„Die Person muss zuerst ernst genommen werden“
LGBTQIA+-Personen sind im Alltag häufig Stress und Diskriminierung ausgesetzt – mit spürbaren Folgen für ihre körperliche und psychische Gesundheit. Chirurgin und Aktivistin Mariam Vedadinejad erklärt, welche Barrieren im Gesundheitssystem bestehen, worauf Ärztinnen und Ärzte achten sollten und warum grundsätzlich keine besondere Behandlung, sondern ein vorurteilsfreier Umgang gefragt ist.
Ärzt*in für Wien: Warum ist es wichtig, die Lebensrealität von LGBTQIA+-Personen bei der medizinischen Behandlung zu berücksichtigen?
Vedadinejad: LGBTQIA+-Personen sind häufig sogenanntem Minority Stress ausgesetzt. Alltägliche Diskriminierungen und Stresssituationen können sich summieren und langfristig die körperliche und psychische Gesundheit beeinträchtigen. Studien zeigen unter anderem höhere Raten von Depression und Suizidalität. Negative Erfahrungen im Gesundheitssystem können zudem das Vertrauen schwächen. Betroffene nehmen dann mitunter seltener Vorsorgeuntersuchungen wahr oder vermeiden Arztbesuche. Ärztinnen und Ärzte sollten diese Lebensrealität kennen, um ein vertrauensvolles Behandlungsverhältnis aufzubauen. Die Thematik betrifft im gleichen Ausmaß auch Menschen mit Fluchtgeschichte oder People of Color, aber nicht selten auch Kinder und Jugendliche, die häufig Mobbing ausgesetzt sind.
Ärzt*in für Wien: Welche gesundheitlichen Belastungen treten besonders häufig auf?
Vedadinejad: Neben Depressionen und Angststörungen beobachten wir häufiger posttraumatische Belastungsstörungen sowie einen problematischen Konsum von Nikotin, Alkohol oder anderen Substanzen. Solche Verhaltensweisen können Bewältigungsmechanismen im Umgang mit Stress, Ausgrenzung oder familiären Konflikten sein. Auch das Risiko von Wohnungslosigkeit kann erhöht sein. Psychische Belastungen können wiederum Bluthochdruck, ungesunde Ernährung oder Diabetes begünstigen.
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Ärzt*in für Wien: Mit welchen Problemen sind LGBTQIA+-Personen im medizinischen Kontext konfrontiert?
Vedadinejad: Ein Beispiel ist das „Trans-Broken-Arm-Syndrom“: Beschwerden von trans Personen werden vorschnell auf ihre trans Identität oder eine Hormontherapie zurückgeführt. Bildlich gesprochen wird bei einem gebrochenen Arm zunächst das Testosteron als Ursache vermutet, anstatt eine Röntgenuntersuchung durchzuführen. Bestimmte Aspekte der Lebenssituation können medizinisch relevant sein, dürfen aber andere Diagnosen nicht überlagern.
Ärzt*in für Wien: Worauf sollten Ärztinnen und Ärzte im direkten Kontakt achten?
Vedadinejad: Wichtig ist, der Person offen und vorurteilsfrei zu begegnen. Bei Unsicherheit kann man fragen, wie sie angesprochen werden möchte und welche Pronomen sie verwendet. Das schafft Vertrauen. Niemand muss bei jeder Behandlung über Spezialwissen in der Transmedizin verfügen. Entscheidend ist, Beschwerden nicht automatisch auf die sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität oder das Intergeschlechtlichsein zurückzuführen. Psychische Belastungen, chronischer Stress oder familiäre Konflikte sollten bei Bedarf sensibel angesprochen werden. Auch eine Regenbogenfahne oder ein „You’re safe with me“-Button können Offenheit signalisieren.
Das Minority-Stress-Syndrom beschreibt die zusätzliche psychische und körperliche Belastung von Menschen, die einer gesellschaftlichen Minderheit angehören. Wiederkehrende Diskriminierung, Ausgrenzung, Vorurteile und die Angst vor Ablehnung erzeugen chronischen Stress. Auch das Verbergen der eigenen Identität kann belastend sein. Langfristig kann dies Depressionen, Angststörungen, Suchtverhalten und körperliche Erkrankungen begünstigen sowie das Vertrauen in das Gesundheitssystem beeinträchtigen.
