Therapiegarten Hietzing
Therapiegarten Hietzing

„Welcome to the jungle“

Unkraut jäten und Salat ernten, um Menschen mit psychiatrischen Krankheitsbildern therapeutisch zu unterstützen? Die altbekannte Idee, auf Natur und ihre heilende Wirkung zu bauen, erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance in der Medizin. Eine Vorreiterin ist dabei die Klinik Hietzing: Vor sechs Jahren entstand dort während der Pandemie ein großzügiger Therapiegarten.

Eva Kaiserseder

Eines fällt sofort auf: Dieser Garten hat keinen Zaun. Gleich beim Eingang zum ausgedehnten und verschlungenen Gelände der Klinik Hietzing mit ihren vielen Gebäuden und Pavillons fällt ein ungewöhnlich gestaltetes Areal rund um den Weg auf. Hochbeete und Hängesessel, eine sogenannte Benjeshecke aus Totholz und Sensorikpfade breiten sich hier unter Sigmund Freuds gestrengem Blick aus, der als Graffiti neben dem Slogan des Gartens („Welcome to the jungle“) auf einer Mauer prangt. Ganz bewusst hat man Abstand von Perfektion und präzise abgezirkelten Flächen genommen. Im Hintergrund ist das leise Bimmeln der Straßenbahn urbaner Kontrapunkt. Es gibt Beete mit Wintergetreide, in manchen findet man Kohlrabi vom Vorjahr und wieder andere warten bereits auf die neue Bepflanzung im Frühjahr. Eine kurze Rückkehr des Winters konnte der botanischen Aufbruchsstimmung nicht viel anhaben. Das Besondere: Gepflegt und gehegt wird der Garten im therapeutischen Tun mit den Patientinnen und Patienten der psychiatrischen Abteilungen der Klinik Hietzing, die hier mit Krankheitsbildern wie Angst- oder Persönlichkeitsstörungen, Depressionen oder bipolaren Störungen stationär aufgenommen sind. 

Garten
Noch ist der Garten ruhig. Foto: Stefan Seelig.

Das Arbeiten im Garten ist dabei etwas, das stimungsaufhellend und psychisch stabilisierend wirkt. Und diese Effekte sind keineswegs vage Vermutungen oder Esoterik, sondern vielfach belegt: In einer 2025 veröffentlichten Studie etwa stellten Forschende der britischen University of York fest, dass es bei den Probandinnen und Probanden, die an „Green social Prescribing“-Programmen teilnahmen, eine signifikante Verringerung von Angst- und Depressionssymptomen gab. Auch an der Klinik Hietzing ist eine von der Stadt Wien geförderte Studie dazu am Laufen. Die Idee, dass Natur wie Medizin wirkt, ist nicht neu: Menschen profitieren von der Natur, von Tieren, vom Aufenthalt im Grünen und den Prozessen von Wachsen und Werden. Das weiß man schon seit Langem. Schon im alten Ägypten verordneten Ärzte zum Beispiel psychisch kranken Mitgliedern des Königshauses Aufenthalte in den royalen Gärten. Ein aktueller Trend kommt aus Japan: Dort ist Shinrin-yoku, sinngemäß Waldbaden, seit den Achtzigerjahren fest im dortigen Gesundheitssystem verankert. Sich im Wald aufzuhalten soll gestressten Großstädtern helfen, zur Ruhe zu kommen, ihre Sinne zu schärfen und ganz generell die mentale Gesundheit zu stärken. 
 

Ergänzung zum Klinikalltag

Zurück in den 13. Wiener Gemeindebezirk. Wir befinden uns in der „Pflanzerei“, einem kleinen Häuschen in Backsteinoptik gleich neben dem Garten. Ein Raum, vollgestellt mit gemütlichen Vintage-Möbeln, Büchern, Selbstgemachtem aus dem Garten und natürlich allerlei Pflänzchen und Grünzeug, ist deren Herzstück. Gartentherapie wird an der 1. und 2. Psychiatrischen Abteilung der Klinik Hietzing täglich angeboten. Alle hier stationären Patientinnen und Patienten können der Gartentherapie zugewiesen werden, zudem ist Gartentherapie auch im Therapieprogramm der Tagesklinik integriert. Von Montag bis Freitag werden Gruppen- und Einzeltherapien angeboten. Einem Therapieplan folgend ist jede der sieben Stationen einem bestimmten Zeitfenster oder Tag zugeteilt. Am Wochenende finden offene Gartengruppen statt, die allen unabhängig von der Station zur Teilnahme offenstehen. Die „Pflanzerei“ dient dabei quasi als Stützpunkt. 

Frau im Gespräch
Christina Bauernfeind ist Internistin und Gartentherapeutin. Foto: Stefan Seelig

„Unsere Patientinnen und Patienten werden von der Station abgeholt, es gibt eine kurze Ankommens- und Vorstellungsrunde. Dabei werden die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten erhoben und das Therapieangebot dann daran angepasst. Es können auch mehrere Interventionen parallel ablaufen“, erklärt Christina Bauernfeind, Internistin und Gartentherapeutin in der 2. Psychiatrischen Abteilung den Ablauf. Lavendel rebeln, Kräuteröle oder Lippenpflegestifte mit Aromaölen erzeugen, Gestecke vorbereiten für Weihnachten oder Ostern. Nichts von dem, was der Garten das ganze Jahr über hergibt, bleibt unverarbeitet. Im Vergleich zum klinischen Umfeld auf der Station bietet der Garten grünen Freiraum an sich und die „Pflanzerei“ wohnzimmerähnliche Atmosphäre für die Patientinnen und Patienten. Hier ist es persönlicher, es gibt Raum für Privatsphäre und eine Auszeit vom klassischen Klinikalltag. Dinge wie sich Saft oder Kaffee selbst herzurichten mögen für Gesunde eine Kleinigkeit sein, hier sind sie eine wiedergefundene Normalität, die zumindest zeitweise verloren gegangen ist.  
 

