Medizin im Krieg
Vortrag: Medizin im Krieg

„Verwundete bleiben oft viele Stunden an der Front liegen“

Fliegeralarme, Drohnenangriffe und schwerste Splitterverletzungen: Mehrmals im Jahr arbeitet der Wiener Gefäßchirurg Harald Teufelsbauer in ukrainischen Spitälern. Dort operiert er Verwundete und gefäßchirurgische Patienten, erlebt den Krieg aus der Nähe und hilft in einem Land, das längst zu seiner zweiten Heimat geworden ist.

Stefan Eckerieder-Donovan

In den frühen Morgenstunden ertönt Luftalarm in der 200.000-Einwohner-Stadt Ternopil. Harald Teufelsbauer tut, was ihm in solchen Fällen empfohlen wurde. Er geht in die Lobby seines Hotels. „Drohnen schlagen meist in den oberen Stockwerken ein. Daher ist es besser, sich im Falle eines Angriffs in den unteren Stockwerken der Gebäude aufzuhalten. Dort ist man in der Regel sicher.“ Allerdings ist die Lobby mit Ausnahme des Wieners menschenleer. „Na gut. Offenbar ist sonst niemand beunruhigt, dann gehe ich auch wieder schlafen“, beschreibt Teufelsbauer den ersten von mittlerweile unzähligen Alarmen, die er in der Ukraine miterlebt hat. Der Ausnahmezustand ist in der Ukraine längst zum Alltag geworden.

Harald Teufelsbauer ist Gefäßchirurg an der Universitätsklinik für Allgemeinchirurgie der MedUni Wien und engagiert sich bereits seit vielen Jahren medizinisch in der Ukraine. Er ist auch Ehrenprofessor an der Universität von Ternopil. Seit dem Beginn des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine im Jahr 2022 ist er mehrmals im Jahr an der Universitätsklinik, immer für ca. drei Wochen, und unterstützt die ukrainischen Operationsteams dabei, sowohl komplexe gefäßchirurgische Patientinnen und Patienten als auch die zahlreichen militärischen und zivilen Kriegsopfer zu versorgen, die ohne Unterlass aus den Gebieten der Hauptkampfhandlungen im Osten des Landes in große Spitäler im Westen der Ukraine transportiert werden. Wie oft er bereits in den vergangenen viereinhalb Jahren in die Ukraine gereist ist, hat er nicht mitgezählt. Noch weniger weiß er, wie viele Patientinnen und Patienten beziehungsweise Verwundete er schon operiert hat.

Seine tiefe Verbundenheit mit der Ukraine ist über viele Jahre gewachsen – vor allem durch seine Frau Maryana, eine Ukrainerin, mit der Teufelsbauer seit 23 Jahren verheiratet ist. „Ich habe am Anfang geglaubt, ich habe eine Ukrainerin, eine Frau geheiratet, die ich liebe. Mir ist erst nachher bewusst geworden, dass ich mit der Frau ein ganzes Land geheiratet habe“, sagt Teufelsbauer. Dass ihn diese Zugehörigkeit eines Tages als Mitglied eines medizinischen Teams in ein Land im Krieg führen würde, war damals nicht absehbar.

Bis zum Beginn des Krieges hatte sich der Wiener mit Kriegsmedizin lediglich theoretisch beschäftigt. Aber dieser Krieg schreibt die Regeln der Kriegsführung und Versorgung ohnehin neu. „Wir haben es hauptsächlich mit verletzten Gliedmaßen, konkret Schrapnellverletzungen und massive Weichteil- und Knochentraumata, zu tun sowie mit Verbrennungen“, sagt Teufelsbauer. Diese stammen überwiegend von Explosionen durch die einschlagenden Artilleriegranaten, Raketen oder Drohnen. Hauptaufgabe für die Chirurginnen und Chirurgen ist die Versorgung von komplexen Explosions- und Splitterverletzungen, oft an mehreren Körperregionen gleichzeitig. Dabei gilt es, Fremdkörper und zerstörtes Gewebe zu entfernen, offene Knochenbrüche zu stabilisieren sowie Gefäße und Nerven zu rekonstruieren. Nicht selten müssen auch Gliedmaßen amputiert werden. „Aber in vielen Fällen gelingt es uns, Menschen wieder völlig herzustellen und sie gesund wieder zu entlassen“, sagt er. 
 

Vortrag:
Medizin im Krieg: Ein Wiener Chirurg berichtet aus der Ukraine
Der Chirurg Harald Teufelsbauer engagiert sich seit vielen Jahren in der Ukraine. Am Donnerstag, 17. September 2026, berichtet er in einem exklusiven Vortrag in der Kammer über seine Motivation, seine Einsätze während des Krieges und gibt eindrucksvolle Einblicke in das Sanitätssystem der ukrainischen Armee, innovative Techniken an der Frontlinie sowie die Herausforderungen für die medizinischen Teams.

