Diagnose, Therapie und Medikamente aus einer Hand

Studie zeigt: Ärztliche Hausapotheken sichern Versorgung

Einfacherer Zugang zu Medikamenten, leichtere Besetzung von Kassenstellen, weniger Kosten für die Volkswirtschaft und weniger klimaschädliche Emissionen – eine aktuelle Studie dokumentiert den multiplen Nutzen ärztlicher Hausapotheken.

red
Arzt vor Medikamentenkasten hält ein Medikament in der Hand.
Vom Dispensierrecht profitieren Patientinnen und Patienten gleich doppelt : Ihre Gemeinden finden leichter Ärztinnen und Ärzte und sie kommen im Krankheitsfall leichter zu ihrem Medikament
Foto: iStock/Wavebreakmedia

Österreich droht bis 2035 eine erhebliche Versorgungslücke in der Kassenmedizin, unter anderem werden in der Allgemeinmedizin hunderte Ordinationen eine Nachfolge suchen. Speziell in Gemeinden unter 5.000 Einwohnern ist die Nachbesetzung oft besonders schwer. Eine aktuelle Studie des Beraternetzwerks Kreutzer Fischer & Partner zeigt, wie das Problem rasch gelindert werden kann und die Gesundheitspolitik auf vielen Ebenen davon profitiert. 

Für eine grundsätzliche Freigabe ärztlicher Hausapotheken für alle Allgemeinmedizin-Ordinationen mit Kassenvertrag sprechen drei Argumente, fasste Studienautor Andreas Kreutzer bei einer Pressekonferenz am Mittwoch, den 26. August 2026, die Erkenntnisse zusammen: Zum einen ließen sich dadurch die Wegzeiten der Patientinnen und Patienten für die Besorgung von Medikamenten deutlich reduzieren. Das würde volkswirtschaftliche Kosten von mindestens 160 Millionen Euro einsparen, indem Wegzeit und Wartezeit in der Apotheke verringert werden könnten (2020 waren das 32 Millionen Stunden mit volkswirtschaftlichen Kosten von rund 320 Millionen Euro). „Zum anderen entlastet eine hausarztzentrierte Medikamentenverabreichung die Umwelt. Die privaten PKW-Fahrten zur Beschaffung von rezeptpflichtigen Arzneimitteln verursachen jährlich CO2-Emissionen von rund 30.000 Tonnen“, führt Kreutzer aus. Und drittens wäre der Ausbau ärztlicher Hausapotheken eine wirksame Maßnahme, um die medizinische Grundversorgung auch in strukturarmen, spärlich besiedelten Regionen dauerhaft abzusichern und auch, um für schwer zu besetzende Kassenstellen Vertragsärztinnen und -ärzte zu finden. „Im ersten Quartal 2026 waren 130 kassenfinanzierte Planstellen für Allgemeinmedizin vakant, davon 67 schwer zu besetzende. Die Gründe, warum sich mancherorts für vakante Planstellen keine Ärztinnen und ärztefindet, sind bekannt: die Patientenfrequenz ist zu gering, um das erhoffte Einkommen zu erzielen. Die Entfernung zu urbanen Zentren ist zu groß, weshalb insbesondere junge Allgemeinmediziner oftmals subjektiv wahrgenommene Defizite in der Lebensqualität als K.O.-Kriterium ins Feld führen“, so Kreutzer. Finanzielle Befürchtungen seitens der Standesvertretung der Apotheker seien unbegründet: Auch bei einem Ausbau ärztlicher Hausapotheken wäre die wirtschaftliche Existenz der öffentlichen Apotheken ungefährdet, sagt der Studienautor.

Mann im Anzug
Kammerpräsident Johannes Steinhart betonte, dass auch in Wien Patientinnen und Patienten sich oft auf mühsame Wege zur nächsten geöffneten Apotheke machen müssen. Am Abend komme auch noch das Problem der Öffnungszeiten dazu. Foto: Stefan Seelig/AEK Wien

„Win-win-win-Situation“

„Die Absicherung der solidarisch finanzierten Gesundheitsversorgung und die Patientenorientierung sollten für alle Partner im Gesundheitssystem das oberste Ziel der kommenden Jahrzehnte sein“, hält Johannes Steinhart, Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) und der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, fest: „Dazu gehört, die Interessen der Patientinnen und Patienten in den Mittelpunkt zu stellen. Es ist unverständlich und nicht zumutbar, dass kranke Menschen immer noch gezwungen werden, oft zig-kilometerlange Strecken auf sich zu nehmen, um zu ihrem dringend benötigten Medikament zu kommen, obwohl sie es bei ihrer Ärztin oder ihrem Arzt sehr einfach beziehen könnten – sofern er oder sie das Recht zum Führen einer ärztlichen Hausapotheke hat.“ Wenn die Politik ihr Bestreben ernst meine, die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten zu berücksichtigen, dürfe dieses Vorhaben nicht am antiquierten Gebietsschutz der Apotheken scheitern. Die aktuelle Gesetzeslage besagt, dass im Umkreis von vier Straßenkilometern einer öffentlichen Apotheke keine ärztliche Hausapotheke bewilligt werden darf, im Umkreis zwischen vier und sechs Kilometern nur in Form einer Nachfolgepraxis.

