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Frauen in der Medizin: Gleichstellung und Respekt geht alle an

Beim vierten Future Talk in der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien drehte sich alles um das Thema Frauen in der Medizin. Das hochkarätig besetzte Podium diskutierte über Veränderungen, eigene Erfahrungen und wie der Arbeitsalltag von Frauen verbessert gehört.

David Hell

„Veranstaltungen wie diese gehören in ein Fußballstadion mit 40.000 Menschen. Aus einem Grund: Weil die Podiumsdiskussion so informativ und spannend ist, dass sie für viele Ohren taugt", sagte Moderator und „Die Presse“-Redakteur Köksal Baltaci beim Future Talk „Frauen in der Medizin“, der am Montag, 18. Mai 2026, in der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien stattfand. Das Podium, von dem er sprach, bestand aus Elisabeth Förster-Waldl, Universitätsprofessorin an der Medizinischen Universität Wien, Birgit Kofler, Autorin des Buches „Ärztinnen, die Geschichte schrieben“, Nina Böck, Co-Referentin in der Kammer sowie Kammer-Vizepräsidentin Naghme Kamaleyan-Schmied und Kammer-Vizepräsident Eduardo Maldonado-González. Die einleitenden Worte hielt Kammerpräsident Johannes Steinhart. Dieser gleich vorweg: „Das Thema Frauen in der Medizin ist ein wichtiges und großes Thema. Am Beginn meiner Präsidentschaft habe ich das schon als Schwerpunktthema definiert. Trotz allem was wir schon erreicht haben, sehe ich noch viel Handlungsbedarf.“

Ein Mann steht am Podium im Rahmen einer Veranstaltung.
Kammer-Präsident Johannes Steinhart: „Das Thema Frauen in der Medizin ist ein wichtiges und großes Thema. Schon zu Beginn meiner Präsidentschaft habe ich das als Schwerpunktthema definiert." / Foto: Stefan Seelig

Während die Medizin zwar weiblicher wird, bildet sich zu langsam eine weibliche Führungsriege heran. Nur 30 Prozent der Professuren in Österreich werden von Frauen verantwortet und bei den Primariaten liegt der weibliche Anteil bei 18 Prozent. Frauen erfahren auf verschiedenen Ebenen nicht dieselben Chancen wie ihre männlichen Kollegen. Eine von der Kammer in Auftrag gegebene Umfrage, deren Ergebnisse im Februar dieses Jahres präsentiert wurden, zeigte dies deutlich: Obwohl 75 Prozent der befragten Wiener Ärztinnen mit ihrer Karriereentwicklung prinzipiell zufrieden sind, haben rund zwei Drittel der befragten Ärztinnen selbst Hürden beziehungsweise Benachteiligungen erlebt. 60 Prozent der Ärztinnen waren mit geringschätzigen Bemerkungen konfrontiert und 62 Prozent wurde Misstrauen gegenüber ihrer Kompetenz durch Patientinnen und Patienten entgegengebracht. Überdies sind für 52 Prozent der Ärztinnen die Familienplanung und Kinderbetreuung die größten Karrierehindernisse. 93 Prozent der Frauen sprechen davon, dass der Mutterschaft im ärztlichen Berufsalltag strukturelle Nachteile entspringen. Das sind nur ein paar Punkte, die durch die Umfrage an die Oberfläche gekommen sind.

Eine, die trotz Hindernissen Karriere gemacht hat, ist Elisabeth Förster-Waldl. Sie ist Professorin für klinische Immunologie an der Medizinischen Universität Wien sowie Mutter zweier Töchter. Wie sieht sie die Gestaltungsmöglichkeiten, damit hochqualifizierte Frauen in verantwortungsvolle Positionen in der Medizin kommen? „Es hat sich in puncto Gleichstellung etwas getan – allerdings viel zu langsam. Wir stehen nicht mehr so da, wie in meinen Anfängen, als ich noch assistenzärztlich tätig war. Damals wurde man als Frau auf einer Station primär nicht als Ärztin identifiziert. Allerdings habe ich beobachtet, dass die Frauen, die es in eine Leitungsposition geschafft haben, fast immer Einzelkämpferinnen waren“, attestierte Förster-Waldl. Und genau das muss sich ändern. „Ich denke, von diesem Einzelkämpferinnentum müssen wir wegkommen. Insbesondere in der Medizin. Es ist unverständlich, wie es sich ein Land leisten kann, auf 50 Prozent hochqualifiziert Ausgebildete zu verzichten. Das führt zu Defiziten in gesellschaftlichen und in der ärztlichen Versorgung, wenn nicht strukturell dagegen gearbeitet wird“, sagte Förster-Waldl.

