützen wir die Angehörigen, indem wir die Befundung entsprechend detailliert erstellen und so mithelfen sicherzustellen, dass die Menschen die Betreuung erhalten, die sie brauchen. Denn der effektive Betreuungsaufwand bei einer körperlich mobilen Person mit einer leichten Demenz ist oft höher als bei einer bettlägerigen Person.

Gerontopsychiatrisches Zentrum (GPZ) des PSD-Wien

  • Im Jahr 2001 eröffnete Spezialeinrichtung der Psychosozialen Dienste in Wien (PSD-Wien).
  • Das GPZ ist zuständig für alle Bewohnerinnen und Bewohner Wiens ab dem 65. Lebensjahr bei Erstmanifestation einer psychischen Erkrankung, mit Schwerpunkt in der Abklärung und Behandlung von Demenzerkrankungen.
  • Multiprofessionelles Team (Vollzeit- und Teilzeitkräfte) besteht aus derzeit insgesamt neun Ärztinnen und Ärzten, vier Psychologinnen und Psychologen, zwei Fachkräften für soziale Arbeit, sieben Pflegekräften und zwei Verwaltungskräften.
  • Website: https://psd-wien.at/einrichtung/gerontopsychiatrisches-zentrum 
„Im Regelfall brauchen Menschen mit Demenz viel mehr als ein Rezept mit einem Medikament. Insbesondere braucht es ausführliche Beratung der Betroffenen und der Betreuenden sowie eine geregelte Tagesstruktur.“
Ärztin im Gespräch mit dem Redakteur.
Asita Sepandj, die ärztliche Leiterin des GPZ, im Gespräch mit „Ärzt*in für Wien“.
Foto: Tatjana Gabrielli
„Ein sehr wichtiges Element der Therapie besteht darin, die Angehörigen bei dem Lernprozess zu unterstützen, auf adäquate Weise mit der demenzkranken Person zu kommunizieren.“
„Ich rate Betroffenen wie Angehörigen, möglichst offen über das Thema zu sprechen. Demenz ist kein Zustand, der über Nacht eintritt, sondern ein Prozess – und eine Erkrankung wie viele andere Erkrankungen auch, also nichts, wofür wir uns schämen müssen.“
 
© Ärztin für Wien | 04.11.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/medizin/haelfte-aller-demenzerkrankungen-waere-verhinderbar