Ärzt*in für Wien: Warum sollten Betroffene nicht automatisch an spezialisierte Einrichtungen verwiesen werden?
Vedadinejad: Zunächst muss geklärt werden, weshalb die Person medizinische Hilfe sucht. Kommt jemand mit einem akuten Problem in eine Ordination oder Ambulanz, sollte dieses behandelt werden. Eine automatische Weiterverweisung würde die Person erneut auf ihre Identität reduzieren. Eine spezialisierte Einrichtung ist dann sinnvoll, wenn entsprechendes Fachwissen benötigt wird, etwa bei Fragen zu einer Hormontherapie oder zu besonderen psychischen Belastungen. Zuerst muss die Person aber gehört und ernst genommen werden.
Ärzt*in für Wien: Welche Barrieren erleben LGBTQIA+-Personen im Gesundheitssystem?
Vedadinejad: Zu den größten Barrieren zählen Vorurteile, das Ignorieren von Namen oder Pronomen, herabwürdigende Bemerkungen und das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Für Menschen, die bereits Ausgrenzung erlebt haben, können solche Situationen retraumatisierend sein. Sie schwächen das Vertrauen und können die Therapietreue beeinträchtigen. Innerhalb der Community werden deshalb Erfahrungen und Empfehlungen ausgetauscht: Wo fühle ich mich sicher und respektiert? Bereits der erste Kontakt kann darüber entscheiden, ob eine Person wiederkommt.
Ärzt*in für Wien: Wo finden Betroffene und medizinisches Personal Unterstützung?
Vedadinejad: In Wien gibt es ein gutes Netzwerk aus spezialisierten Ordinationen, der Beratungsstelle COURAGE, dem magnus* Ambulatorium für sexuelle Gesundheit sowie Vereinen wie TransX, trans Vielfalt und der Homosexuellen Initiative Wien. Transgender-Ambulanzen bestehen im AKH Wien und in der Klinik Favoriten. Die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien bietet über das Referat für Frauenpolitik, Gender und Diversity Fortbildungen zu Transmedizin und genderinklusiver Medizin an. Weitere Schulungen gibt es beim Wiener Gesundheitsverbund und bei NGOs. Langfristig sollte das Thema stärker im Curriculum des Medizinstudiums verankert werden. Denn diskriminierungsfreie Versorgung ist keine Zusatzleistung, sondern eine grundlegende gesundheitspolitische Aufgabe.
Queer in Wien II-Studie:
Diskriminierung und Gewalt gegen queere Community nehmen zu
Die Studie „Queer in Wien II“ zeigt, wie Diskriminierung die Gesundheit und medizinische Versorgung von LGBTQIA+-Personen beeinträchtigt. Das Institut für Höhere Studien (IHS) befragte im Auftrag der Wiener Antidiskriminierungsstelle 4.581 Personen. Aufgrund des hohen Anteils jüngerer Menschen und Personen mit akademischem Abschluss sind die im November 2025 präsentierten Ergebnisse zwar nicht auf die Gesamtbevölkerung übertragbar, liefern aber wichtige Einblicke.
Die Befragten bewerten ihren Gesundheitszustand überwiegend positiv, mit einem Durchschnittswert von 2,9 auf einer Skala von 1 bis 9 jedoch etwas schlechter als 2015. Als größte Belastungen gelten Arbeitsstress (63 Prozent), Schlafstörungen (31 Prozent) und finanzielle Sorgen (29 Prozent). 19 Prozent leben mit einer Behinderung, Beeinträchtigung oder chronischen Erkrankung. Bei trans, intergeschlechtlichen und nicht-binären Personen werden chronische Erkrankungen deutlich häufiger als besonders belastend empfunden.