Eine Frau hält ein Mikrofon in der Hand und spricht hinein, während ein Mann links von ihr sitzt und zuhört.
Universitätsprofessorin Elisabeth Förster-Waldl: „Als ich in meinen Anfängen assistenzärztlich tätig war, wurde man als Frau auf einer Station primär nicht als Ärztin identifiziert." / Foto: Stefan Seelig

Heraus aus dem Einzelkämpferinnenmodus und hinein in ein größeres Ganzes liegt ganz in der Absicht von Nina Böck. Die Mutter einer Tochter, befindet sich gerade in Ausbildung zur Gynäkologin und ist Co-Referentin für Frauenpolitik, Gender und Diversity in der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. Sie und andere Ärztinnen haben das Frauennetzwerk „Ärztinnen:connect“ gegründet, um ähnliche Vorteile wie Männervereine zu erzielen. „Wenn nur 18 Prozent aller Primariate von Frauen geführt werden, müssen wir anfangen, uns als Frauen gegenseitig zu pushen und zu unterstützen. Damit sich hier etwas ändert. Wie es übrigens Männer schon seit Jahrhunderten machen. Und wir haben bemerkt, dass die Treffen in unserem Netzwerk wirklich auf sehr großen Anklang stoßen. Wir haben jedes Mal 100 Anmeldungen und 50 Personen auf der Warteliste“, sagte Böck.

Eine Frau hält ein Mikrofon vor den Mund während sie spricht.
Nina Böck, Referentin für Frauenpolitik, Gender und Diversity: „Wenn nur 18 Prozent der Primariate von Frauen geführt werden, müssen wir anfangen, uns als Frauen gegenseitig zu pushen und zu unterstützen. Damit sich hier etwas ändert." / Foto: Stefan Seelig

Um als Frau und vor allem als Mutter im ärztlichen Beruf ordentlich arbeiten zu können, bedarf es einer Entlastung. Einzubeziehen sind daher die Männer. Daher geht der Appell an sie, um ebenfalls Care-Arbeit zu leisten. Derzeit bleibe diese Arbeit eher an den Frauen hängen. „Da ist es so, dass die Männer nach der Arbeit gemeinsam was trinken gehen und die Frauen oft nach Hause, um ihre Kinder zu versorgen. Aber beim gemeinsamen Fußballschauen oder Trinken am Abend unter Männern wird dann ausgemacht, wer die Operationen auf den chirurgischen Abteilungen am nächsten Tag bekommt. Und die Frauen haben das eben oft nicht. Und genauso werden dann die Posten vergeben. Wenn die Männer auf ihre Kinder aufpassen würden und wenn sie auch in Karenz gingen, würde vieles für Frauen leichter werden“, führte Nina Böck aus. Und sie ergänzte: „Ich kann heute Abend ruhig hier sitzen, weil mein Mann mit meiner Tochter zu Hause ist. Ich konnte mit dem chirurgischen Fach weiter in Vollzeit arbeiten, weil mein Mann ein Jahr lang in Karenz gegangen ist. Sonst könnte ich niemals 40 Stunden arbeiten und auch noch bei der Kammer für Ärztinnen und Ärzte aktiv sein.“

Flexiblere Modelle
Vizepräsidentin Naghme Kamaleyan-Schmied, Mutter von zwei Söhnen, schlägt in dieselbe Kerbe: „Als ich jung war, hieß es: Hinter einem starken Mann steht immer eine starke Frau. Aber auch umgekehrt trifft das zu. Vieles ist möglich, wenn Männer ihren Anteil übernehmen. Ein starker Mann, ist einer, der sich um die Kinder kümmert und auch stark genug ist, die Wäsche zu machen und auch einmal bei einem kranken Kind zu Hause bleibt." Laut oben genannter Studie sagen 93 Prozent der befragten Ärztinnen in Wien, dass sie karrieremäßig Einbußen durch eine Mutterschaft haben und 61 Prozent der niedergelassenen Ärztinnen wollen flexiblere Modelle. Dazu Kamaleyan-Schmied: „Als ich meine Ordination gegründet habe, war mein jüngster Sohn ein Jahr. Ich konnte das nur machen, weil ich ein starkes Netzwerk hatte. Sowohl mein Mann als auch die Großeltern haben sich gemeinsam mit mir um die Kinder gekümmert. Außerdem musste ich die Ordination nur an zwei Nachmittagen bis 19 Uhr offenhalten. Anders wäre es nicht möglich gewesen. Viele junge Kolleginnen haben dieses Netzwerk nicht, weshalb für sie die verpflichtenden Öffnungszeiten einer Kassenordination ein Ding der Unmöglichkeit sind. Wir müssen also den jungen Kolleginnen, die in das Kassensystem wollen, Rahmenbedingungen schaffen, die ein Leben mit Familie und Beruf ermöglichen – und zwar so, dass sie nicht komplett gestresst sind und nach zwei Jahren im Burnout landen.“ Ein Vorschlag der Kammer-Vizepräsidentin lautet deshalb Vormittagsordinationen zu ermöglichen. „Es gibt keinen Grund der dagegenspricht und ich kenne in meinem eigenen Bekanntenkreis drei Kolleginnen, die morgen einen Kassenvertrag übernehmen würden, wenn sie diese Möglichkeit hätten.“