Steinhart: „Die Politik begründet ihren Wunsch nach Impfungen in Apotheken, den die Ärztekammer für medizinisch bedenklich und sachlich nicht erforderlich hält, mit dem einfacheren Zugang zu Impfungen durch mehr Impfstellen. Nimmt man dieses Argument ernst, dann ist es höchste Zeit für mehr ärztliche Hausapotheken, denn diese sichern einen möglichst flächendeckenden, barrierefreien und einfachen Zugang zu Medikamenten im Sinne eines One-Stop-Shops: Diagnose, Therapiestellung und Medikamente aus einer Hand. Das wäre echte und gelebte Patientenzentrierung.“

Dazu kommt, dass im kassenärztlichen Bereich eine Pensionierungswelle die ohnehin schon schwierige Nachfolgersuche erschwert. „Die neue Studie zeigt, dass die Nachbesetzung mit einem Federstrich deutlich erleichtert werden könnte, man müsste nur den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestabstand zwischen öffentlichen Apotheken und ärztlichen Hausapotheken streichen. Davon würden die Patientinnen und Patienten gleich doppelt profitieren: Ihre Gemeinden finden leichter Ärztinnen und Ärzte, womit die wohnortnahe Versorgung gesichert wird, und sie kommen im Krankheitsfall leichter zu ihrem Medikament“, unterstreicht Steinhart. Darüber hinaus profitieren die Volkswirtschaft und die Umwelt. „Wir haben also eine Win-win-win-Situation ohne nennenswerte Nachteile – wenn jetzt nicht gehandelt wird, wann dann?“, so der Kammerpräsident. 

 „Auch in Wien müssen sich Patientinnen und Patienten oft auf mühsame Wege zur nächsten geöffneten Apotheke machen, gerade am Abend kommt dann noch das Problem der Öffnungszeiten dazu“, sagt Steinhart. „Mit dem Dispensierrecht ersparen sich Patientinnen und Patienten unnötige Wege. Infektionsketten insbesondere in Erkältungsperioden, die vor allem in der Großstadt mit ihren gut gefüllten öffentlichen Verkehrsmitteln ein Thema sind, werden minimiert, die Umwelt wird entlastet und beim Hausbesuch können Ärztinnen und Ärzte das Medikament gleich mitnehmen. So geht moderne und patientenorientierte Gesundheitsversorgung.“

Kilometergrenze aus der Zeit gefallen

Edgar Wutscher, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte, betont: „Die Forderung nach einer Lockerung der Regeln für die Führung einer ärztlichen Hausapotheke kommt nicht von der Ärzteschaft allein. Auch die Bundeswettbewerbsbehörde hat schon vor Jahren gefordert, die völlig aus der Zeit gefallene Kilometergrenze ersatzlos zu streichen.“ Es sei „insbesondere im ländlichen Raum […] aus wettbewerblichem Verständnis auch nicht nachvollziehbar, warum ein Patient mit diagnostizierter Krankheit von einem behandelnden Allgemeinmediziner, bei möglicherweise nicht flächendeckendem öffentlichen Personennahverkehr, noch mehrere Kilometer bis zur nächsten öffentlichen Apotheke für die Ausgabe von notwendigen, verschreibungspflichtigen Arzneimitteln zurücklegen muss“.

Rund 800 ärztliche Hausapotheken erreichen drei Millionen Menschen. Laut Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern ist ärztliche Versorgung zentral für die Attraktivität ihrer Gemeinden. Von 789 kommunalen Entscheidungsträgern erwarten laut einer Umfrage fast 70 Prozent Vorteile durch bessere Bedingungen für Kassenärztinnen und -ärzte, 56 Prozent durch Erleichterungen bei Gründung und Erhalt ärztlicher Hausapotheken.

„Ärztliche Hausapotheken hat der Gesetzgeber genau für diesen Zweck vorgesehen: die Versorgung mit Medikamenten im ländlichen Raum“, schildert Silvester Hutgrabner, Leiter des Referats für Hausapotheken und Medikamentenangelegenheiten in der Österreichischen Ärztekammer. Es sei Menschen nicht erklärbar, dass Patientinnen und Patienten beim Hausbesuch keine Medikamente bekommen und mit ihrem Rezept weite Wege auf sich nehmen müssen, nur weil die Apotheke zu nah an der Arztpraxis liegt.

„Es ist unverständlich und nicht zumutbar, dass kranke Menschen immer noch gezwungen werden, oft zig-kilometerlange Strecken auf sich zu nehmen, um zu ihrem dringend benötigten Medikament zu kommen, obwohl sie es bei ihrer Ärztin oder ihrem Arzt sehr einfach beziehen könnten.“
Johannes Steinhart