Anmelden


Die Drohnentechnologie habe die Kriegsführung völlig verändert. „Mit Panzern kommt man nicht mehr weit. Diese werden sehr leicht von den Drohnen aufgespürt und zerstört. Die gesamte Frontlinie wird von Drohnen überwacht. Es ist ein Stellungskrieg. Wer sich zu weit aus seinem Schützengraben wegbewegt, läuft rasch Gefahr, von einer Drohne beziehungsweise vom Drohnenpiloten, der meist viele Kilometer von der Frontlinie entfernt vor einem Bildschirm sitzt, erkannt und angegriffen zu werden. Schützen kann man sich dann nur noch, wenn es gelingt, die Drohne rechtzeitig mit Maschinengewehrschüssen vom Himmel zu holen. Nachts ist der Vorteil der Drohne noch größer, da sie mit einer Wärmebildkamera ausgestattet ist.“

Drohnen spielen im Krieg mittlerweile nicht nur bei militärischen Angriffen eine entscheidende Rolle, sondern auch bei der Versorgung Verwundeter, erklärt Teufelsbauer. „Verwundete liegen oft lange an der Front. Manchmal bis zu 24 Stunden, weil es zu gefährlich ist, sie abzuholen“, erklärt Teufelsbauer. Bisweilen bringen Drohnen sogar Blutkonserven, die direkt an der Frontlinie von „combat medics“ appliziert werden. Wenn es sicher scheint, werden sie dann unter anderem mittels unbemannter Fahrzeuge oder Panzerfahrzeuge abgeholt und in einen der sogenannten Stabilisierungspunkte gebracht, die meist unter der Erde liegen oder in einem stabilen Gebäude. Notärztinnen und -ärzte sowie Notfallsanitäterinnen und -sanitäter sorgen für die Erstversorgung, legen Zugänge, stoppen die Blutung. Dann erfolgt die Verlegung in ein Erstversorgungsspital hinter der Frontlinie, wo in frontnahen Krankenhäusern erste Notoperationen erfolgen. Sind die Verwundeten stabil, werden sie in medizinisch gut ausgestatteten Zügen, die zum Schutz vor Angriffen äußerlich nicht als Lazarettzüge erkennbar sind, in eines der großen Spitäler im Westen des Landes gebracht, wo sie weiterbehandelt werden.


Der Krieg hat auch erhebliche Auswirkungen auf die medizinische Versorgung der Zivilbevölkerung. „Kriegsopfer haben Vorrang. Die Spitäler werden von den Menschen nur im Falle schwerer Erkrankungen oder Verletzungen aufgesucht“, erklärt er. Auch die Versorgung chronischer Erkrankungen leide erheblich unter dem Krieg. Der Durchhaltewille der Ukrainerinnen und Ukrainer sei dennoch ungebrochen.

3 Menschen operieren eine Person
In vielen Fällen gelingt es den medizinischen Teams in der Ukraine, Verwundete wieder völlig herzustellen und sie gesund wieder zu entlassen, erklärt Teufelsbauer. Foto: privat

Noch gebe es ausreichend medizinisches Personal im Land, um die Versorgung der Armee sowie der Zivilbevölkerung aufrechtzuerhalten. Unterstützung erhalten die ukrainischen Teams immer wieder von (Militär)ärztinnen und (Militär)ärzten aus aller Welt, die insbesondere in zahlreichen Spitälern im Westen und der Mitte des Landes im Einsatz sind. Bei medizinischer Ausstattung sei die Ukraine aber in vielen Bereichen auf internationale Spenden angewiesen. „Basisausrüstung gibt es genug, aber es fehlt vor allem an teurem medizinischen Hightech-Equipment“, sagt der Wiener, der selbst bei jedem Besuch in der Ukraine einen Bus voller Spenden mit medizinischem Material in das Land bringt. Als offizieller ukrainischer Sonderrepräsentant hat er freie Fahrt über die schwer bewachte Grenze und im ganzen Land. Vergangenes Jahr wurde Teufelsbauer mit dem ukrainischen Orden des Heiligen Panteleimon ausgezeichnet. Der Preis würdigt Persönlichkeiten, die sich durch außergewöhnliche medizinische Professionalität, besonderes ethisches Verhalten und Barmherzigkeit gegenüber Patientinnen und Patienten hervorheben. Als außergewöhnlich empfindet er seinen Einsatz dennoch nicht. „Ich mag die Ukraine und die Ukrainer einfach. Das Land ist wunderschön und ich fühle mich dort sehr wohl.“

Spenden

Harald Teufelsbauer nimmt auf seinen Fahrten in die Ukraine immer regelmäßig dringend benötigtes medizinisches Material zur Versorgung der Verwundeten und der Zivilbevölkerung mit. Benötigt wird vor allem Spezialequipment.

Derzeit gibt es noch kein Spendenkonto. Es gibt aber die Möglichkeit für Sachspenden. Benötigt werden unter anderem:

  • Abominelle Retraktoren (Thompson oder Omnitract)
  • Oszillierende Sägen mit Batterie oder Strombetrieb
  • Bipolare Pinzetten mit Kabel (Erbe), ev. HF-Geräte
  • Thorakale Retraktoren
  • Vakuumpumpen mit Strombetrieb
  • Carotisshunts
  • Rinderpericardpatches
  • Bifurkationsprothesen aller Größen
  • Nähtmaterial: Prolene und PDS: 3/0, 4/0, 5/0, 6/0 ACC, 7/0
„Wir haben es hauptsächlich mit verletzten Gliedmaßen, konkret Schrapnellverletzungen und massive Weichteil- und Knochentraumata, zu tun sowie mit Verbrennungen.“
Sujet mit Ankündigung des Vortrags und Bild eines Mannes
Der Wiener Chirurg Harald Teufelsbauer schildert seine Eindrücke der medizinischen Versorgung in der Ukraine.
Privat/Visualisierung AEK Wien
„Basisausrüstung gibt es genug, aber es fehlt vor allem an teurem medizinischen Hightech-Equipment.“
 
© Ärztin für Wien | 26.08.2026 | Link: http://www.aerztinfuerwien.at/medizin/verwundete-bleiben-oft-viele-stunden-der-front-liegen