Eine Frau beim Sprechen mit einem Mikrofon in der Hand.
Vizepräsidentin Naghme Kamaleyan-Schmied: „Als ich meine Ordination gegründet habe, war mein jüngster Sohn ein Jahr. Ich konnte das nur machen, weil ich ein starkes Netzwerk hatte. Sowohl mein Mann als auch die Großeltern haben sich gemeinsam mit mir um die Kinder gekümmert.“ / Foto: Stefan Seelig

Mut und Courage aufbringen
Um gegen Geringschätzungen im Alltag aufzutreten, macht sich Vizepräsident Eduardo Maldonado-González, Vater zweier Kinder, stark. „Wenn man bei einem Gespräch dabei ist, wo der Chef eine Kollegin unfair behandelt oder sie herunterstuft aufgrund ihres Geschlechts, so muss man unbedingt den Mut aufbringen und sagen: Moment, so geht das nicht. Natürlich haben viele auch Angst um ihre eigene Position. Zurückzuziehen ist vielleicht verständlich, aber ein Fehler. Wir Männer müssen Teil des Kulturwandels sein. Wenn wir uns nicht einsetzen für diese Änderungen, wird sich leider wenig tun.“ Auf die Frage, was man auch im Beruf konkret machen kann, antwortete Maldonado-González: „Ich glaube, dass eine verbindliche Gleichstellung wichtig ist. Solche Maßnahmen dürfen nicht nur am Papier stehen, deren Einhaltung muss auch überprüft werden.“

Ein Mann beim Sprechen mit einem Mikrofon, das er in der rechten Hand hält.
Vizepräsident Eduardo Maldonado-González: „Wenn man bei einem Gespräch dabei ist, wo der Chef eine Kollegin unfair behandelt oder sie herunterstuft aufgrund ihres Geschlechts, so muss man unbedingt den Mut aufbringen und sagen: Moment, so geht das nicht." / Foto: Stefan Seelig

Sprache schafft Realität
Wie wichtig die Sprache im Prozess für mehr Gleichstellung in der Medizin ist, zeigte die Kommunikationsexpertin und Autorin Birgit Kofler auf: „In meiner Beschäftigung mit der Geschichte der Ärztinnen habe ich ganz klar gesehen, wenn Ärztinnen sprachlich nicht vorkommen, macht das etwas mit ihnen, sie fühlen sich nicht angesprochen. Lange Zeit wurden Ärztinnen als ‚weibliche Ärzte‘ bezeichnet. Darum war es auch so wichtig, die Frauen im Namen der Kammer sichtbar zu machen – als Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien und nicht nur Ärztekammer.“ Kamaleyan-Schmied: „Wir müssen Frauen sichtbar machen. Das beginnt bei der Sprache – denn Sprache schafft Realität. Mehr als 50 Prozent der Ärzteschaft sind Frauen, nicht zuletzt deshalb war es wichtig, dass wir die Kammer umbenannt haben.“

Eine Frau sieht leicht zur Seite beim Sprechen.
Autorin Birgit Kofler: „In meiner Beschäftigung mit der Geschichte der Ärztinnen habe ich ganz klar gesehen, wenn Ärztinnen sprachlich nicht vorkommen, macht das etwas mit ihnen, sie fühlen sich nicht angesprochen.“ / Foto: Stefan Seelig

Festschreiben und verbindlich machen
Das eine ist die gesprochene Sprache, das andere die verschriftete – die dokumentiert und festschreibt. „An allen chirurgischen Abteilungen berichten Frauen, dass sie weniger zum Operieren kommen als Männer. Und das ist etwas, das man sehr klar mit Daten und Fakten belegen kann. Die kann sich jede Abteilung aus dem Operationsprogramm Monat für Monat herausziehen und Statistiken machen. Da kann sich auch der Chef oder die Chefin ein Bild machen, wie es um die Gleichberechtigung bestellt ist“, sagte Nina Böck. Laut Birgit Kofler habe die Geschichte der Stellung von Frauen in der Medizin gezeigt, dass Vorschriften und gesetzliche Vorgaben unerlässlich sind: „Die wirklich großen Veränderungen sind nach gesetzlichen Veränderungen passiert. Also immer dann, wenn etwas auch festgeschrieben wurde. Und plötzlich konnten sich die Männer das nicht mehr untereinander ausmachen. Also immer, wenn was festgeschrieben wurde, hat sich wirklich was bewegt.“