Mann im Gespräch
Matthäus Fellinger, Vorstand der 2. Abteilung für Psychiatrie an der Klinik Hietzing.  Foto: Stefan Seelig

Perspektivenwechsel  

„Unser Auftrag ist es, Menschen mit psychischen Erkrankungen in akuten Krisen und über längere Erkrankungsphasen hinweg zu begleiten und sie in ihrem Alltag zu unterstützen. Gesellschaftlich wird man als chronisch erkrankte Person oft auf die Patientenrolle festgeschrieben. Mit einem Therapiegarten bricht man diese Rolle auf und eröffnet andere Handlungsspielräume. Man kann wieder aktiv werden, mitgestalten, sozial interagieren – und genau diese Fähigkeiten sind im Alltag nach einem Klinikaufenthalt essenziell", erzählt Matthäus Fellinger, Vorstand der 2. Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin mit Sozialpsychiatrie für Menschen mit Behinderung an der Klinik Hietzing. 
„Eine psychiatrische Aufnahme fällt in eine Lebensphase, in der vieles wegbricht. Im Garten erleben sich Menschen wieder als aktiv, gestaltend und als Teil einer Gemeinschaft. Dieser Perspektivenwechsel – weg vom Defizit, hin zur Ressource – ist oft ein wichtiger Schritt beim Gesundwerden“, erzählt Fritz Neuhauser, Allgemeinmediziner und Initiator des Projektes, das mitten in der Pandemie gestartet wurde. Seine Begeisterung dafür ist ansteckend, er ist fest überzeugt von der Wirkung dieses Konzeptes. „Man darf sich das Ganze nicht als etwas vorstellen, wo den ganzen Tag therapeutische Angebote stattfinden, sondern auch und vor allem als Ort der Begegnung. Der Garten ist unaufdringlich und trotzdem einladend gestaltet, man kommt ins Gespräch und einander damit automatisch näher“, erklärt er das Prinzip der Klinik. 

Nicht nur Patientinnen und Patienten, auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder Angehörige sowie Besucherinnen und Besucher treffen sich dort auf einen entspannten Plausch, zum Ausspannen oder Mitarbeiten. „Das Konzept des offenen Therapiegartens ist mittlerweile fester Bestandteil des Areals. Auch Anrainer gehen mit ihren Kindern durch den Garten, helfen beim Gießen oder schauen was so wächst. Der Therapiegarten ist ein Ort der Begegnung geworden und trägt damit auch zur Entstigmatisierung psychiatrischer Krankheitsbilder bei“, fasst Neuhauser diese Entwicklung zusammen. Für die gesamte Abteilung sei das ein extrem wichtiges Projekt, betont er, es geht dabei sehr stark um Werte und Haltung. „Der Garten ist wie ein großer Dorfplatz, sehr offen und niederschwellig zugänglich. Jeder, der das Klinikareal betritt, kommt hier vorbei. Und er ist ein Symbol von Willkommen sein und Zugehörigkeit.“
  

Mann im Dialog
Fritz Neuhauser ist Allgemeinmediziner und ein Initiator des Hietzinger Therapiegartens. Foto: Stefan Seelig


 Facts

Gartentherapie, also der zielgerichtete Einsatz der Natur angeleitet von speziell ausgebildeten Fachkräften, um die körperliche und seelische Gesundheit zu fördern, wird am Areal der Klinik Hietzing schon seit 25 Jahren praktiziert. Relativ neu ist der dortige Therapiegarten. Seit Frühjahr 2020 gibt es den zentral gelegenen Garten am weitläufigen Gelände der Klinik direkt beim Eingang „Versorgungsheimplatz“. 

Schlagworte wie das ursprünglich aus England kommende Social Prescribing, also die Verschreibung sozialer Aktivitäten in der Primärversorgung für psychosoziale Gesundheit, oder Green Care sind gesellschaftlich momentan ziemlich präsent. Letzteres umfasst Tiere, Pflanzen und überhaupt die Natur als Medizin und dazu gehört eben auch die Gartentherapie – nachgewiesenermaßen wird dabei das Stresshormon Cortisol gesenkt und die Herzfrequenz verringert sich. 

 

 

 

 



 

„Gesellschaftlich wird man als chronisch kranke Person oft auf die Patientenrolle festgeschrieben. Mit einem Therapiegarten bricht man diese Rolle auf und eröffnet andere Handlungsspielräume."
Garten mit Mauer und Graffiti
Foto: Stefan Seelig
„Der Garten ist wie ein großer Dorfplatz, sehr offen und niederschwellig zugänglich. Er ist ein Symbol von Willkommen sein und Zugehörigkeit."
 
© Ärztin für Wien | 06.05.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/panorama/welcome-jungle