Erfahrungen von Diskriminierung und Gewalt im öffentlichen Raum haben seit der letzten Befragung vor zehn Jahren zugenommen: 38 Prozent der Befragten berichten von entsprechenden Erfahrungen innerhalb des vergangenen Jahres – 2015 waren es noch 28 Prozent.
Zugleich berichten Teilnehmende von Vorurteilen und abwertender Behandlung im Gesundheitswesen. Nicht-binäre, trans und intergeschlechtliche Personen fühlen sich mitunter exotisiert oder medizinisch nicht angemessen betreut. Schwule Männer werden mit sexuell übertragbaren Infektionen stigmatisiert, lesbische Frauen in ihren Angaben zur Sexualität nicht ernst genommen. Manche trans Personen meiden aus Angst vor Diskriminierung sogar Vorsorgeuntersuchungen.
Die Befragten fordern daher mehr medizinisches Fachwissen, Schulungen des Personals, inklusive Kommunikation und diskriminierungsfreie Formulare. Vertrauenspersonen, sichere Rückzugsräume und sichtbare Zeichen für LGBTQIA+-Sensibilität könnten zudem zusätzlich Barrieren abbauen und das Vertrauen in die Versorgung stärken.
Informationen und Anlaufstellen:
- COURAGE: Kostenlose Beratungsstelle zu Sexualität, gleichgeschlechtlichen Lebensweisen, Transidentität, Nicht-Binarität, Intergeschlechtlichkeit, Regenbogenfamilien und Gewalt. courage-beratung.at
- HOSI Wien – Homosexuelle Initiative Wien: Interessenvertretung, Community-Arbeit, Beratung, Gruppenangebote sowie Veranstalterin von Vienna Pride und Regenbogenparade. hosiwien.at
- MedInUnity: Verein für eine gerechtere, intersektionale Gesundheitsversorgung. Im Fokus stehen Frauen und als Frauen gelesene Personen, insbesondere BIPoC sowie LGBTQIA+-Personen. Der Verein bietet Aufklärung, Workshops und Fortbildungen für Gesundheitsberufe an. medinunity.at
- TransX: Selbsthilfe-, Informations- und Interessensverein für Transgender-Personen; bietet Beratung, Austausch und Begleitung. transx.at
- trans Vielfalt: Psychosoziale Beratung und Begleitung für trans, nicht-binäre und gender-nonkonforme Menschen sowie Angehörige. transv.at
- TTA – Transgender Team Austria: Beratung und Unterstützung für trans*, inter* und homosexuelle Personen sowie deren Angehörige. Das Angebot umfasst Hilfe beim Coming-out, bei Mobbing und beruflichen Fragen, die Vermittlung medizinischer und therapeutischer Ansprechpersonen sowie Vorträge und Workshops. transgender-team.at
- VIMÖ Wien: Selbstvertretung intergeschlechtlicher Menschen mit Community-, Beratungs- und Bildungsangeboten. vimoe.at/wien
- Queer Base: Beratung, Begleitung, Community-Anbindung und Unterstützung für LGBTQIA+-Geflüchtete und Asylsuchende. queerbase.at
- Aids Hilfe Wien: Beratung und Prävention zu HIV, PrEP und sexueller Gesundheit sowie zielgruppenspezifische Community-Angebote. aids.at
- magnus* Ambulatorium für sexuelle Gesundheit: Niederschwellige Testung, Behandlung und Beratung zu HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen. magnus.wien
- Cha(i)nge – Trans Peer Group Vienna: Verein für trans Männer sowie nicht-binäre und genderqueere Personen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde. Er bietet Peer-Austausch, regelmäßige Treffen sowie Informationen und Erfahrungsberichte zu Transition, medizinischer Versorgung und therapeutischen Angeboten. chaingepeergroup.at
- Our Bodies: Nicht-kommerzielles feministisches Online-Gesundheitsmagazin. Es informiert wissenschaftlich fundiert über Körper, Gesundheit und Sexualität und beleuchtet Benachteiligungen im Gesundheitssystem, etwa durch Sexismus, Queerfeindlichkeit, Rassismus, Klassismus und Ableismus. ourbodies.at