Letztlich muss das Festgeschriebene auch kontrolliert werden. Förster-Waldl: „Evaluationen sind immer auch geeignete und essentielle Mittel zur Überprüfung. Es ist das gleiche, wenn wir zu einer Prüfung gehen und wissen, dass eine Frage nicht kommt, dann lernen wir dafür auch nicht. Wenn evaluiert wird, dann schauen wir darauf, dass die Vorgaben umgesetzt werden. Und solange etwas nicht festgeschrieben ist, etwa dass die Karenz 50:50 aufgeteilt werden soll, solange wird sich nichts ändern.“ In anderen Fällen reicht bereits ein Schatten, um Dinge im eigenen Umfeld zu ändern. Nina Böck schilderte: „Es muss zwar gesetzliche Änderungen geben, damit sich mehr bewegt, da stimme ich zu. Aber es können Änderungen auch recht einfach geschehen. Ich bin mit einer Chirurgin befreundet, die an einer Abteilung arbeitet, wo den Frauen aufgefallen ist, dass junge Fachärzte viel schneller zu Oberärzten ernannt werden als Frauen zu Oberärztinnen. Und so haben die Fachärztinnen, die noch nicht zu Oberärztinnen ernannt wurden, eine WhatsApp-Gruppe zu diesem Thema gegründet. Das hat sich rasch herumgesprochen und die Männer an der Abteilung haben daher ziemlich schnell Respekt bekommen. Nach kurzer Zeit wurden auch die Ärztinnen zu Oberärztinnen nachbenannt. Da merkt man halt, dass es geht, wenn sich Frauen zusammenschließen, auch im Kleinen. Und wenn man Oberärztin ist, ist auch der Aufstieg zur nächsten Ebene näher.“

Der Bruch der gläsernen Decke
Nur 17 Prozent der Frauen glauben laut Studie, dass Frauen und Männer gleichermaßen unterstützt werden. 68 Prozent sehen Männer klar bevorzugt. Frauen sehen sich also recht häufig mit einer gläsernen Decke konfrontiert, die kein Weiterkommen ermöglicht. Wie lässt sich diese durchbrechen und eine Karriere im Spital oder an einer Universität überhaupt bewerkstelligen? Universitätsprofessorin Förster-Waldl: „Ich bin stur und konsequent und habe das, was man heute als Resilienz bezeichnet, entwickelt bzw. entwickeln müssen. Es ist mir klar geworden, wenn ich das Spiel nicht mitspiele, nämlich drei Schritte nach vorne und eineinhalb oder zwei Schritte wieder zurück, und das immer und immer wieder, so kann ich gleich weggehen. Das wollte ich aber nicht, weil ich das, was ich bearbeite, lässt sich kaum irgendwo anders umsetzen als an diesem Standort. Meine Arbeit ist sinnstiftend und verändert das Leben meiner Patientinnen und Patienten nachhaltig durch Präzisionsdiagnostik und personalisierte Therapie und daher habe ich mein Ziel konsequent verfolgt.“ Kamaleyan-Schmied ergänzte: „Oft wird bei Frauenkarrieren von Glück gesprochen. Glück gehört bei Männern und Frauen gleichermaßen dazu. Aber was uns unterscheidet, ist: wir haben meist mehr dafür gearbeitet.“

„Oft wird bei Frauenkarrieren von Glück gesprochen. Glück gehört bei Männern und Frauen gleichermaßen dazu. Aber was uns unterscheidet, ist: wir haben meist mehr dafür gearbeitet.“
Sieben Personen stehen nebeneinander - es sind vier Frauen und drei Männer
Ein „Future Talk" mit hochkarätigem Podium und einem wichtigen Thema - Frauen in der Medizin.
Foto: Stefan Seelig
„Ich habe beobachtet, dass die Frauen, die es in eine Leitungsposition geschafft haben, fast immer Einzelkämpferinnen waren. Und ich denke, von diesem Einzelkämpferinnentum müssen wir wegkommen. Insbesondere in der Medizin. Es ist unverständlich, wie es sich ein Land leisten kann, auf 50 Prozent hochqualifiziert Ausgebildete zu verzichten."
 
© Ärztin für Wien | 21.05.2026 | Link: http://www.aerztinfuerwien.at/index.php/gesundheitspolitik/frauen-der-medizin-gleichstellung-und-respekt-geht-alle